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Französisch ist Mangelware

Von Monica von Wysocki, Handelsblatt
In den vergangenen Jahren wurden 160 000 Stellen nicht optimal besetzt, weil die Bewerber nicht in ausreichendem Maße die französische oder Franzosen die deutsche Sprache beherrschen. Immer mehr Unternehmen suchen Hände ringend Mitarbeiter, die beide Sprachen beherrschen.
PARIS. Die Plakate hängen in den Wagen der Pariser Metro. Der schwarzhaarige Etienne aus Frankreich und die blonde Karin aus Deutschland arbeiten ? Hand in Hand ? in einem Labor. Das Motiv ist Teil einer Werbekampagne für die deutsche Sprache, initiiert vom Goethe-Institut. Denn geht es nach den nüchternen Zahlen, herrscht zwischen Deutschen und Franzosen immer noch Sprachlosigkeit.Nach einer neuen Studie des französischen Bildungsministeriums ist die Anzahl der Schüler und Studenten, die Deutsch lernen in den vergangenen zehn Jahren um knapp 40 Prozent gesunken. Das bedeutet einen Rückgang von 1,5 Millionen auf nur noch 940 000 junge Menschen. In Deutschland sieht die Situation nicht viel besser aus. Die Zahl der Französischschüler stagniert seit zehn Jahren bei etwa 1,5 Millionen. Zum Vergleich: Englisch lernen hierzulande sieben Millionen Schüler.

Die besten Jobs von allen

Peter Müller, Ministerpräsident des Saarlands und Bevollmächtigter der Bundesregierung für kulturelle Angelegenheiten mit Frankreich, will sich damit nicht zufrieden geben: ?Bei den Franzosen gilt Deutsch immer noch als schwierige Sprache, viele Schüler schrecken deshalb davor zurück.? Daher will Müller sich dafür einsetzen, dass öffentliche Institutionen verstärkt Werbung für die deutsche Sprache in Frankreich machen.Deutsche und französische Politiker arbeiten jetzt zusammen, um das Problem in den Griff zu bekommen. ?Es gibt in Paris einen klaren politischen Willen zur Privilegierung der Partnersprache Deutsch. Die Zahl derer, die Deutsch lernen, soll sich in den nächsten zehn Jahren um 50 Prozent steigern?, sagt Müller und verweist auf Initiativen von deutscher Seite. So gibt es bereits ein gemeinsames Sprachenzertifikat für die Schulen oder einen deutsch-französischen Tag, der regelmäßig im Januar gefeiert wird.Die stockende Sprachliebe hat inzwischen auch Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder. In Frankreich sitzen 2 700 deutsche Unternehmen, in Deutschland haben sich 1 400 französische Firmen angesiedelt. Sie suchen Mitarbeiter, die beide Sprachen beherrschen. Und davon gibt es nicht genügend. Die deutsch-französische Handelskammer spricht inzwischen von 160 000 Stellen in Frankreich, die in den vergangenen drei Jahren nicht optimal besetzt wurden, weil es an den deutschen Sprachkenntnissen der Bewerber haperte.Und auch in Deutschland besteht noch Potenzial auf dem Arbeitsmarkt. ?Jeden Tag kommen 30 000 Franzosen aus dem Grenzgebiet, um hier im Saarland zu arbeiten. Der Bedarf an Arbeitnehmern, die Deutsch und Französisch sprechen, ist enorm?, berichtet Ministerpräsident Müller.Ein Lichtblick für die Partnersprachen ist die deutsch-französische Hochschule. Studenten beider Länder lernen zusammen an einer deutschen und französischen Universität. Am Ende ihres binationalen Studiums bekommen sie ein Doppeldiplom und können Hand in Hand zusammen arbeiten. So wie der schwarzhaarige Etienne und die blonde Karin auf den Plakaten des Goethe-Instituts.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2005