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Frank und seine dicken Freunde

Von Tobias Moerschen, Handelsblatt
Der Prozess gegen den einstigen Starbanker Frank Quattrone hat Signalwirkung. Der Angeklagte sieht sich als Opfer.
NEW YORK. Der berüchtigte US-Mafiaboss Al Capone verdiente jährlich etwa 100 Millionen Dollar mit krummen Geschäften, vor allem mit dem Alkoholverkauf während der Zeit der Prohibition. Doch nicht etwa wegen seiner Straftaten verurteilten ihn die Richter 1931 zu elf Jahren Gefängnis, sondern wegen Steuerhinterziehung. Frank Quattrone, der ?Pate des High-Tech-Börsenbooms?, wie er von vielen genannt wird, muss womöglich wegen einer einzigen E-Mail hinter Gitter.Gestern bei Redaktionsschluss hatten die zwölf Geschworenen noch kein Urteil im Fall Quattrone gefällt. Sie debattieren seit Mittwochnachmittag hinter verschlossenen Türen über das Schicksal des Ex-Chefs der Technologieabteilung der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB). Der Vorwurf gegen Quattrone: In zwei Fällen soll er die Ermittlungen der Justiz behindert und Zeugen beeinflusst haben. Knackpunkt ist eine E-Mail, worin er seine Mitarbeiter per Mail ?dringend auffordert?, die Firmenrichtlinien zur Vernichtung und Aufbewahrung von Dokumenten zu befolgen. Laut Anklage wollte Quattrone so Beweismaterial vernichten.

Die besten Jobs von allen

Die Entscheidung der Geschworenen wird Signalwirkung haben. Zum Beispiel für das anstehende Verfahren gegen Martha Stewart: Der Gründerin eines börsennotierten Haushaltswaren-Imperiums wird Insiderhandel vorgeworfen; die Beweislage ist ähnlich prekär wie bei Quattrone. Ebenfalls steht der frühere Tyco-Chef Dennis Kozlowski vor Gericht. Die geschassten Skandalbosse Bernie Ebbers von Worldcom und Kenneth Lay von Enron warten noch auf ihren Prozess.Im Boom war Quattrone einer der Stars. Vor Gericht schilderte er seinen Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen im Italiener-Viertel von Philadelphia zum Top-Banker, der im Jahr 2000 mehr als 120 Millionen Dollar verdiente. ?Man könnte sagen, dass ich einigermaßen erfolgreich war?, beantwortete Quattrone zum Amüsement der Zuhörer eine Frage des Staatsanwalts. Als erster Investmentbanker hatte Quattrone sein Büro von San Francisco nach Palo Alto, ins Herz des Technologiezentrums Silicon Valley verlegt. Dort beherrschte der hoch gewachsene Schnurrbartträger ein Team von zeitweise 500 Mitarbeitern, die ein enges Netzwerk aus Investoren, Bankern und Managern aufstrebender Techfirmen knüpften.Liste "Friends of Frank"Alle Fäden liefen bei Quattrone zusammen. ?Diese Leute lieben dich?, schrieb CSFB-Broker John Schmidt in einer E-Mail. Damit meinte er die Kunden, die auf einer Liste standen, Leute, die Quattrone bei lukrativen Börsengängen bevorzugte: ?Friends of Frank?. Zu diesen zählten der französische Luxusgüter-Zar Bernard Arnault (LVMH) und der Chef der Wagniskapitalsparte von Siemens, Anthony Maher. Auch Michael Dell, Gründer des weltgrößten Computerbauers, schacherte mit Quattrone um Aktienzuteilungen aus dem Börsengang des Netzbetreibers Corvis.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Banking-Aufträge für Aktien ?Mir ist bekannt, dass es auf beiden Seiten Bemühungen gibt, unsere Geschäftsbeziehung auszubauen, und ein solcher Börsengang würde dabei sicher helfen?, schrieb Dell in einer E-Mail, welche die Staatsanwälte im Prozess präsentierten. Im Klartext: Der Computerbauer versprach lukrative Banking-Aufträge im Gegenzug für Aktien. Die US-Börsenaufsicht SEC prüft jetzt, ob hier Interessen regelwidrig vermischt wurden.Die ?Friends of Frank? wussten, auf welch profitables Geschäft sie sich einließen. 79 Aktienemissionen managte das Team, der Wert der Papiere stieg bereits am ersten Handelstag um durchschnittlich 93,4 Prozent, meldet der Datendienst Falcon Capital. Hedge-Funds zahlten an CSFB bis zum fünfzigfachen der üblichen Handelsgebühr, um Aktien heißer Börsenneulinge zu erhalten.Erst nach dem Platzen der High-Tech-Börsenblase brach Frank Quattrones gut geschmierte Maschine zusammen. Mehrere Mitarbeiter mussten wegen der Hedge- Funds-Untersuchung gehen, darunter auch Broker John Schmidt. Der Pate von Silicon Valley trat selbst erst im März 2003 ab, unter dem Druck von Börsenaufsicht SEC und Staatsanwaltschaft.Im Gerichtssaal zeigte der gefallene Star, der im Gerichtssaal billige Jacketts statt der gewohnten Designeranzüge trägt, keine Reue, er präsentiert sich als Opfer der Bank-Bürokratie im fernen New York: ?Ich bin von der Rechtsabteilung mangelhaft informiert worden.?Schuldbewusstsein ist auch bei anderen Skandalmanagern kaum vorhanden, nach Internet- und Börsenboom sind viele Konventionen erschüttert.Bis heute hat Quattrone viele Freunde, die ihn als unschuldiges Opfer sehen. Zahlreiche Ex-Kollegen und Verwandte, darunter auch seine Mutter, verfolgten den Prozess live und umarmten ihren Star in den Sitzungspausen. Andere denken bereits um: ?Silicon Valley muss erwachsen werden. Wir dürfen nicht länger glauben, dass wir in einem geschützten Raum außerhalb des Gesetzes operieren, wo wir unsere eigenen Regeln machen?, sagte William Campbell, Aufsichtsratschef des Softwarehauses Intuit, der Zeitschrift Business Week.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2003