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Fluch der Vergangenheit

Von Sandra Louven und Joachim Hofer
Es gibt Menschen, die heuern nach dem Studium bei Siemens an und bleiben dem Konzern treu bis zur Rente. Siemensianer nennt man diese Leute. Bis er zur Telekom ging, schien Lothar Pauly auf dem besten Weg zu sein, einer von ihnen zu werden. Jetzt holt ihn die Vergangenheit ein: Wegen seiner Verstrickung in die Korruptionsaffäre von Siemens hört er bei T-Systems auf.
Nach 18 Jahren bei Siemens wechselte Lothar Pauly zur Telekom. Foto: ap
1987 fing Lothar Pauly als junger Betriebswirt am Stammsitz in München an, alle zwei Jahre wechselte der Vater von zwei Kindern fortan die Jobs, ging nach Prag, Warschau und Indonesien. Mit der Zeit wuchs die Verantwortung, bis der gebürtige Hesse im Herbst 2004 die Führung der Telekommunikationssparte im Traditionsunternehmen übernahm, der größte und wichtigste, aber wirtschaftlich angeschlagene Bereich. Es war eine der Top-Positionen des Weltkonzerns.Doch dann kam der Bruch: Nach 18 Jahren ging der Manager im Herbst 2005 überraschend zur Telekom, wurde Vorstand und Chef der Geschäftskundensparte T-Systems. Die meisten Beobachter erklärten sich den plötzlichen Abgang damals damit, dass Pauly genug hatte von der anstrengenden Sanierung bei Siemens, die nicht so recht vorankam. Die Trennung von der Siemens-Familie schien endgültig zu sein.

Die besten Jobs von allen

Inzwischen ist klar, dass Pauly sich von seiner Vergangenheit bei Siemens doch nicht lösen kann. Und dass es womöglich noch andere Gründe für seinen abrupten Abschied aus München gab.Gestern kündigte der leidenschaftliche Skifahrer seinen Vorstandsposten bei der Telekom in Bonn. Hintergrund des Rücktritts ist eine mögliche Verstrickung in die Korruptionsaffäre, die seit Monaten Siemens erschüttert. Von den Ermittlungen um schwarze Kassen ist vor allem die Kommunikationssparte betroffen, für die Pauly im Einsatz war.Im Zuge des Skandals kam zuletzt auch Pauly in die Schlagzeilen. In Magazinberichten wurde ihm vorgeworfen, er hätte von dubiosen Zahlungen des Bereichs gewusst. Der Manager bestritt dies. Die Münchener Staatsanwaltschaft wollte sich am Donnerstag nicht zu der Frage äußern, ob gegen Pauly ermittelt wird.Lesen Sie weiter auf Seite 2: An wichtigen Schalthebeln Tatsache ist, dass die Staatsanwälte eine ganze Reihe ehemaliger Kollegen von Pauly im Visier haben. Sein Nachfolger an der Spitze der Kommunikationssparte, Thomas Ganswindt, saß vergangenes Jahr sogar kurzzeitig in Haft.Fest steht auch, dass Pauly jahrelang an wichtigen Schalthebeln von Siemens-Com saß. 1996 hatte er die kaufmännische Leitung des Geschäfts mit Netzwerken für den Mobilfunk übernommen. Vier Jahre später zog er in den Bereichsvorstand der Mobilfunksparte ein. Im Oktober 2004 beauftragte ihn dann der damalige Konzernchef Heinrich von Pierer, den Mobilfunk und das Festnetz in einer einzigen Sparte zusammenzuführen. Der Bereich stand zwar für ein Fünftel des gesamten Konzernumsatzes, doch die Zahlen waren schlecht.Dass sich die Telekom vor eineinhalb Jahren überhaupt für Pauly entschieden hat, war deshalb nicht selbstverständlich. Zudem war der heute 48-Jährige mitverantwortlich für das Debakel mit den Siemens-Handys ? eine Sparte, die der Konzern mit einer üppigen Mitgift an den taiwanischen Elektronikkonzern BenQ verschenkte und die später Pleite ging.Obwohl er von den Finanzen kommt, passte Pauly zumindest rein äußerlich perfekt in die Ingenieurwelt von Siemens ? und auch der Telekom. Wenn der Manager an heißen Tagen mit kurzem Hemd und Krawatte Besucher begrüßte, reihte er sich auch äußerlich in die Reihe der Techniker ein.Große öffentliche Auftritte waren noch nie die Sache des bekennenden Fußballfans. Ob vor Analysten oder dem Fachpublikum: meist wirkt der Mann mit dem breiten Kreuz hölzern. Auf der Computermesse Cebit sorgte er vor zwei Jahren für Heiterkeit, als er in einer Rede mehrfach die Zusammenarbeit mit dem Versandhaus Klingel betonte. Intern witzelte man anschließend über den neuen Vorstand als ?Klingel-Pauly?. Wenn der scheidende T-Systems-Chef allerdings über Netztechnologie der Zukunft redet, dann macht ihm so leicht keiner etwas vor.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Mir ist schlecht? Legendär ist in München seine Strategiepräsentation im Frühjahr 2005 in einem Hotel am Flughafen. Mit den Worten ?Mir ist schlecht? musste der stämmige Mann zum Entsetzen seiner Kollegen einen Vortrag unterbrechen. Kreidebleich verschwand Pauly, eigentlich eine robuste Natur, von der Bühne. Dass er nicht nur Stehvermögen, sondern auch Humor hat, bewies er aber postwendend. Nach einigen Minuten kehrte Pauly zurück aufs Podium und scherzte: ?Wenn sich unser Mobilfunkgeschäft so schnell erholen würde, hätten wir weniger Sorgen.?Innerhalb des Telekom-Konzerns war Paulys Position jedoch schwach. Der T-Systems-Chef überlebte zwar zusammen mit Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick die Personalrochade, die der neue Telekom-Chef René Obermann bei seinem Amtsantritt im vergangenen November umsetzte. Doch schon wenige Monate später beschnitt Obermann Paulys Bereich.Anfang März kündigte der Vorstandsvorsitzende bei der Präsentation seiner neuen Strategie an, dass er einen strategischen Partner für die Großkundensparte von T-Systems suche. Damit zog er die Konsequenz daraus, dass die Telekom bei multinationalen Konzernen nie Fuß fassen konnte. In Konzernkreisen gilt als ausgemacht, dass die Telekom eine Minderheitsbeteiligung in der geplanten Partnerschaft anstrebt. Ob Pauly unter diesen veränderten Bedingungen der Chef bei T-Systems geblieben wäre, erscheint heute ziemlich fraglich.Aus dem Umfeld der Telekom hört man zudem, Obermann habe sich auch deshalb für eine Partnerschaft bei T-Systems entschieden, weil im Vorstand niemand genug von dem IT-Geschäft verstehe. Und Pauly habe nicht das Standing gehabt, dass man sich allein auf sein Urteilsvermögen verlassen wollte. Zumal er eben kein ausgewiesener IT-Experte ist.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Lothar Pauly ? eine kurze Biographie 1959Er wird am 4. März in Bad Homburg geboren. Nach dem Abitur lernt er Industriekaufmann beim Anlagenbauer Lurgi in Frankfurt. 1986 schließt Pauly ein Studium der Betriebswirtschaft in München ab.1987 Pauly startet seine berufliche Laufbahn bei Siemens in München. Zunächst ist er Controller im Bereich Nachrichtentechnik. 1991 geht er nach Indonesien und leitet dort die Siemens-Konzerntochter.1996Pauly übernimmt die kaufmännische Leitung des Bereichs mobile Netze. Vier Jahre später rückt der Manager in den Bereichsvorstand der Mobilfunksparte auf. Damit ist er auch für die Handys zuständig.2004 Der Manager übernimmt die Führung des Kommunikationsgeschäfts von Siemens.2005Pauly wechselt in den Vorstand der Telekom.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.06.2007