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Frankreich

Stefan Weißenborn
Seit Jahren bekommt Frankreich sein Arbeitsmarktproblem nicht in den Griff. Frankreich hat eine offizielle Arbeitslosigkeit von 9,8 Prozent, wobei die Quote der jungen Leute (15-29 Jahre) sogar bei 17,3 Prozent liegt.
Organisiertes Chaos

Barbara Thiessen, 37, kam mit zwei Koffern nach Paris, absolvierte eine Ecole de Commerce und arbeitet seit elf Jahren für die großen Namen der französischen Mode

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Wichtige Adressen

Ich wollte immer in die Mode. Als Gymnasiastin fuhr ich von Hamburg nach Paris und versuchte mich in die Modeschauen hineinzumogeln. Nach dem Abitur bin ich mit zwei Koffern ganz rüber, habe erst auf der Couch bei Bekannten geschlafen, dann mit getürkten Papieren eine Wohnung bekommen. Um meine Eltern zu beruhigen, besuchte ich zunächst eine französische Ecole de Commerce. Meinen ersten Job bei Dior bekam ich durch pure Dreistigkeit: Am Empfang sagte ich einfach, ich hätte einen Termin beim Directeur Commercial. Cerruti bot mir die erste feste Stelle an, dann wechselte ich über einen Headhunter zu Thierry Mugler. Heute bin ich Area Manager bei Christian Lacroix und betreue Kunden in Europa und den USA. Wenig Glamour, viel Arbeit - oft auch am Wochenende auf Messen. Die Wirklichkeit hier hat wenig mit den Frankreich-Klischees zu tun. Lange Mittagessen sind selten, meistens reicht es nur für ein Sandwich im Büro. Abends arbeiten wir oft bis in die Puppen. Stundenlange Meetings gibt es hier wie überall auf der Welt: Es wird viel geredet, wobei Franzosen allerdings viel analysieren. Ein Unterschied ist auch, dass die Entscheidungen oft schon vorab informell getroffen worden sind. Hier herrscht organisiertes Chaos. Aber ich liebe es. Wir arbeiten halt mit echten Künstlern. Wer Stabilität sucht, ist in der Pariser Modewelt fehl am Platze. Mode ist wie Jogurt - eine schnell verderbliche Ware. Alle drei Monate eine neue Kollektion. Ich habe in elf Jahren neun Chefs erlebt und genauso viele Strategiewechsel. Einmal habe ich deshalb meinen Job verloren. Man muss flexibel sein und Nerven haben. Ob ich von Paris weggehen würde? Vielleicht. Aber sicherlich nicht zurück nach Deutschland, dort fühle ich mich schon fast als Ausländer. Da ist mir alles zu eng

Die besten Jobs von allen


Arbeitsmarkt

Seit Jahren bekommt Frankreich sein Arbeitsmarktproblem nicht in den Griff. Frankreich hat eine offizielle Arbeitslosigkeit von 9,8 Prozent, wobei die Quote der jungen Leute (15-29 Jahre) sogar bei 17,3 Prozent liegt. Immer mehr junge Talente und Absolventen der besten Hochschulen wandern ins Ausland ab, insbesondere nach Großbritannien. Fast ein Viertel der französischen Arbeitsplätze liegt im Großraum Paris (Ile-de-France)

Boom-Regionen

Neben dem Hotspot Paris ist Toulouse wegen seiner Luft- und Raumfahrtindustrie und der Lebensqualität interessant. Als Geheimtipp gilt Sophia Antipolis, das französische Silicon Valley: An der Mittelmeerküste zwischen Nizza und Cannes haben sich staatliche Forschungseinrichtungen und Hightech-Startups angesiedelt - insgesamt 1.300 Unternehmen (darunter SAP, BMW, HP, Toyota) mit 26.000 Arbeitsplätzen, davon 4.000 in der Forschung

Gehalt und Lebensstandard

Im Großraum Paris wird deutlich mehr verdient als im Rest Frankreichs: Ein Angestellter in der Privatwirtschaft geht hier durchschnittlich mit einem Bruttojahresgehalt von 47.224 Euro nach Hause, während im übrigen Frankreich nur 42.318 Euro drin sind. 13 bis 14 Monatsgehälter sind üblich, der Verdienst für junge Akademiker liegt jedoch deutlich niedriger als in Deutschland. Ausgewiesen wird immer das Jahresbruttogehalt (salaire annuel brut), wovon 20 bis 25 Prozent Sozialversicherungsbeiträge abgehen. Die Einkommensteuer wird nicht vom Arbeitgeber einbehalten. Die Preise liegen im Ländervergleich auf deutschem Niveau; allerdings gehört Paris zu den 15 teuersten Städten der Welt

Bewerben

Kein Land in Europa ist so diplomgläubig wie Frankreich. Ein Abschluss einer der französischen Elite-Hochschulen ("grandes ecoles") ist zwar keine Karrieregarantie mehr, aber immer noch der Türöffner schlechthin. Initiativbewerbungen sind üblich, wobei hier das Anschreiben ("lettre de motivation") wichtiger ist als der Lebenslauf.
Joblinks: Wirtschaft und Arbeitsmarkt

  • Ende Januar 2001 lag die Arbeitslosenquote bei neun Prozent. Um diese relativ geringe Zahl zu erreichen, führte die Regierung verschiedene Maßnahmen durch - z.B. ABM-Maßnahmen für Jugendliche ("Emploi-Jeunes") oder die Arbeitszeitverkürzung von 39 auf 35 Stunden pro Woche

  • Die vier größten Wirtschaftsgebiete sind Paris, Lyon, Marseille/Aix-en-Provence und Lille. Dort leben 42 Prozent der Bevölkerung. In Paris und Umgebung konzentrieren sich Regierungsapparat, die wichtigsten Bildungseinrichtungen, die Hauptbüros der wichtigsten französischen Unternehmen, Finanzdienstleister sowie das verarbeitende Gewerbe. Lyon und Umgebung verfügt vor allem über eine ausgeprägte Schwerindustriebasis.
Stellensuche und Bewerbung

  • Für Deutsche, die in Frankreich Arbeit suchen, sind sehr gute französische Sprachkenntnisse ein Muss.

  • Gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben vor allem Ingenieure, sonstige Vertriebsspezialisten und Bürokräfte

  • Stellenangebote findet man in den Tageszeitungen "Le Monde" und "Le Figaro". In den Wochenzeitungen "L'Express" sind vor allem Stellen für das Management ausgeschrieben, in "L'Expansion" und "Le Point" vorwiegend für den technischen Bereich.

  • Die staatliche Arbeitsvermittlung, die Ihnen auch bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen behilflich ist, wird von den Dienststellen des nationalen Arbeitsamtes: Agence Nationale Pour l'Emploi - ANPE übernommen. ANPE verfügt über ein umfangreiches Informations- und Vermittlungsangebot - auch in Englisch.

  • Daneben gibt es private Arbeitsvermittler, Cabinets de Recruitment, die von Firmen mit der Personalsuche beauftragt werden

  • Der Verlag Interconnections wie auch www.letudiant.fr und www.afij.org listen Ferienjobs, Praktika und feste Stellen in Frankreich auf

  • Initiativbewerbungen sind in Frankreich beliebt, weil nicht alle Stellen ausgeschrieben werden. Beziehungen spielen bei Stellenbesetzungen in Frankreich eine große Rolle.

  • Eine weitere Besonderheit ist die Bewerbungssaison von Sommer bis Herbst; die meisten Akademiker werden im Herbst eingestellt

  • Auch die Standards für Bewerbungsunterlagen unterscheiden sich von den deutschen. Üblich ist ein handschriftliches Anschreiben. Der Lebenslauf sollte im Regelfall eine Seite umfassen. Zeugnisse werden normalerweise nicht beigelegt. Unterlagen werden von den Firmen nicht zurückgesandt.

  • Gehaltswünsche werden nicht im Bewerbungsschreiben genannt, sondern erst im Vorstellungsgespräch angesprochen

  • Es wird stark darauf geachtet, ob der Bewerber zu Unternehmen und Belegschaft passt.
Soziale Absicherung, Löhne, Steuer, Arbeitsverträge

  • Jeder Arbeitnehmer ist versicherungspflichtiges Mitglied der französischen Sozialversicherung, durch die Krankenversicherung, Mutterschaft, Invalidität, Todesfall, Altersversorgung, Witwenversorgung, Kindergeld, Arbeitslosenversicherung abgedeckt sind. Dafür wird ein Beitragssatz von etwa 21 Prozent erhoben. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine zusätzliche Rentenversicherung.

  • Zur gesetzlichen Krankenversicherung bieten viele Arbeitgeber eine Zusatzversicherung in Form einer Hilfskasse auf Gegenseitigkeit an, die dem Patienten eine Eigenbeteiligung ersparen soll. Die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung beinhalten freie Arzt- und Krankenhauswahl mit unterschiedlichen Selbstbeteiligungssätzen. Nähere Informationen erhalten Sie bei: Centre de Sécurité Sociale des Travailleurs Migrants (CSSTM), 11, rue de la Tour des Dames, F-75236 Paris Cedex 09

  • Der Arbeitsvertrag, ob von begrenzter oder unbegrenzter Dauer, beinhaltet üblicherweise die Arbeitszeit, das Arbeitsentgelt und sonstige Zuwendungen, die Beschreibung der Funktion der Stelle, der Position und des Arbeitsplatzes.

  • Die Dauer der Probezeit muss jeweils im Arbeits-/Angestelltenvertrag festgehalten werden. Für Führungskräfte sind drei Monate üblich, für andere Arbeitnehmer ein Monat. Während der Probezeit können beide Seiten das Arbeitsverhältnis ohne Angabe von Gründen von heute auf morgen lösen. Die Kündigungsfrist außerhalb der Probezeit, die mit dem Datum der Zustellung der Kündigung beginnt, beträgt für Führungskräfte drei Monate, für Meister oder vergleichbare Positionen zwei Monate, für die übrigen Arbeitnehmer einen Monat

  • Während des Urlaubs erhalten Arbeitnehmer eine Entschädigung von 1/10 des gesamten Jahresbruttoverdienstes. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine Gewinnbeteiligung in Unternehmen, die mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigen.

  • Die Einkommensteuer wird nicht vom Arbeitgeber einbehalten, der Arbeitnehmer muss sie selbst abführen. Arbeitnehmerbeiträge für die Sozialversicherungen werden allerdings vom Arbeitgeber einbehalten und abgeführt. "Geldwerte" Leistungen wie Kost, Wohnraum, Heizung, Bekleidung oder Prämien können vom Arbeitgeber geboten werden, weisen jedoch je nach Berufsbranche sehr unterschiedliche Formen auf. Manche Unternehmen zahlen ihren Angestellten ein 13. Monatsgehalt. Diese Leistungen sollten aber im Arbeitsvertrag festgehalten werden.

  • In Frankreich gibt es einen allgemein garantierten, gesetzlichen Mindestlohn (SMIC - salaire minimum interprofessionnel de croissance), der von der Regierung entsprechend der allgemeinen Lohnentwicklung regelmäßig zum 1. Juli eines Jahres festgesetzt wird. Er beträgt im Augenblick (2003) 7,19 Euro pro Stunde

  • Kindergeld wird für das zweite und jedes weitere Kind bis 19 bzw. 20 Jahre gewährt. Zuständig für das Kindergeld ist die Kindergeldkasse "Caisse d'allocations familiales" des Wohnortes.
Wichtige Adressen

Französische Botschaft
Pariser Platz 5
10117 Berlin
Tel.: (030) 5900390
Fax: (030) 590039110
e-Mail: jacques-pierre.gougeon@diplomatie.gouv.fr
www.botschaft-frankreich.de

Instituts français en Allemagne / Französische Kulturinstitute in Deutschland
Adressen unter: www.kultur-frankreich.de

Europäisches Berufsberatungszentrum Arbeitsamt Rastatt
Karlstraße 18
76437 Rastatt
Tel.: (0 72 22) 9 30186
Fax: (0 72 22) 9 30415
E-Mail: Rastatt.euroguidance@arbeitsamt.de

Internetadressen

www.onisep.fr
ONISEP: Die wichtigste Organisation in Frankreich, die berufskundliche Unterlagen aller Art erstellt, bietet auf ihren Seiten Infos zu Ausbildung, Studium, Berufsbeschreibungen etc.

www.anpe.fr
Agence Nationale pour L'Emploi: Stellensuche in Frankreich, Tipps zu Bewerbung, Lebenslauf, aktuelle Informationen usw

www.go.tm.fr
Les Editions du GO: Web-Server des französischen Verlages "Les Editions du GO" mit aktuellen Tipps zur Online-Bewerbung und offenen Praktikumsplätzen

www.init-emploi.tm.fr
Informationen über den französischen Arbeitsmarkt, u.a. auch in Form von Prognosen über das Einstellungsverhalten großer Firmen

www.ahk-ccifa.fr
Deutsch-französische Industrie- und Handelskammer: Stellenvermittlungsdienst für qualifizierte Bewerber

www.kultur-frankreich.de
Seite der französischen Kulturinstitute (Instituts Français) in Deutschland

www.cidj.asso.fr
Datenbank zu Berufen, Ausbildungen, Praktika, Studium, Europa, Jugendbegegnungen, Freizeit

www.kompass.com
Unternehmens- und Praktikantenbörse

www.diplomatie.fr
Sprachkurse, Aufenthaltsrecht

Dieser Artikel ist erschienen am 22.08.2003