Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Frank Ehmer

Die Entscheidung (September 2002)
Die ersten Wochen (Oktober 2002)
Die Motivationen (November 2002)
Die Klausuren (Dezember 2002)
Der Realitätscheck (Januar 2003)
Die Hell Week (Februar 2003)
Spring Break (März 2003)
Der Endspurt (April 2003)
Die Halbzeit (Mai 2003)
Der Sommer (Juni/Juli 2003)
Die zweite Halbzeit (September 2003)
Der Ernst des Lebens (Oktober 2003)
Der Spaß am MBA (November 2003)
Das nahe Ende (Dezember 2003)
Der Wert des MBA (Januar 2004)
Die Härtefälle (Februar 2004)
Die Sommerplanung (Maerz 2004)

Die Sommerplanung (Maerz 2004)

Nun habe ich noch einen Kurs pro Woche. Bis Ende April muss ich noch ein paar Papers schreiben, und dann ist das Studium hier bereits zu Ende. Entsprechend ist unter den Studenten der Drang zu spueren, zumindest den sozialen Teil des Studentenlebens in die Zeit danach zu retten. Eine Dinnerparty jagt die andere, zumeist unter einem Motto, wie z.B. "Londoner und Freunde".

Die besten Jobs von allen


Sehr wichtig zudem ist die Planung des Sommers. Die allermeisten Leute haben zwei bis drei Monate Zeit und versuchen diese moeglichst spannend zu gestalten. Schliesslich wird es eine Weile dauern, bis es mal wieder drei Monate Urlaub gibt. Manche versuchen, einen Job in Suedamerika zu finden, andere backpacken drei Monate lang, waehrend wieder andere fuer ein paar Wochen einen Non-for-profit Job annehmen. Die Moeglichkeiten sind vielfaeltig.

Die Härtefälle (Februar 2004)

Im Grunde ein relativ ereignisloser Monat. Es gab einige langen Wochenenden, die Zeit für Skifahren etc. ließen. Zudem haben wir alle mit Spannung die Nominierung von John Kerry beobachtet. Aber eigentlich ist die Business School ja gar nicht so sehr politisch. Spannender ist da schon die Urlaubsplanung. Und die Vorbereitung der Graduation, zu der traditionell die meisten Eltern, teilweise sogar Großeltern und Freunde nach Cambridge kommen. In 6 Wochen sind wir schon weg hier und kommen dann nur noch Mitte Juni zur feierlichen Titelverleihung wieder.

Für einige ist die Zeit nun doch noch hektisch. Und sicherlich auch emotional recht anstrengend. Denn einige haben noch keinen Job. 75 Prozent haben ein oder mehrere Job-Angebote in der Tasche. Mehr als 60 Prozent haben bereits angenommen. Die Gruppe, die noch sucht, will zum überwiegenden Teil ins Private Equity oder Venture Capital. Und der Rest sucht noch nach Traumjobs im Medienbereich, oder ähnlichem. Kurzum: wer flexibel ist, hat keine Probleme einen Job zu finden. Und auch keine Probleme, einen Job zu finden, mit dem man trotz der durch den MBA verursachten Schulden ruhig schlafen kann.

Der Wert des MBA (Januar 2004)

Warum ein MBA? Um neue Horizonte zu eröffnen. Warum HBS? Um von Kommilitonen zu lernen, ungewöhnliche Leute zu treffen und spannende Freunde zu gewinnen. Das haben wir alle zumindest in unseren Bewerbungsessays geschrieben. Und es danach wieder vergessen. Über Weihnachten gab es nun eine kleine Erinnerung daran. Eine Gruppe von Indern an der HBS haben eine Indien-Reise organisiert, die es in sich hatte. Bereits am ersten Tag der Reise stand ein Besuch beim indischen Präsidenten auf dem Programm. Im Rahmen der gesamten Reise hatten wir, neben dem obligatorischen Tages-Sightseeing-Programm auch ein Abendprogramm, das sich sehen lassen konnte: so trafen wir hochkarätige Alumnis in großer Zahl bei Cocktail-Empfängen, zwei Minister, drei Landesoberhäupter, mehrere CEOs der größten indischen Unternehmen (Infosys, Tata etc.) und zwei Maharadjas. Unglaublich, was unsere Kommilitonen auf die Beine gestellt hatten. Es muss ja fast unmöglich sein, an all diese Leute ranzukommen (zumindest wäre das der Fall für die Counterparts in Deutschland).

Was für eine faszinierende Art und Weise, das Land kennen zu lernen. Natürlich haben diese ungewöhnlichen und hochkarätigen Gesprächspartner, mit denen wir quasi über einem Bierchen über verschiedenste Dinge plaudern konnten, einen sehr tiefen Einblick in das Land gegeben. So verließen wir erschöpft vom intensiven Programm und in Erkenntnis, dass es sich mit der Schule doch etwas besonderes auf sich hat, nach drei Wochen wieder Indien in Richtung Boston.

Das nahe Ende (Dezember 2003)

Weihnachten naht. Klingt in diesem Jahr für die meisten von uns eher bedrohlich. Denn dies a) verdeutlicht, dass wir bald graduieren werden und b) wir noch wenige Tage für unsere Papers haben! Panik macht sich breit auf dem Campus (zugegebenermaßen auch bei mir). Was hatten wir für ein lustiges Semester! Viel gereist, viel gefeiert, einfach gemacht, was uns Spaß macht (und etliches organisiert: in meinem Fall den Oktoberfest Trek und die German MBA Conference). Was man ja irgendwie auch machen soll während eines MBAs. Akademisch hat es dieses Semester jedoch in sich, denn anders als früher werden von uns diesmal in vielen Fächern Papers verlangt. Schluss mit der guten alten Zeit, als wir eine Klausur geschrieben haben und das war?s. In den letzten Wochen treffen wir uns auf einmal in der Bibliothek statt in der Bar.

Verschärft wird die Situation noch durch das Recruiting. Denn alle Prozesse, die in diesem Jahr angelaufen sind, werden vor Weihnachten vollends durchgepeitscht. Ich selbst verbringe plötzlich überraschend viel Zeit in Europa. Das Gute daran ist jedoch, dass ich unter dem Weihnachtsbaum sitzen werde mit dem Wissen, dass ich beruflich alles geregelt habe. Und damit stehe ich nicht alleine da. Schätzungsweise 50 Prozent der Klasse hat sich bereits entschieden. Wie erwähnt ist dies der Teil der Leute, die in Finance oder Consulting enden werden.

Über Weihnachten gibt?s noch mal vier Wochen Ferien. Da soviel Urlaub am Stück nach dem MBA ohnehin unmöglich sein wird, muss dies noch mal ausgenutzt werden. Entsprechend eifrig werden Reisepläne geschmiedet. Manche gehen nach Ägypten, manche nach Südafrika, manche (wie z.B. ich) nach Indien.

Der Spaß am MBA (November 2003)

Das Recruiting läuft ? allerdings nur für Professional Services. Banken und Beratungen stellen wieder ein. Und der Finanzbereich tut sich insgesamt etwas leichter als in den Vorjahren. Auch Private Equity Fonds suchen gezielt Leute. Und Hedge Funds suchen massiv, scheinbar die neue MBA-Bubble. Schwieriger ist es für alle, die in andere Industrien wollen. Insbesondere zyklische Industrien, die keine Visibilität bezüglich wirtschaftlicher Erholung haben, warten noch ab.

Die Studenten trösten sich anderweitig und haben Spaß. Eine Flut von Kurztrips steht an: Miami, Las Vegas, San Francisco etc. Hauptsache wärmer als Boston! Interessant, wie rezessionsfest sich das Reiseverhalten der MBAs gestaltet. Man merkt, dass jeder das Ende des Studentenlebens auf sich zukommen sieht und die studentischen Freiheiten noch ein letztes Mal auskosten will ? unabhängig davon, wie die Jobsuche läuft.

Und für die ganzen Deutschsprachigen in den verschiedenen MBA-Programmen gibt?s dann noch ein besonderes Event: die German MBA Conference in Boston Ende November. Zwar nicht sonnig, aber dafür eine tolle Gelegenheit, eine ganze Reihe anderer Deutscher kennen zu lernen (leider sind es ja in den meisten Programmen nicht so sehr viele). Insgesamt kommen über 100 Studenten aus gut 15 verschiedenen Programmen nach Boston. Dazu 20 spannende Redner. War viel Arbeit das ganze mit meinen beiden Freunden Philip Muelder (auch HBS 04) und Bernd Wendeln (Wharton 04 ? schreibt ebenfalls ein Tagebuch) zu organisieren. Aber hat sich dafür auch gelohnt. Obwohl wir manchmal selbst ein wenig daran gezweifelt haben, war die Veranstaltung ein Riesenerfolg.

Der Ernst des Lebens (Oktober 2003)

Und dann wird's auf einmal doch wieder ein wenig ernster. Die Recruitingsaison faengt fuer Vollzeitpositionen wesentlich frueher an als fuer die Sommerpraktika, denn Mitte Oktober sind schon die Bewerbungen faellig. Wir und Externe haben ewig drueber philosophiert, wie die Saison wohl aussehen wird. Ich denke man kann nun schon sagen, dass es bergauf geht. Mehr Angebote als letztes Jahr, auch wieder mehr Diversitaet. Und viele kamen schon mit einem Offer aus dem Sommer zurueck. Mal schauen, wie es am Ende ausgeht.

Aus akademischer Sicht ist das zweite Jahr sicher spannender als das erste. Man kann die Kurse frei waehlen. Leider wird dadurch natuerlich der Section-Verbund aufgeloest. Das war schon eine tolle Einheit. Die Familiaeritaet geht dadurch nun doch ein wenig verloren. Aber dafuer muss nun niemand mehr einfach "Stunden absitzen", die ihn eigentlich nicht interessieren.

Die zweite Halbzeit (September 2003)

Was fuer ein Spass, alle Leute wiederzusehen. Natuerlich wird es ein wenig muehsam, zum x-ten Mal die Frage "How was your summer?" zu beantworten. Aber das wird alles wieder gutgemacht durch die ganzen Leute, die ich den Sommer ueber nicht sehen konnte, weil sie in Europa oder an der Westkueste waren.

Im grossen und ganzen sind die ersten Wochen eine grosse Feier. Jeder weiss wieder das Studentenleben zu schaetzen. Und der Unterricht faengt auch langsam an. Wir haben ein paar Tage lang die sogenannte Shoppingperiod. Da kann man sich Kurse anschauen, ein paar Sachen ausprobieren und schliesslich die Kurswahl nochmal beeinflussen. Natuerlich ist das keine besonders harte Zeit.

Trotzdem habe ich ganz schoen zu tun: Mit einem HBS Freund zusammen organisiere ich einen Trip fuer fuenfzig unserer Freunde zum Oktoberfest. Mit allem Drum & Dran: Zeltreservierungen, Neuschwanstein, Fussballspiel, Staatskanzlei, Clubs fuer nach der Schliessung der Zelte, Fahrertraining, Radtour, Sightseeing. Zum Glueck haben wir ein viertaegiges Wochenende gefunden. Der Trip war ein Riesenspass. Ist schon eine gute Gruppe von Leuten, eigentlich optimal fuer so etwas. Sehr begeisterunsfaehig, offen fuer fast alles und sehr dankbar.

Der Sommer (Juni/Juli 2003)

Die Realitaet hat uns wieder. Der Arbeitsalltag sozusagen. Ich selbst verbringe den Sommer bei dem Hedge Fund Highbridge in New York. Und ich bin nicht der einzige, der feststellt, dass ich an der HBS eigentlich gar keinen schlechten Lebensstil hatte. Mir persoenlich ergeht es allerdings besser als einem Freund, der in London bei einer bestimmten Bank arbeitet und des oefteren abends aus dem Buero Emails verschickt, wenn ich meinen Schreibtisch schon verlassen habe. Uebrigens ist dies nicht industriespezifisch, vielen Kommilitonen bei Beratungen oder Industrieunternehmen ergeht es kaum besser. Ich treffe Freunde, die Samstag abends vom Buero in die Bar kommen und unter der Woche nie zu sehen sind. Muede erinnern wir uns an Geschichten, wie (anscheinend) Summer Associates 1999 behandelt wurden. Waehrend damals Freizeitaktivitaeten angesagt waren, arbeiten die meisten nun haerter als die Festangestelten. Heute muessen eben die Studenten wieder um Angebote und nicht mehr die Unternehmen um Interessenten kaempfen.

Interessanterweise geht auch die Jobsuche schon wieder los. Staendig sind abends irgendwelche Empfaenge. Zwar ist die offizielle Recruitingwoche erst Anfang November, aber offenisichtlich passiert viel schon vorher. Mein Chef erzaehlt mir, dass ihm, als er an der Business School war, bis Ende des Sommers Zeit gegeben wurde, sein Offer anzunehmen. Und er erklaert mir stolz, dass er es geschafft hat, bis dahin noch drei weitere zu bekommen. Da ich irgendwie noch keinen Gedanken auf das ganze Thema verschwendet habe (und ich habe nachgefragt: ich bin nicht alleine, all meine Freunde auch nicht!), bin ich froh, dass er mir gegenueber grosszuegig ist: er gibt mir bis zum 1. Oktober Zeit. Toll. Ich ahne langsam welch harte Entscheidungen sich im neuen Schuljahr anbahnen, insbesondere fuer diejenigen, die mit einem Offer aus einem Sommerjob, den sie nur notgedrungen angenommen haben, zurueckommen.

Aber das ist ja noch alles besser als keinen Job (und kein Angebot) zu haben. Davon gibt's natuerlich gerade im Finanzsektor auch genuegend. Der Renner des Sommers ist ein Stand Up Comedian, der sich als Ex-Banker eine neue Karriere gebastelt hat, indem er jeden abend die arbeitende Bevoelkerung, vor allem aber die seit kurzem nicht mehr arbeitende Bevoelkerung durch den Kakao zieht.

Die Halbzeit (Mai 2003)

Mitte Mai noch der letzte grosse Ball des Jahres, der "Newport Ball", und dann ist alles vorbei. Zumindest fuers erste. Innerhalb von 48 Stunden hat sich die ganze Klasse in alle Winde verstreut, natuerlich mit dem Versprechen, in jedem Fall eng in Kontakt zu bleiben. Mal sehen, ob das auch gelingt.

Die Woche davor hatten wir noch Klausuren. Diesmal waren alle ein wenig entspannter, es herrschte nicht mehr so viel Nervositaet wie noch vor den ersten Klausuren. Wozu auch. Wer hier einigermassen arbeitet bekommt den Titel und die akademischen Wuerden sind sicherlich auch schon zu einem Grossteil in Stein gemeiselt, da ja die Klausur am Semesterende in den seltensten Faellen mehr als 40% der Gesamtnote reflektiert.

Umso mehr Zeit haben die Leute damit verbracht, "den" Sommer zu planen. Grosse Erwartungen haben viele. Ist ja schliesslich auch eine einmalige Situation, nochmal Semesterferien zu haben. Fuer manche ist es der Traumjob (und wollen alles tun, um auch ein Angebot fuer eine Festeinstellung zu bekommen). Fuer andere der Traumort (und wollen ihn in vollen Zuegen geniessen). Fuer manche die Traumgelegenheit, richtig viel Urlaub zu machen. Zwar hatten einige davon gesprochen (mich eingeschlossen), den ganzen Sommer ueber Urlaub zu machen, aber im Endeffekt kenne ich keinen, der es dann doch getan hat. Das kommt aber garantiert naechstes Jahr!

Der Endspurt (April 2003)

Nun ist es bald vorbei, das erste Jahr. Unglaublich, wie schnell die Zeit verging. Es wird mir erst bewusst, als die 2nd-Years anfangen sich zu verabschieden, Kontaktdaten zu verteilen und "auf ein letztes Bierchen" zu gehen. Und nicht nur das, auch die nächste Studentengeneration kündigt sich bereits an. Zugelassene Studenten überfluten den Campus, die jetztigen Studenten helfen den künftigen mit Rat und Tat. Ich kann mich noch zu gut daran erinnern, wie ich vor einem Jahr HBS Studenten per Email mit Fragen gelöchert habe.

Was für ein phantastisches Jahr, vollgepackt mit unglaublich vielen Aktivitäten und überaus viel Spass. Letztes Wochenende waren ca. 200 von uns in New Orleans zum Jazzfest. Nächstes Wochenende noch einmal Ski fahren und übernachstes Wochenende Cape Cod. Danach gehts heim. Und auch für das nächste Jahr sind die ersten Trips schon geplant: Mit einem Freund zusammen organisiere ich den ersten HBS Oktoberfest Trek. 170 wollten mit nach München, aber 50 können wir leider nur mitnehmen. Kein Wunder, hier ist kein Raum für Langeweile.

Auf der akademischen Seite ist gerade die Auswahl der Kurse für das zweite Jahr das dominierende Thema. An der HBS gibt es im ersten Jahr ja nur Pflichtkurse. Man kann nichts wählen oder weglassen. Das ist im zweiten Jahr komplett anders. Man kann sich seinen Stundenplan völlig frei zusammenstellen. Und siehe da: es ist ein Käufermarkt. Professoren vermarkten aktiv ihre Kurse, versuchen Studenten zu gewinnen. Es herrscht maximale Transparenz. Auf einmal ist man Kunde. Was für ein Gegensatz zu meinen Erfahrungen in Deutschland.

Spring Break (März 2003)

Eine Woche Sonne. Oder Skifahren. Was haben wir uns gefreut. Nicht zuletzt, da sich auch die Jobsituation ein wenig entspannt hat. Die allermeisten haben nun den Sommer unter Dach und Fach. War letztlich gar nicht so sehr schwierig, es bedurfte nur einer Kombination aus etwas mehr Engagement und etwas mehr Flexibilität als viele sich das vorgestellt hatten. Natürlich hat nicht jeder ein Praktikum bei einer Venture Capital Gesellschaft gelandet. Aber war das wirklich zu erwarten?

Während unseres Spring Breaks erklären die Alliierten dem Irak den Krieg. Nicht, dass wir davon überrascht worden wären. Aber nun sitzen wir hier in Badeshorts und schauen CNN. Jeder ist etwas verunsichert, was dies denn nun für uns persönlich bedeutet. Und schließlich gibt es offene politische Diskussionen. Im Vorfeld haben eher die Europäer untereinander gestichelt. Natürlich haben sich die Lager entlang der Grenze zwischen dem "alten" und dem "neuen" Europa gespalten. Aber nun sind alle involviert. Eine Woche nach Kriegsbeginn ist jedoch wieder alles beim Alten.

Die Hell Week (Februar 2003)

Im Februar ist eine Woche dafür reserviert, um auf dem Campus mit Unternehmen aller Art für Sommerjobs zu interviewen. Die Hell Week. Dieses Jahr besonders teuflisch. Von vielen Seiten höre ich, dass es diesmal noch schwieriger als in den Vorjahren ist, seinen Traumjob zu landen. Die Stimmung ist gedrückt. Zumindest bei den Studenten. Einige Unternehmen kehren nach Jahren zum Recruiting auf den Campus zurück. Sie hatten sich Ende der neunziger Jahre zurückgezogen, da sie die Studenten, die sie haben wollten, nicht bekommen konnten. Nun sind sie wieder da.

Allerdings gibt es Unterschiede. So haben es Ausländer einfacher als Amerikaner, in ihrem Heimatland an begehrte Jobs zu kommen. Das Verhältnis von Bewerbern zu zu vergebenden Positionen ist einfach besser. Allerdings ist es für Ausländer sehr schwierig, in den USA einen akzeptablen Job zu bekommen. Ich kenne einige Leute, die erhebliche Kompromisse eingegangen sind, nur um in den Vereinigten Staaten den Sommer verbringen zu können. Funktionale Wechsel stellen sich ebenfalls als schwierig heraus. Nach zwei Jahren Banking finden es viele unmöglich, einen Job im Marketing zu finden.

Der Realitätscheck (Januar 2003)

Als wir in Boston ankamen, haben uns unserer Kommilitonen aus dem zweiten Jahr gratuliert, dass wir der glückliche Jahrgang sein werden, der vom Aufschwung im Arbeitsmarkt profitieren wird. Klar dachten wir, genau so wird es sein. Und wir haben uns gefreut. Fünf Monate später stellt sich nun raus, dass viele von uns noch nicht einmal die Interviews bekommen haben, die sie wollten. Von Sommerjobs ganz zu schweigen. Und langsam wird uns klar, dass das Recruiting für Vollzeitjobs nur ein wenig mehr als ein halbes Jahr entfernt ist. Vielleicht wird die Class of 2005 ja der glückliche Jahrgang.

Die Klausuren (Dezember 2002)

Nun stehen die Finals an. Insgesamt sind die Studenten viel gelassener als vor den Midterm Exams. Da war viel Hektik im Spiel. Eigentlich erstaunlich. Denn die Benotung erfolgt hier auf einer Skala von eins bis drei. Eine Drei bekommen die unteren zehn bis zwanzig Prozent der Klasse. Wer im ersten Jahr fast nur Dreien hat, muss schlüssig erklären, warum das so ist. Gelingt dies nicht, so kann man potentiell von der Schule gewiesen werden. Davon abgesehen gibt es keinen Sanktionsmechanismus. Zudem werden die Noten nicht nach außen kommuniziert, es gibt folglich keinen Wettbewerb um die besten Noten. Das ist gut so, denn alle sind hier sowohl intelligent als auch ehrgeizig. Nicht auszumalen, wie die HBS aussehen würde, wenn es hier offene Konkurrenz gäbe.

Der Nachteil ist jedoch, dass der Anreiz zu arbeiten nachlässt. Das Engagement ist seit Beginn etwas zurückgegangen. Der Fokus liegt nun vielmehr auf den nahen Ferien. Die meisten von uns gehen reisen, organisiert für HBS Studenten von HBS Studenten aus dem betreffenden Land. China, Jamaika, Brasilien, Ägypten, Indien etc. sind im Angebot.

Die Motivationen (November 2002)

Die Studenten sind aus den unterschiedlichsten Gründen hier. Viele wollen darüber nachdenken, was sie denn eigentlich in den nächsten Jahren tun wollen. Manche haben ein paar Jahre hart gearbeitet und wollen nun einfach zwei Jahre lang ein besseres Leben haben. Andere sind hier, weil ihre Eltern schon auf den selben Bänken gesessen haben. Der ein oder andere möchte ganz gezielt Wissenslücken in einzelnen Bereichen füllen. Manche haben ihren Job verloren und die Business School war die beste Option bei dem derzeitigen Arbeitsmarkt. Einige sind hier, weil sie ganz gezielte Vorstellung bezüglich ihres nächsten Karriereschrittes haben, diesen aber nicht ohne einen MBA erreichen konnten. Letztere Gruppe hat es am einfachsten.

Mit Überraschung stellen wir fest, dass das Recruiting für 2004 längst angefangen hat. Wer z.B. zu einer Investmentbank will, muss im Sommer ein Praktikum in diesem Bereich machen. Wer dies erreichen möchte, sollte zu den Präsentationen und Empfängen der möglichen Arbeitgeber gehen, so heißt es zumindest. Viele meiner Freunde verbringen plötzlich zwanzig Stunden pro Woche auf solchen Veranstaltungen. Gut, wenn man weiß, was man nach der Schule machen möchte.

Die ersten Wochen (Oktober 2002)

Es ist anstrengend. Jeden Tag gibt es eine ganze Reihe von außeruniversitären Veranstaltungen, die in erster Linie dem gegenseitigen Kennenlernen dienen. Und obendrauf kommt noch Sport und natürlich Studieren. Die allermeisten Leute schlafen zu wenig. Aber es macht einfach Spaß, die Kommilitonen zu treffen. Ich bin sehr beeindruckt von der Diversität der Leute.

HBS gibt sich sehr viel Mühe, die Klasse enger zusammenrücken lassen. Abgesehen von der Vielzahl von Veranstaltung spiegelt sich das auch in der Ausgestaltung des Curriculums wider. Es herrscht Anwesenheitspflicht. Man kann keine Kurse wählen im gesamten ersten Jahr. Die gesamte Klasse ist in 10 Sections unterteilt. Die Section, bestehend aus 90 Personen, bleibt ganztägig im selben Raum. Jeder hat seinen festen Platz. Nach sehr kurzer Zeit ist klar, dass ich meine Nebensitzer sehr gut kennen lernen werde.

Ein paar Tage später verstehe ich, dass sich dies nicht nur auf meine Nebensitzer beschränken wird. Der Grund ist die Lehrmethode. Die Case Study Method basiert auf zehn- bis fünfzehnseitigen Fallstudien, die daheim gelesen und dann in der Klasse diskutiert werden. Der Professor übernimmt eine Moderatorenrolle. Es gibt keinen Frontalunterricht, keine Vorlesung. Jeder einzelne Student bringt sich ein. Das verbindet.

Die Daten unterstreichen dies. Anscheinend hat HBS unter den Business Schools die höchste Teilnahmequote an Alumni-Reunions. Als Grund hierfür haben bei einer Umfrage die Vielzahl der Befragten angegeben, dass sie insbesondere gekommen sind, um Ihre Section wieder zu treffen.

Verstärkt wird dieser Effekt sicherlich auch dadurch, dass die HBS ihren separaten Campus hat, getrennt vom Rest der Universität durch den Charles River. Daher mischen sich die Studenten nicht besonders häufig mit Studenten anderer Schulen, sondern bleiben eher in einer separaten und engen Gemeinschaft. Glücklicherweise ist die Klasse mit 900 Studenten groß und divers genug, dass es nicht langweilig wird.

Die Entscheidung (September 2002)

Bevor ich zur Business School ging, habe ich für die Private Equity Gesellschaft Apax Partners in München gearbeitet. Während meiner zweijährigen Tätigkeit habe ich mich dazu entschieden, noch einen zweiten akademischen Titel anzustreben. Zentraler Grund hierfür war die Erkenntnis, dass es eine einmalige Chance darstellt, meine Karriere zu unterbrechen und etwas komplett anderes auf begrenzte Zeit zu tun.

Anschließend habe ich einen MBA einer Promotion vorgezogen, da man in einem MBA-Programm die Chance hat, mit einer Vielzahl unterschiedlicher Leute mit verschiedenstem Hintergrund und diverser Herkunft zusammenzukommen. Sicherlich hat es auch eine Rolle gespielt, dass die Mehrheit meiner Kollegen denselben Schritt gemacht haben, und es mir wärmstens empfohlen haben. Als Schule fiel meine Wahl auf die Harvard Business School (HBS), da ich die Case Study Method als die interessanteste Lehrmethode ansehe. Zudem hat die HBS mit die größte Anzahl sowohl an Europäern als auch an Studenten mit einem Principal Investment Hintergrund. Beide Gruppen sind hinsichtlich meiner Zukunftspläne von besonderer Relevanz.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.03.2003