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Folienschlacht mit Zischgeräusch

Von Alexander Ross
Haben Sie Powerpoint ? oder etwas zu sagen? Wenn es nach dem US-amerikanischen Wissenschaftler Clifford Stoll geht, ist das Präsentationsprogramm von Microsoft ?die Wahl der Feiglinge?. Warum der Redner über den Präsentationserfolg entscheidet und nicht die Charts.
Clifford Stoll ist ein ruhiger Mensch. Doch wenn es um Powerpoint geht, wird der 58-jährige US-Wissenschaftler rabiat: ?Sie kennen Powerpoint nicht? Dann stellen Sie sich einen langweiligen Diavortrag vor und denken sich einen Haufen bedeutungsloser akustischer und optischer Effekte dazu.?Powerpoint ist der Feind jedes guten Vortrags?, wettert der Amerikaner über das Microsoft?Produkt. Das 1988 zur bildlichen Unterstützung von Vorträgen auf den Markt gebrachte Computerprogramm benutzen heute pro Tag schätzungsweise 400 Millionen Menschen weltweit. Astronom Stoll, Miterfinder des Arpanets, dem Vorläufer des Internets, leidet wie inzwischen so viele unter dem gedankenlosen Technikeinsatz bei Präsentationen.

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Gerade Unternehmensberater gelten als besonderes abhängig ? wie viele Consultants wären schlichtweg aufgeschmissen, wenn man ihnen den Computer und den Beamer wegnehmen und sie auffordern würde, mit eigenen Worten ihre Gedanken vorzutragen? Häufig überreichen sie Zuhörern Kopien ihrer mit Powerpoint erstellten Folien schon im Voraus. Während der Präsentation überfliegt das Publikum allenfalls die Texte ? aber kaum einer achtet mehr auf die Worte des Vortragenden. Für Clifford Stoll steht daher fest: ?Powerpoint ist die Wahl der Feiglinge?.Feiglinge deshalb, weil sich die Powerpoint-Jünger hinter einem Haufen von Folien verstecken anstatt zu überlegen: Was ist das Ziel meines Vortrags? Was ist meine Botschaft? Und wie baue ich meine Rede auf, um diese eingängig zu vermitteln? Und so werfen die meisten Präsentatoren sich und ihr Publikum mit Powerpoint zurück in die Zeiten der ?Betonpädagogik? und des einfallslosen Frontalunterrichts für Erwachsene. Auch elegante Überblendungen, zischend auftauchende Buchstaben oder Strichmännchen können über diesen Missstand nicht hinwegtäuschen.Wie sehr die Worte zählen und nicht die bunten Folien, das erfuhr etwa die US-Regierung vor dem Irak-Krieg. Der damalige Außenminister Colin Powell hatte sich bestens vorbereitet: Seine Multimedia-Präsentation über irakische Bunker und Massenvernichtungswaffen war technisch perfekt, doch danach waren im Rest der Welt die Zweifel an der US-Strategie nicht kleiner, sondern noch größer geworden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was einmal eine Hilfe zur Kommunikation sein sollte, wird immer mehr zum HindernisDen Grund dafür kennen Rhetorik-Profis gut: Wer sich auf rasch wechselnde Bildchen oder akustische Effekte verlässt, mindert die eigene Überzeugungskraft. Marco Althaus ist Direktor des Deutschen Instituts für Public Affairs in Berlin und Experte für Kampagnen in Politik und Wirtschaft. Er sagt: ?Wer mit Charts aus Powerpoint auf die Menschen losgeht, wird in der Politik nicht mal Landrat.?Doch in der Wirtschaft scheint es bei vielen Präsentationen weniger um eigene Gedanken zu gehen, sondern nur um den Anschein derselben: man muss gar nicht reden können, solange beim Kunden der Eindruck von Kompetenz aufrechterhalten wird. Für den Wirtschaftspublizisten Gunnar Sohn besteht denn auch ?das sprachliche und geistige Korsett für mittelmäßige Manager? in unseren Tagen in ?Powerpoint-Vortrag und Denglisch-Gequassel?.Sohns klares Fazit vieler computeranimierter Vorträge: ?Es ist wie mit jenen Abenden bei Freunden, die zwei Kästen mit Dias hervorkramen und über aufregende Urlaubserlebnisse berichten: Quälende Langeweile und schummriges Licht erzeugen ein unbezwingbares Bedürfnis zu schlafen.?Vielleicht würde sich durch den Verzicht auf Powerpoint sogar mitunter Schlimmeres verhindern lassen, wie das Beispiel der Raumfähre Columbia zeigt. Die Rakete brach 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinander, sieben Astronauten starben. Ihr Tod wäre vermeidbar gewesen ? wenn die Nasa-Ingenieure die technischen Probleme in einem ausformulierten Bericht klar herausgestellt hätten, statt sie auf Stichworte verkürzt in einer Masse von Powerpoint-Folien untergehen zu lassen.Davon ist zumindest Edward R. Tufte überzeugt. Der emeritierte Yale-Professor für Statistik- und Grafikdesign und Experte für Visuelle Kommunikation findet Bestätigung im offiziellen Untersuchungsbericht der Nasa. Denn was einmal eine Hilfe zur Kommunikation sein sollte, wird immer mehr zum Hindernis.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wer andere führen will, muss reden könnenTufte, der profilierteste Powerpoint-Kritiker, ist überzeugt: ?Das Computerprogramm vermindert die analytische Qualität der Präsentation?, sagt Tufte, und fügt hinzu, die Folien schwächten nicht nur den Wortschatz und die räumliche Vorstellungskraft, sondern verfälschten zum Beispiel statistische Ergebnisse durch Verknappung. Wie Tufte an mehreren Beispielen zeigt, ist es nur ein kleiner Schritt von der Komplexitätsreduktion zur Verfälschung.Egal, welcher Gedanke, in Powerpoint wird er über einen Einheits-Kamm geschoren. Der ?virtuelle Kommunismus? fängt mit den ?Bullet Points? an: Gedankenschritte und Argumente werden aufgelistet und in einer Folienfolge projiziert. Ohne Worte wie ?weil? oder ?deshalb? und die durch sie angezeigten Zusammenhänge fallen Fakten leicht unter den Tisch.Doch wer mit seinen Worten überzeugen will, kann sich das nicht leisten. Die rhetorische Verbesserung ist längst nicht mehr nur eine Sache für Vorstände oder Geschäftsführer, denn die Hierarchien werden flacher. Dem einzelnen Mitarbeiter kommt heute häufig die Verantwortung für einen Arbeitsbereich zu, der bis vor einiger Zeit noch von einem Abteilungsleiter betreut wurde. Und immer mehr Projekte werden mit anderen Firmen oder Dienstleistern bewältigt.Hier müsssen Konzepte, Zwischenergebnisse und der eigene Standpunkt souverän vertreten werden. Damit gilt: Wer sich im Unternehmen oder beim Kunden Gehör verschaffen will, der muss nicht bunter und lauter, sondern besser reden können als andere.Die Rhetorik und Präsentationsfähigkeit eines Jobkandidaten ist damit häufig ein unausgesprochenes Kriterium für Chefs: Wer andere führen will, muss reden können. Der Vorstand eines bekannten Maschinenbaukonzerns bringt es auf den Punkt: ?Wenn man mit Worten schon nicht die Menschen überzeugen kann, die täglich mit einem zusammenarbeiten ? wie will man es dann beim Kunden schaffen??Lesen Sie weiter auf Seite 4: Powerpoint-Rhetoriker: Die furchtbaren FünfDer Überflieger hechelt mindestens zehn Folien pro Minute durch, weil er insgesamt 129 Folien hat. Die Psychofolter für das Publikum ist die Nummerierung der Folien mit Gesamtanzahl: 64 von 129, 65 von 129...Der Vorleser hat deutlich weniger Folien ? dafür sind sie randvoll in kleiner Schrift und mit Grafiken überladen. Weil sein Publikum nichts erkennen kann, muss er alles vorlesen: staubtrockene Zahlen und Fakten. Der geistige Phantomschmerz wirkt noch tagelang nach.Der Im-Bild-Steher verdeckt die Projektion, weil er dauernd hin und her läuft zwischen Beamer und Leinwand und vor den Zuhörern auf und ab. Könner verbinden beides zu einem eleganten Ausdruckstanz ? vorwärts, seitwärts, Drehung, Sprung, Verbeugung.Der Autist steht zwar ruhig, redet jedoch kaum. Falls doch, dann leise. Aber nicht zum Publikum, sondern zur Folie, zur Wand oder zu sich selbst. Ermahnungen und Bitten lauter vorzutragen, sind zwecklos.Der Kommandeur hat Befehlsempfänger für Folienproduktion und PC-Bedienung. Machtvoller Ignorant, kennt den Inhalt der Präsentation nicht und überspielt es mit halblaut gebellten Anweisungen: ?Nein, noch mal kurz zurück? ? ?Jetzt nächste Folie!?.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2008