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Frau aus Stahl

Katharina Kort
Für Italiens Industrieverband Confindustria ist es eine kleine Revolution: Mit der Industriellen Emma Marcegaglia rückt erstmals eine Frau an die Spitze und wird damit Nummer eins der italienischen Wirtschaft. Heute will sie der mächtige Verband in Rom offiziell nominieren.
?Das größte Hindernis der Frauen sind oft die Frauen selbst?, sagt Emma Marcegaglia. Foto: ap
MAILAND. Als Kind hat sie einen Traum: Sie sieht sich einmal als Primaballerina auf einer großen Bühne.Doch der Traum geht nicht in Erfüllung. Stattdessen landet Emma Marcegaglia ganz woanders: in der Stahlindustrie. Und am heutigen Donnerstag feiert sie keine Ballett-, sondern eine andere Premiere: Der Rat der Confindustria wird sie offiziell zur einzigen Kandidatin für den Vorsitz des mächtigen italienischen Industrieverbandes küren. Die elegante 42-Jährige präsentiert sich in Rom den Delegierten. Ihrer Nominierung auf der Hauptversammlung im Mai steht dann nichts mehr im Weg.

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Emma Marcegaglia, die im Vorstand des familieneigenen Stahlunternehmens Marcegaglia mitmischt, soll bei der Confindustria niemand Geringeren ablösen als den Fiat-Präsidenten Luca Cordero di Montezemolo. Zum ersten Mal seit der Gründung im Jahr 1919 führt dann eine Frau den Verband, der in der italienischen Politik mitredet und so mächtig ist wie in Deutschland BDI und BDA zusammen.?Ihre Nominierung ist eine kleine Revolution?, sagt der Generaldirektor des Wirtschafts- und Sozialforschungsinstituts Censis, Giuseppe Roma, über die Kandidatur von Emma Marcegaglia, ?es zeigt, dass die Wirtschaft das Thema Frauen ernst nimmt?.Aber nach einer Studie der Bocconi-Universität halten Frauen weniger als fünf Prozent der Vorstandsposten von börsennotierten Unternehmen in Italien. Ausnahmen sind meist Töchter von Unternehmern, die entweder keine Söhne haben oder ihren Söhnen den Job nicht zutrauen ? wie Marina Berlusconi, Tochter von Silvio Berlusconis und Chefin des Fininvest-Imperiums.?Das größte Hindernis der Frauen sind oft die Frauen selbst?, sagt Emma Marcegaglia. Zu häufig bremsten Ängste und traditionelle Rollenbilder die Unternehmerinnen. Sie rät deshalb, ?es zu probieren, an sich zu glauben; auch wenn es schwer ist, es ist die Mühe wert?.Dass die energische Frau die nötige Kompetenz für den Chefposten des Verbandes mitbringt, daran gibt es in Italiens Wirtschaft keine Zweifel. Das Wahlgremium hat bei seinen Vorgesprächen eine Zustimmung von 95 Prozent für Marcegaglia erhalten ? ein Rekord. Deshalb gibt es ausnahmsweise keinen Gegenkandidaten. Zu den Befürwortern Marcegaglias gehören Größen wie die Nummer eins des Haushaltsgerätehersteller Indesit, Vittorio Merloni, und Fiat-Chef Sergio Marchionne. ?Emma Marcegaglia ist sehr gut?, lobt Marchionne, ?und auch wenn es an sich nicht wichtig ist, dass es eine Frau ist, so ist es doch ermutigend.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sie erhält den Spitznamen "Black & Decker" Stets ein Lächeln auf den Lippen, nimmt die Stahlunternehmerin jeden Raum ein, den sie betritt. ?Emma Marcegaglia ist sehr freundlich und nett, aber kann auch sehr tough sein, wenn es drauf ankommt?, sagt ein Vertreter der Confindustria. ?Für sie spricht auch, dass sie im Verband viel vor Ort war?, sagt er. Statt ihre Arbeit wie andere von ihrem Sessel in Rom aus zu erledigen, sei sie als Vizepräsidentin durchs Land gereist, um direkt mit den Mitgliedern über ihre Anliegen zu sprechen.Die künftige Präsidentin muss sich um viele Themen kümmern: vom Kampf gegen die organisierte Kriminalität im Süden Italiens bis zu den landesweiten Tarifverhandlungen, bei denen die Confindustria die Löhne stärker an die Produktivität binden will. Politisch lässt sich Marcegaglia keinem Lager zuordnen.Die Mutter einer fünfjährigen Tochter hat ihre Führungsqualitäten im Industrieverband bereits früh bewiesen. Schon mit 28 Jahren wird sie stellvertretende Präsidentin der Jungindustriellen. Dort erwirbt sie sich den Spitznamen ?Black & Decker? für ihre Hartnäckigkeit. Dann, 1996, legt sich die selbstbewusste Frau mit dem mächtigen Zentralbankchef Antonio Fazio an, als er die Unternehmer kritisiert, zu viel zu verdienen.Doch sie selbst hat nicht viel für Luxus übrig, außer wenn es um antike Uhren geht: Dafür streift die Frau, die auch Schokolade und Tennis-Spielen mag, in ihrer Freizeit über Flohmärkte. Die Wochenenden versucht sie sich hingegen für die Familie freizuhalten. Außerdem fördert sie mit der eigenen wohltätigen Organisation, dass Nabelschnüre für Stammzellforschung gespendet werden.In dem von ihrem Vater gegründeten Unternehmen Marcegaglia SpA sitzt sie im Vorstand und ist dort mit ihrem Bruder für Finanzen zuständig. Es dürfte nicht leicht sein, sich aus dem Schatten eines solchen Vaters zu lösen: Steno Marcegaglia ist ein anerkannter Selfmademan, der aus eigener Kraft ein stahlverarbeitendes Unternehmen mit 47 Fabriken und einem Umsatz von vier Milliarden Euro aufgebaut hat."Ich habe enormen Respekt vor Leuten wie Emma Marcegaglia, die es schaffen, trotz der sperrigen Präsenz der Väter hervorzustechen?, sagt der Censis-Generaldirektor Roma. Sicher, solange es um die Familie und ihr Unternehmen geht, bleibt der Vater dominant: Beobachter berichten, dass Emma zu offiziellen Anlässen, sobald ihr Vater dabei ist, schüchterner auftritt als sonst. Doch als künftige Präsidentin der Confindustria hat sie nun alleine das Sagen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Karriere im Industrieverband Emma Marcegaglia 1965Sie wird in Mantova geboren. Ihr Vater ist Gründer des Stahlunternehmens Steno Marcegaglia SpA. Emma Marcegaglia macht später ihren Abschluss in BWL mit Höchstpunktzahl an der Mailänder Bocconi-Universität.1989Sie schließt einen MBA an der New York University an und startet im Familienunternehmen der Marcegaglia SpA, wo sie heute im Vorstand für Verwaltung und Finanzen zuständig ist.1994Emma Marcegaglia wird Vizepräsidentin des Verbands der Jungunternehmer der Confindustria (dem deutschen BDI vergleichbar).1996Sie wird Vizepräsidentin des Industriellenverbands Confindustria. Ab 2000 ist sie insbesondere für Europa und ab 2004 für Energie zuständig.2008Sie wird Präsidentin.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.03.2008