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Fragerecht des Arbeitgebers

Beim Vorstellungsgespräch können Bewerber schnell ins Leere tappen. In dieser Situation wird häufig auf Fragen des Personalchefs geantwortet, die man vielleicht gar nicht beantworten will und muß. Welche Folgen hat es, wenn Bewerber in Vorstellungsgesprächen Fragen falsch beantworten? Was darf in einem Vorstellungsgespräch überhaupt alles gefragt werden? Und müssen Bewerber einiges auch von sich aus offenbaren?
Noch vier Wochen bis zur Kommunalwahl. Unternehmer Sven Stahl traut seinen Augen nicht: Vom Plakat einer von ihm wenig geschätzten Partei lächelt ihn Ina Hell an, die er vor sieben Monaten als Einkäuferin eingestellt hat. Seine Frage im Vorstellungsgespräch, ob sie sich parteipolitisch betätige, hatte sie verneint. Stahl ist entrüstet. Am liebsten würde er der Mitarbeiterin sofort fristlos kündigen.Welche Folgen hat es, wenn Bewerber in Vorstellungsgesprächen Fragen falsch beantworten? Was darf in einem Vorstellungsgespräch überhaupt alles gefragt werden? Und müssen Bewerber einiges auch von sich aus offenbaren?

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Gesetzlich sind das Fragerecht des Arbeitgebers und die Offenbarungspflicht des Bewerbers bis heute nicht geregelt. Dafür hat die Rechtsprechung in vielen Entscheidungen detaillierte Grundsätze entwickelt, die in der Praxis weitgehend anerkannt sind. Danach gilt: Der Arbeitgeber darf dem Bewerber nur Fragen stellen, an deren Beantwortung für die vorgesehene Tätigkeit ein berechtigtes Interesse besteht, etwa Fragen nach Ausbildung und beruflichem Werdegang.Die Fragen dürfen nicht die Persönlichkeit und Würde des Bewerbers verletzen. Unzulässig sind insbesondere Fragen nach der Zugehörigkeit zu einer Partei, Gewerkschaft oder Religionsgemeinschaft. Für Verlage oder Parteien sowie für kirchliche Einrichtungen (Tendenzunternehmen) gelten Sonderregelungen. Ebenfalls unzulässig sind Fragen nach der Familienplanung, der Bewältigung der Familienarbeit und nach einer Schwangerschaft.Ungefragt hat der Bewerber dem Arbeitgeber persönliche Umstände mitzuteilen, aufgrund derer er die Arbeit zum vorgesehenen Zeitpunkt nicht aufnehmen kann oder von denen eine Gefährdung anderer Personen ausgeht, etwa wenn er unter einer ansteckenden Krankheit leidet.Soweit die Theorie. Wie aber soll sich ein Bewerber verhalten, dem eine unzulässige Frage gestellt wird? Er kann die Antwort mit oder ohne Begründung ausdrücklich verweigern, er kann aber auch schweigen. Beides könnte seine Einstellungschancen verringern. Und deshalb darf der Bewerber eine unzulässige Frage auch unrichtig beantworten, ohne dass er mit einer Anfechtung des Vertrages oder einer fristlosen Kündigung rechnen muss, wenn der Arbeitgeber später die Wahrheit erfährt. Der Bewerber hat das "Recht auf Lüge".In der Literatur wird Arbeitgebern gelegentlich empfohlen, gezielt unzulässige Fragen zu stellen -in der Hoffnung, dass unerfahrene Bewerber sie wahrheitsgemäß beantworten. Vor einem solchen Verhalten ist ausdrücklich zu warnen. Das Unternehmen muss damit rechnen, dass gut informierte und selbstbewusste Kandidatinnen und Kandidaten eine unzulässige Frage falsch beantworten und - wenn ihnen mehrere solcher Fragen gestellt werden - das Gefühl bekommen, "ausgehorcht" zu werden. Wenn sie daraus negative Rückschlüsse auf die Vertrauenskultur des Unternehmens ziehen, besteht für den Arbeitgeber die Gefahr, dass sie ihre Bewerbung zurücknehmen. Und welches Unternehmen kann es sich heute erlauben, erstklassige Bewerber zu verprellen?Fazit: Sven Stahl kann den Vertrag mit Ina Hell weder anfechten noch kündigen. Sein Ärger ist zwar verständlich. Doch muss er sich klarmachen, dass er ihre wahrheitswidrige Antwort durch eine Frage herausgefordert hat, die er nach geltender Rechtslage überhaupt nicht hätte stellen dürfen.

Dr. Wolfgang Hegels



Rezension/Buchtipp der Redaktion:

Erfolgreich bewerben - Neue Wege zum Job

Autoren: Sabine Hildebrandt, Peter Woeckel

Für die erste Orientierung gegen Ende des Studiums sind hier alle nötigen Informationen vorhanden, von Jobbörsen im Internet über die Künste von Karriereberatern bis zu den heiß ersehnten Vorstellungsgesprächen. Zum Thema Recruiting-Messen und Workshops werden etwa zwanzig Kontaktadressen im In- und Ausland angeboten. Der Nachwuchs erfährt, was "Bonding-Messen" sind, welche Unternehmen bei "Career Days" ihren Nachwuchs suchen und wie man in die Vorauswahl von "Access" kommt. Fazit: Die beiden Hochschulabsolventen, die auf dem Cover erleichtert mit ihrem Abschlusszeugnis winken, könnten mit diesem Karriereratgeber gut durchstarten.

Societäts-Verlag, 197 Seiten, 26,90 DM



Arbeitsverträge verstehen, aushandeln, abschließen
Autor: Max Becker

Auf die Fußangeln im Kleingedruckten achten! Was ist der Unterschied zwischen "Arbeitstage" und "Werktage"? Zu letzteren gehört immer auch der Samstag dazu. Solche Kleinigkeiten können zu Stolperfallen werden - wenn sie in Arbeitsverträgen auftauchen und den Urlaubsanspruch definieren. Der Ratgeber von Unternehmensberater Max Becker erklärt Punkt für Punkt, was in Arbeitsverträgen üblich und erlaubt ist und was nicht. Im Vorwort schreibt Becker, er wolle weder die Arbeitgeber zum Knebeln seiner Mitarbeiter ermuntern, noch den Arbeitnehmern die Schliche zeigen, wie sie den Chef austricksen. Entsprechend sachlich ist der Ton im Buch. Gut: Kommentierte Musterverträge können übernommen werden, wenn im just gegründeten Unternehmen die erste Festanstellung ansteht. Die Vorlage für eine rechtlich einwandfreie Abmahnung ist übrigens auch enthalten. Ein Buch für alle Fälle.

Compact Verlag, 19,80 DM

Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2001