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Frauen fahren ihre Krallen aus

Von Frank Siering
Das Gesicht der amerikanischen Chefetagen trägt heute mehr Make-up denn je zuvor. Dass immer mehr Frauen die Rolle des Big Boss übernehmen, ist nicht erst seit Ebays Meg Whitman und Indra Nooyi von Pepsi bekannt. Doch die Damen in den Führungspositionen bekämpfen sich lieber untereinander, statt zu kooperieren.
?Wenn es eine Frau erst mal nach oben geschafft hat, neigt sie dazu, sich ihren Raum frauenfrei zu halten?, sagt Psychologin Mechtild Erpenbeck. Foto: Archiv
LOS ANGELES. Mit dem lange überfälligen Vormarsch von Managerinnen schleicht sich ein neues Problem in die Chefetagen ein: Erfolgreiche Frauen fahren im Büro die Krallen gegeneinander aus. In den USA ist der so genannte Catfight-Faktor in aller Munde ? auf Deutsch wohl am besten mit Stutenbissigkeit zu übersetzen.Judith Sills, Psychologin und Bestsellerautorin aus Philadelphia, beobachtet: ?Frauen stellen sich immer häufiger gegenseitig ein Bein. Sie solidarisieren sich nicht, sondern versuchen, sich untereinander auf dem Weg nach oben auszuschalten.? Sills untersuchte die These, ob Frauen noch eifersüchtiger auf den Erfolg ihrer Geschlechtsgenossinnen sind, als Männer. Frauenexpertin und Bestsellerautorin Nan Mooney ist ebenfalls davon überzeugt: ?Frauen, die auf der Karriereleiter nach oben steigen, werden von anderen Frauen nicht als Komplizin, sondern als Bedrohung gesehen.?

Die besten Jobs von allen

Das erlebte zum Beispiel Conny Aktursek, als ihr in einer Werbeagentur in Los Angeles plötzlich eine Frau als Chef vor die Nase gesetzt wurde: ?Ich war über meine Reaktionen selbst überrascht. Ständig habe ich versucht, neue kritische Punkte an meiner Chefin zu finden. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich schlecht über sie in der Kantine zu sprach.? Für Sills ein ganz typisches Verhalten. Auch Robert Bornstein, Psychologe an der Adelphi University in Long Island, New York, urteilt: ?Frauen gehen in der Geschäftswelt oft kritischer mit anderen Frauen um als mit Männern.? Und: ?Sie sind es gewohnt, gerade in einer männerdominierten Geschäftswelt noch härter aufzutreten als ihre Anzug tragenden Kollegen.?Eigentlich lächerlich. Denn Frauen, die am Arbeitsplatz keine Konkurrentin neben sich dulden, nur auf sich selbst fokussiert sind und darüber das größere Ziel ? den Erfolg im Job ? aus den Augen verlieren, ?sind ein gefundenes Fressen für jeden männlichen Manager?, bedauert Bornstein.Für dieses Konkurrenzverhalten, das zu typisch weiblichen Managerfehlern führt, wird oft dieses Argument angeführt: Frauen sind anders sozialisiert. ?Seit Urzeiten mussten Frauen mit anderen Frauen im Wettkampf um die Ressourcen, die Männer besorgen konnten, treten. Das war notwendig, um das Überleben der eigenen Kinder zu sichern. Und dieser Instinkt hat sich bis heute ins Büro fortgepflanzt?, weiß Psychologin Sills.Zum anderen haben Frauen in der heutigen Gesellschaft noch immer eine gewisse Rollenerwartung zu erfüllen. Sie treten in Wettkampf mit Männern in der Geschäftswelt, müssen aber gleichzeitig als Matriarchin der Familie fungieren ? ein schwieriger Spagat. Den Männern auf der anderen Seite fällt es heute in der Geschäftswelt noch immer leichter, als Mentor für eine weibliche unerfahrenere Kollegin aufzutreten. Das Stereotyp, dass Frauen sich im Büro nicht um Frauen kümmern, wird somit aufrechterhalten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Frauen im Management haben mit schlechteren Karrierechancen zu kämpfen. Daneben haben Frauen im Management mit schlechteren Karrierechancen zu kämpfen. Die Berliner Psychologin Mechtild Erpenbeck weiß: ?Wenn es eine Frau erst mal nach oben geschafft hat, neigt sie dazu, sich ihren Raum frauenfrei zu halten.? Eine Studie der Unternehmensberatung German Consulting Group unter weiblichen Führungskräften bestätigt, dass sich Frauen auf der Karriereleiter oft gegenseitig im Weg stehen. Drei von vier befragten Managerinnen gaben an, dass sie besonders von Kolleginnen auf derselben Hierarchiestufe auf dem Weg zum Erfolg massiv behindert wurden.Ein weiterer Reibungspunkt zwischen Frauen im Job ist das Mutterdilemma. Weibliche Singles und Mütter kommen im Büro oft nicht miteinander klar. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Singles können mehr Zeit in den Beruf investieren und sind nicht ? wie Mütter ? auf den Rücksichtsfaktor angewiesen. Besonders unangenehm ist nach Erpenbecks Erfahrung dieser Typus: ?Frauen, die sich unter Verzicht auf Kinder hochgearbeitet haben ? und nun allergisch reagieren auf Alltagsproblemen von Kolleginnen mit Kindern.? Die Folge: Die beiden Lager verschwenden mehr Zeit, gegeneinander zu arbeiten als miteinander zum Erfolg zu kommen. Währenddessen wetteifern die Väter und Ehemänner ungestört um neue Beförderungsposten, ohne über den Kinderfaktor nachdenken zu müssen. ?Diese Erklärung mag sich banal anhören, ist aber für jede Mutter ein echtes Problem?, weiß auch Psychologe Bornstein.Wie aber können Frauen verhindern, dass sie sich im Konkurrenzkampf gegenseitig matt setzen? Psychologin Sills hält es für wichtig, dass sich Frauen als Gruppe innerhalb der Firma organisieren. ?Das können ganz normale Kaffeekränzchen sein?, schlägt sie vor. Dies stärkt die Identität als Gruppe und kann auch der Firma nur hilfreich sein. Ein ganz einfacher Tipp ist: Ignorieren Sie Ihren Ruf im Unternehmen. Erfolgreichen Frauen wird oft das Image der superaggressiven Managerin angehängt. ?Glauben Sie nur das, was Sie auch in der Firma erleben?, betont Sills.
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Und: Den Konkurrenzkampf unter Frauen als solchen einfach anzuerkennen ist Voraussetzung für einen fairen Wettbewerb untereinander. Autorin Mooney unterstreicht: ?Frauen müssen lernen, dass es okay ist, Konflikte offen auszutragen.? Psychologin Sills pflichtet bei: ?Es ist ohnehin kein Geheimnis, wenn Frauen um denselben Posten kämpfen. Laden Sie Ihre Konkurrentin mal zum Mittagessen ein, machen Sie kleine Späßchen ? das lockert die Atmosphäre im Arbeitsumfeld auf.?Alles in allem sollten Frauen den Männern vielleicht ein bisschen das althergebrachte Geschäftsmantra abgucken. ?It?s just business?, heißt es in den USA so schön. Und genau das ist es, was den Catfight-Faktor entschärfen könnte. Denn am Ende des Tages geht es nicht um weibliche oder männliche Dominanzfaktoren. ?Am Ende geht es ums Geschäft?, bringt es Ebay-Chefin Meg Whitman auf den Punkt.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.05.2007