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Franzdampf räumt auf

Florian Willershausen
Die Postbank ist ein moderner Finanzdienstleister geworden, ringt aber immer noch mit ihrem Behördenstigma. Nun soll's der Kaiser richten: Franz Beckenbauer präsentiert das Unternehmen dynamisch wie nie.
Macht der Rückengymnastik? Bauchtanz? Fährt der Trocken-Ski? Die Touristen im Berliner Olympiastadion rätseln, warum der adrett gekleidete Mann an der Mittellinie so rumzappelt. Er ruckt mit dem Oberkörper nach rechts, nach hinten, lässt die Schultern kreisen, den Kopf pendeln. Des Rätsels technische Lösung: Der Mann weicht unsichtbaren Fußbällen aus, die erst später, bei der Bearbeitung des Videos im Studio, auf ihn abgeschossen werden. Schnitt, Szene neun, die Erste, ist im Kasten. Kurze Drehpause. Franz Beckenbauer eilt aus dem Mittelkreis und greift zum Handy. Am späten Nachmittag wird er nach Frankfurt zum DFB fliegen. Bis 16 Uhr hat Regisseur John Buché Zeit, den Fußballkaiser in Szene zu setzen, wie er "Zidane-mäßig" mit gelben Postbank-Bällen spielt. Dazu wird hinterher ein Sprecher aus dem Off etwas von einem Gewinnspiel erzählen

Zum karriere-Urteil

Dribbeln fürs Renommee
Modern und erfolgsorientiert, so das Kalkül der Werber, kommt WM-Sponsor Postbank in dem 30-Sekunden-Beitrag rüber. Das Unternehmen will das schlechte Image loswerden, das es von der alten Bundespost geerbt hat. Und es will bekannter werden - als reine Privatbank, die sich auf den Anleger konzentriert. Rund 14,5 Millionen Bundesbürger haben bereits ein gelbblaues Konto. Es sollen noch mehr werden. Darum haben sich die Bonner Banker, die jüngst den Baufinanzierer BHW übernahmen und ihr Filialnetz um 850 Post-Niederlassungen erweiterten, in die erlauchte Riege der WM-Sponsoren eingekauft - und schießen nun aus allen Rohren: Gewinnspiele, Fernsehspots, Zeitungswerbung, WM-Angebote. Einen zweistelligen Millionenbetrag lässt es sich die Bank kosten, potenzielle Kunden in allen Teilen des Landes zu erreichen. "Die Postbank ist extrem volksnah", sagt Werbechefin Margret Dreyer, "und mit Fußball holen Sie alle ab.

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Kaiser fürs Volk
Im Regiezelt an der Seitenlinie wird diskutiert. "Der Franz guckt verschreckt", meint ein Regie-Assistent. "Souverän schaut er aus, richtig gut", hält die Producerin der Agentur BBDO dagegen. Schließlich entscheidet der Regisseur, noch einen Schnitt zu drehen. Die Visagistin rennt mit ihrem Puderdöschen auf Beckenbauer zu, der immer noch mit dem Handy beschäftigt ist. Die Zeit wird knapp. Dem Drehteam sitzt eine dunkle Wolke im Nacken. "Wenn es hier Bindfäden regnet, können wir erst mal einpacken", fürchtet Regisseur Buché. Frühmorgens um Viertel vor sieben stand Beckenbauer schon im Mittelkreis. Vorher hatte er allen Anwesenden die Hand geschüttelt, auch den Kabelträgern und Ballputzern. John Buché lobt die Bodenständigkeit des Bayern: "Ich habe noch nie erlebt, dass der Franz irgendwie rumzickt." Zur Mittagszeit sitzt der Kaiser mit dem Drehteam in der Kabine von Hertha BSC Berlin. Es gibt Schweinsgulasch, Schupfnudeln, Rosenkohl und stilles Wasser aus Plastikbechern. Beckenbauer plaudert über Stadiensicherheit und den Rummel um die Nationalelf. "Langsam wird's Zeit, dass das Spiel mal losgeht", sagt er. Für den Präsidenten des Organisationskomitees, der die WM nach Deutschland geholt hat, wird mit dem Anpfiff am 9. Juni in München ein Lebenstraum in Erfüllung gehen.

Alles Liebe für Sabine
Nach der Mittagspause regnet es sich ein. Drei Szenen stehen noch an, doch ans Drehen denkt jetzt keiner. Beckenbauer gibt den Kameraleuten Autogramme. "Für wen?" fragt er. Für Sabine. Liebe Sabine, alles Gute. Der Nächste bitte. Allmählich wird es ungemütlich. Beckenbauer hat eine Sturmjacke mit Pelzkragen übergezogen. Auf dem Rücken steht "Erste Liebe", der Name der Hamburger Produktionsfirma. Ein Werbespot mit Zwangspausen ist beinahe Entspannung für den 60-Jährigen, der vorgestern noch in Australien war und sofort wieder quer durch Deutschland hetzt. Fast 40 Jahre liegt sein Debüt als Werbestar zurück. Damals war er Nachwuchstalent der Bayern und drehte Spots mit Tütensuppen von Knorr. Heute tritt der Reklamekaiser nicht nur für die Postbank an, sondern auch für O2, Erdinger und Yello. Was freilich die Gefahr birgt, dass er sich als Werbefigur verbraucht. Werbechefin Dreyer sagt: "Wir meinen, dass es nicht mehr Werbeverträge werden sollten." Nach der WM läuft des Kaisers Postbank-Engagement noch ein Jahr, dann wird neu verhandelt - oder auch nicht

Volley ins Tor
Nach einer halbstündigen Pause geht es sportlich weiter. Der Kaiser soll ein Tor schießen und jubeln. Er zieht die "Erste Liebe"-Jacke aus, lässt sich noch mal pudern, rückt den Schlips zurecht. "Und los", ruft eine Frau in orangefarbener Weste. Der Kaiser sprintet zur Mittellinie und bolzt einen Postbank-Ball mit Schmackes über den Rasen. Tor! Diesmal war es ein echter Fußball. Und ein richtiges Tor. Weitere folgen, wie in alten Zeiten

Dieser Artikel ist erschienen am 30.05.2006