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Franzose ehrenhalber

Von Ingo Reich, Handelsblatt
Martin Michaeli hat ein ganz klares Weltbild. Der deutsche Gründer der weltweit erfolgreichen französischen Schuhmarke ?Mephisto? teilt die Menschheit in die anständigen Leute und die weniger anständigen.
SARREBOURG. Als der 68-Jährige vor rund vierzig Jahren im Elsass und in Lothringen auf Standortsuche für seine Schuhfabrik war, führte sein Weg in jedem in Frage kommenden Ort zunächst zum Bürgermeister und zum Pfarrer. Die erste Frage, die der junge Unternehmer den Honoratioren stellte, war: ?Habt ihr Kommunisten im Ort?? Erst ein eindeutiges ?Nein? verlieh dem Standort die nötige Attraktivität.Kurz zuvor hatte ihm eine streikbereite Belegschaft im elsässischen Seesenheim beinahe die Freude am Geschäft verdorben. Dabei sicherten ihm allein die niedrigen Löhne in direkter Nachbarschaft zu seinen Zielmärkten Deutschland, Schweiz und Österreich den dringend notwendigen Kostenvorteil vor der deutschen Schuhindustrie. Seine Vision: komfortable Schuhe, die sich ohne Druck den Füßen der Kunden anpassen.

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Heraus kommt damals ein hässlicher, aber äußerst bequemer Schuh mit Schnellschnürung. Er erfreut sich alsbald bei einer vornehmlich älteren Kundschaft im deutschsprachigen Raum großer Beliebtheit. Auch Altbundeskanzler Helmut Kohl und Papst Johannes Paul II. wurden schon in den lässigen Tretern angetroffen.Noch heute exportiert Michaeli, der sich schließlich im lothringischen Sarrebourg niederließ, 85 Prozent seiner inzwischen auch schick gewordenen Schuhmode, rund 600 Modelle hat Mephisto im Programm. Mehrfach wurde Michaeli mit dem ?Export-Oscar? der französischen Regierung ausgezeichnet. Der französische ?Unternehmer des Jahres 1999? begleitet außerdem Premierminister Jean-Pierre Raffarin auf Auslandsreisen. Staatspräsident Jacques Chirac machte ihn kürzlich zum ?Ritter der Ehrenlegion?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Michaeli ist ein KontrollfreakDoch trotz der noblen Versuche zur Vereinnahmung fühlt sich Michaeli weiter als Deutscher, auch wenn er, was selten vorkommt, im Gespräch mal eine deutsche Vokabel vergisst. Fast demonstrativ hat er sein Top-Management mit deutschen Führungskräften bestückt. Außerdem verhindert ein seit Jahren dauernder Steuerstreit mit dem französischen Fiskus eine allzu innige Liaison mit der ?Grande Nation?.Auch gegenüber den Kreditinstituten lässt Michaeli Vorsicht walten. ?Wer einmal darum betteln musste, dass die Bank am Freitag die fälligen Löhne vorschießt, wird dafür Sorge tragen, dass er nie wieder in eine solche Situation kommt?, sagt Michaeli. Seit dieser Erfahrung sorgt er dafür, dass sein Unternehmen immer aus eigener Kraft über die notwendige Liquidität verfügt. Die Frage, wie es konkret um die Eigenkapitalquote bestellt sei, beantwortet er knapp: ?Sie ist gesund.?Michaeli ist ein Kontrollfreak, der getreu dem Motto ?Wenn ich es nicht mache, dann macht es keiner? seine Umgebung manchmal an den Rand der Verzweiflung treibt. ?Der Chef ist bei jeder Messe der Erste, der auf dem Messestand noch einmal die Schrauben nachzieht?, berichtet sein Vorstandssprecher Rolf Konrad und gönnt sich einen schicksalsergebenen Blick gen Himmel.Im Umgang mit Geschäftspartnern beweist Michaeli ebenfalls gesundes Misstrauen, besonders wenn er in neuen Märkten tätig wird. In den USA sind Mephisto-Schuhe zwar schon seit fast zwanzig Jahren zu haben, doch Michaeli weiß um die schwankende Zahlungsmoral vieler Amerikaner. Deshalb ist ein Mephisto-Mitarbeiter allein mit dem Kreditmanagement beschäftigt und steuert den Warenfluss in Richtung des US-Schuheinzelhandels nur bei pünktlichem Zahlungseingang.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Traumkarriere in den USA Bei allen US-Aktivitäten kommt Michaeli zugute, dass er seine ersten Schritte ins Berufsleben in den USA wagte. Als frisch gebackener Schuhingenieur legt er 1957 mit einem Passagierdampfer im New Yorker Hafen an, klappert fast ohne Englischkenntnisse die Büros der großen amerikanischen Schuhhersteller im Empire State Building ab und findet seinen ersten Job als Zuschneider in einer Schuhfabrik in Harrisburg/Pennsylvania.Es folgt eine Traumkarriere: Nach nur sechs Jahren in den Staaten hat Michaeli genug Geld für die Gründung eines eigenen Unternehmens zusammen. Zurück in Europa erfüllt er sich außerdem einen lang gehegten Wunsch: ein Mercedes Sportwagen 300 SL mit roten Ledersitzen, mit dem er nicht nur bei seiner Standortsuche Eindruck schinden kann.Heute produziert Mephisto in Frankreich und in Portugal. Verglichen mit China, sind auch das Hochlohnstandorte. Doch sind Asien und insbesondere China derzeit für Michaeli noch kein Thema. ?Man muss sich aber überall informieren?, ist seine Antwort, die wieder vieles offen lässt.Die Entscheidungsgewalt darüber, was künftig in seinem Unternehmen geschieht, möchte der 68 Jahre alte Unternehmer noch möglichst lange behalten. Mit Sohn Marc (31) und Tochter Stéphanie (35) arbeiten zwar schon zwei potenzielle Nachfolger im Unternehmen, doch Michaeli macht ihnen wenig Hoffnung, dass er sich allzu bald aufs Altenteil zurückziehen wird. Gerne erzählt er seinen Kindern die Geschichte von seinem Onkel, der geistig rege und immer noch putzmunter kürzlich in Saarbrücken seinen 101. Geburtstag gefeiert hat.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.12.2004