Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Florence Hanemann

Der "European MBA"
Von Warwick nach Mannheim
Intensivkurse und Gruppenbildung

Intensivkurse und Gruppenbildung

Liebe Leserinnen und Leser,

Während ich dieses Tagebuch schreibe, kann ich kaum glauben, daß ich bereits vier der einwöchigen Intensivkurse überlebt habe. Es folgen noch drei weitere Kurse. Wie im letzten Tagebuch erwähnt, sind sechs Kurse das Minimum, die meisten Studenten nehmen jedoch mehr Kurse, da wir so unsere Chancen auf den Titel 'MBA' steigern können (wie bereits erläutert zählen nur die sechs besten Kurse). Natürlich tun wir das auch, weil die Kurse richtig gut sind.

Die besten Jobs von allen


Neben 'International Marketing', über das ich im letzten Tagebucheintrag berichtete, waren die anderen drei Kurse 'Strategic Human Resources Management', 'European Taxation' und 'International Management - Challenge for the New Economic Order'. Rückblickend war es sehr reizvoll, jede Woche einen neuen Professor und seinen Lehrstil kennenzulernen - alle Kurse haben übrigens ein sehr hohes Niveau. Die ausländischen Studenten waren besonders beeindruckt von unserem Professor für europäisches Steuerrecht - insbesondere als sie herausfanden, was sein Titel (Prof. Dr. Dr. h.c. mult) bedeutete. Den Professoren zuzuhören war sowohl fesselnd als auch sehr herausfordernd, da wir uns in kurzer Zeit mit vielen neuen Ideen und Konzepten beschäftigten. Dabei stehen wir stets unter dem Druck alles möglichst sofort zu verstehen, denn sonst wäre die Zeit für die Examensvorbereitung viel zu kurz. Bewertet werden allerdings nicht nur wir, sondern auch die Professoren. Dazu füllen wir jeweils am Freitag Fragebögen aus. Fragen sind unter anderem , ob wir den Kurs interessant fanden, wie wir die Qualität des Vortrags einschätzen und ob die Vorbereitungsmaterialien hilfreich waren.

Der einwöchige Modus der Kurse mit dem abschließenden Examen am Freitag erlaubt es Studenten der Partneruniversitäten auch nur für ein oder zwei Kurse nach Mannheim zu kommen. So stoßen jede Woche neue Kursteilnehmer von der Partneruniversität Warwick zu uns. Die Wochenenden zwischen den Kursen sind zur Vorbereitung auf den kommenden Kurs gedacht, weshalb wir auch immer rechtzeitig mit Lesematerial eingedeckt werden. Dennoch bleibt ein bisschen Zeit um im wahrsten Sinne des Wortes "Luft zu schnappen". Da wir nun einmal in der näheren Umgebung wohnen und uns im wunderschönen Baden recht gut auskennen, sind mein Mann und ich am Wochenende immer gut ausgebucht. Dann zeigen wir französischen, englischen, norwegischen und griechischen Studenten wo es den besten Spargel gibt (Besenwirtschaft) , die schönsten Barockgärten (Schwetzingen) und wo man in Heidelberg noch abseits der touristischen Pfade gut essen kann. Nur schade, dass unser MBA Kurs im September endet - also gerade vor dem Beginn der Weinernte und damit vor der Saison für neuen Wein und Zwiebelkuchen.

Viel mehr als diese Aktivitäten hat uns allerdings in den letzten drei Wochen das Bieten für die dreimonatigen Projekte bei Partnerfirmen beschäftigt. Die Projekte beginnen unmittelbar nach Ende unserer Kurse Mitte Juni. Wie bereits in einem meiner früheren Tagebucheinträge erwähnt, haben wir für die Bewerbung Teams gebildet. Die Mitglieder der Teams müssen dabei von verschiedenen Partneruniversitäten kommen und möglichst unterschiedliche kulturelle Hintergründe mitbringen. Unser Team besteht aus einem Deutschen, einer Griechin, und mir - einer Asiatin. Zusammen sprechen wir fünf Muttersprachen.

Die Projekte umfassen geographisch die Länder Frankreich, Großbritannien und Deutschland und fachlich die Gebiete Marketing und Vertrieb, Marktforschung, Strategie, 'Operations Strategy', Human Resources Management und Finanzierung/Buchhaltung. Ansprechpartner sind ein 'Senior Manager' der Firma und ein Professor von einer der Partneruniversitäten. Wer bereits eigene Projektideen hat, kann übrigens auch selbst aktiv werden und Projekte auf den Weg bringen.

Oberflächlich gesehen sieht dieser Prozess recht einfach und geradlinig aus. Überraschenderweise war es eine der interessantesten Erfahrungen, die ich während dieses MBA machte. In kleinem Maßstab war es eine Reflexion des Verhandlungs- und Entscheidungsprozesses in der realen Geschäftswelt. Wir alle wissen, dass es den logischen und prozessorientierten Teil der Entscheidungsfindung gibt - aber eben auch den Teil, der vollkommen von den teilnehmenden Menschen gesteuert wird. Für uns hieß das, die verschiedenen Interessen und die Prioritäten innerhalb des Teams zu erforschen und abzugleichen, bevor wir uns entscheiden konnten, welches Projekt unsere erste, zweite und dritte Wahl sein sollte. Gleichzeitig mussten wir aber auch von den anderen Teams umfassende 'Marktinformation' gewinnen, denn die Präferenzen der anderen hatten Einfluss auf unsere Chancen, das favorisierte Projekt zu bekommen. Beim Plaudern mit anderen Studenten zeigte sich, dass viele der Meinung waren, viel über effiziente Vermittlung und das Management von Konflikten und divergierenden Erwartungen gelernt zu haben

Rückblickend waren viele von uns positiv überrascht von den Erfahrungen bei der Teambildung. Wir fanden einige Parallelen zu Prozessen auf freien Märkten. Andere sahen auch die zweite Seite der Münze und meinten, es wäre einfacher gewesen, die Universität über die Projektgruppen entscheiden zu lassen. Wenn die Studentenzahlen des MBA-Programms zunehmen, wird ein strukturierteres und regulierteres Vorgehen vermutlich notwendig werden.

In meinem nächsten Tagebucheintrag werde ich dann berichten, welches Projekt wir bekommen haben - hoffentlich unsere erste Wahl.

Von Warwick nach Mannheim

Liebe Leserinnen und Leser,

zu meinem Bedauern ist viel Zeit seit meinem letzten Tagebucheintrag vergangen. Zwischen diesen beiden Einträgen lagen für mich etliche Examen, unzählige Fallstudien und der 'Umzug' von Warwick (England) nach Mannheim (Deutschland) für den dritten und letzten akademischen Teil des Programms.

Aber der Reihe nach: Warwick hinterließ einen sehr professionellen Eindruck, was Administration und Ausbildung betrifft. Wir mußten keine Zeit mit der Suche nach Computerarbeitsplätzen oder sonstiger Infrastruktur verschwenden und fanden generell für alle Probleme ein offenes Ohr in der Verwaltung. Das half sehr dabei, das Lernpensum von 6 Kursen zu schaffen (üblich sind 5 Kurse). Alle empfanden die drei Monate als sehr intensiv - was sowohl die Ausbildung als auch die Freizeit betraf. Neben Teampartys gab es unter anderem auch eine Indian Party und eine Party zum 'Chinese New Year'. Und am Freitag nach dem letzten Examen stieg eine große Party in unserem "Euro-Flat" (als solche war unsere Unterkunft auf dem Campus bekannt).

Vor zwei Wochen begann dann das Studium an der Universität Mannheim. Wieder begegneten wir einer neuen Lernkultur, die sich deutlich in Stil und Struktur von den Studien in Warwick und Paris unterscheidet.

In Mannheim wird das Studium in wöchentlich abgeschlossene Kurse unterteilt. In jedem Kurs wird ein Thema über Vorlesungen vermittelt, über Fallstudien vertieft und über ein Examen vor dem Wochenende abgefragt. Dieses Quartal gibt es in Mannheim acht Kurse zur Auswahl: EC Law, International Marketing, Human Resources Management and Employment Relations in Europe, Business and Corporate Taxation in Europe, Challenges for International Management, European Integration, Cross-Cultural Management und Economics of European Integration and Monetary Union. Alle Kurse werden - wie das gesamte Studium - natürlich auf Englisch abgehalten.

Es müssen mindestens sechs Kurse ausgewählt werden. Wählt man mehr, dann hat man zwar auch mehr zu tun, genießt aber auch den Vorteil, dass nur die besten sechs Kurse zur Benotung herangezogen werden.

Unser Studium in Mannheim begann jedoch zunächst nicht mit diesen Kursen, sondern mit einem zweitägigen 'Team Building Workshop'. Dieser Workshop war recht ungewöhnlich, denn wir wurden nicht in Teams unterteilt, um verschiedene Aufgaben zu lösen. Vielmehr lag der Schwerpunkt auf der Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen und wie diese Beziehungen die Teamarbeit beeinflussen. Ein großes Thema war z.B. Vertrauen. Wir lernten, daß man persönliches Vertrauen (Vertrauen in die Beziehung) vom funktionalen Vertrauen (Vertrauen in die Leistung) unterscheiden kann - und es wurde uns noch bewußter wie wichtig beide Arten von Vertrauen für den Erfolg eines Teams sind.

Wir verließen den Kurs mit vielen neuen Ideen und guten Vorstellungen, wie wir sie praktisch anwenden könnten. In der letzten Woche stand 'International Marketing' bei Professor Homburg auf dem Programm. Professor Homburg ist der Gründer und Leiter des EMBA Studiums. Diese Woche war wirklich kompakt und intensiv - vorsichtig formuliert! Wir hatten fast fünf Tage Vorlesungen und Gruppenarbeit von 8:00 bis 20:00 Uhr und traten Freitag nachmittag bereits zum Examen an. Vier Fallstudien waren zu bearbeiten. Davon waren die Ergebnisse in einem Fall mit Powerpoint zu präsentieren; für die anderen Studien sollten die Ergebnisse auf jeweils drei Seiten dokumentiert werden. Danach fragten sich doch einige, ob sie die gesamten acht Wochen heil überstehen würden. Mit Blick auf meine Zeit im Investmentbanking war für mich die Erfahrung, über Nacht Präsentationen fertigzustellen, keineswegs neu; dies jedoch vier Tage hintereinander zu tun und danach noch genug Kraft für die Vorbereitung zum Examen zu haben - das war dann doch für uns alle eine neue und sehr 'eigene' Erfahrung. Allerdings hätten wir auch die Wahl gehabt, anstelle des Examens einen Aufsatz vier Wochen später abzugeben. Die Mehrheit war jedoch der Meinung, den '100 Meter Sprint' bis zum Ende zu laufen.

Wir alle teilten in dieser Woche unseren Kampf mit zunehmendem Schlafdefizit. Dennoch war ich erstaunt über unsere allgemein lebhafte Teilnahme an den Vorlesungen. Das hatte schlicht und einfach mit deren Qualität zu tun. Die Vorlesungen waren nicht nur inhaltlich interessant und wurden vom Professor und seinem Team gut vermittelt, sondern waren mit vielen guten Diskussionen vor allem auch sehr lebhaft. Durch Gastdozenten aus der Industrie lernten wir viel über die praktische Umsetzung der erlernten Theorie. Obwohl ich nur wenig Marketingwissen mitgebracht hatte, fühle ich mich durch diese intensive Woche heute auf diesem Gebiet viel sicherer. Der Kurs hat uns das Vertrauen geschenkt, die erlernten Werkzeuge auch tatsächlich in der Praxis anwenden zu können. Diese gelungene Kombination von Theorie und Praxis zieht sich wie ein roter Faden durch das EMBA Programm. Nach Aussage von Prof. Homburg basiert das Konzept des EMBA auf der Kombination von induktivem Lernen (durch Fallstudien) und deduktivem Lernen (Vermittlung von Konzepten). Durch diese Kombination hebt sich der Mannheimer MBA auch wesentlich von anderen, rein induktiven Angeboten ab.

Neben der Arbeit kam letzte Woche aber auch der Spaß nicht zu kurz. Natürlich haben wir unser Examen ausgiebig gefeiert. In Heidelberg blieb kein Auge (und kein Hals) trocken. Unsere Feier kann sich sicherlich jeder gut vorstellen. Ein bisschen mehr möchte ich über unsere 'offizielle Begrüßung' in Mannheim berichten.

Organisiert durch die Uni Mannheim, fuhren wir alle nach den Vorlesungen am Montag mit dem Bus nach Deidesheim in der Pfalz. Uns erwartete ein Abend mit Weinproben und viel gutem Essen. Es war auch das erste Mal, daß alle EMBA Studenten aus ESSEC, Warwick und Mannheim zusammen waren. Von den Partneruniversitäten waren zudem Dr. McGee, Programmdirektor in Warwick und zudem unser Professor im Kurs 'Strategic Advantage' und Michele Pekar Lempereur, Programmdirektor an der ESSEC, dabei. Der Abend begann mit einer Führung durch eines der führenden Weingüter in Deutschland. 80% des hier angebauten Weines ist Riesling. Davon probierten wir in der anschließenden Weinprobe die Jahrgänge 2002 und 2001. Den Abend setzten wir gemütlich und entspannt bei einem dreigängigen Menü fort. Wir haben es sehr genossen, uns mit allen Studenten in diesem Rahmen austauschen zu können.

Der folgende Morgen sollte uns jedoch auf eine harte Probe stellen, denn die Vorlesung begann schon um 7:30 Uhr. Trotz unserer noch etwas wirren Köpfe gaben wir uns aber alle Mühe, klar und aufgeweckt zu wirken - und fühlten uns dabei merkwürdig an unsere früheren Studientage erinnert. Manches ändert sich eben nie und es ist doch gut, diese Konstanten in einer sich stetig verändernden Welt zu haben.

Der "European MBA"

der "European MBA" der Universität Mannheim ist ein recht neues Programm - genau genommen sind wir sogar der erste Studienjahrgang. Deshalb möchte ich diesen Studiengang zunächst kurz vorstellen, bevor ich nach ein paar Worten über mich auf meine bisherigen Erlebnisse eingehe

Der MBA der Universität Mannheim

Der Name des Programms "The European MBA" (oder kürzer: EMBA) gibt bereits einen guten Hinweis auf das Konzept: Es ist ein europäischer Studiengang, der gemeinsam mit der Warwick Business School in Coventry (UK) und der ESSEC in Cergy Pontoise (Frankreich) angeboten wird. Die Studiendauer beträgt 12 Monate und während dieser Zeit verbringt jeder Studierende jeweils ein Quartal an den drei Partnerhochschulen. Eine Ausnahme bilden diejenigen, die in Warwick eingeschrieben sind: Sie bleiben für die Hälfte ihres Studiums an ihrer Heimatuniversität und gehen nur für ein Quartal ins Ausland. Im letzten Quartal unserer Studienzeit werden wir das Gelernte auf Praxistauglichkeit testen: In Kleingruppen lösen wir in der Rolle von Beratern bei Unternehmen bestimmte Aufgaben. Auf Basis der Ergebnisse dieses Teamprojekts schreiben wir zum Abschluss unsere "Dissertation". Nach insgesamt zwölf Monaten (oder genauer mit Abgabe der "Dissertation") harter disziplinierter Arbeit, etlichen Teamprojekten, Fallstudien und Präsentationen dürfen wir mit einem gewissen Stolz dem "Master of Business Administration" entgegenblicken.

Auch wenn die Studienorte des Programms europäisch sind, so sind die teilnehmenden Studenten doch wahrlich international. Von über 180 Bewerbern für den EMBA nahm die Universität Mannheim nur 14 Studierende auf. Zu den von uns vertretenen Nationen gehören Brasilien, die USA, Kanada, Norwegen, Kamerun, Südkorea, Deutschland und - China. Womit wir bei mir wären... Vielleicht Sind Sie neugierig geworden und wollen nun wissen, wie ich dieses Programm gefunden habe und wie es mein Interesse geweckt hat. Nach meinem Studium in St. Andrews (Schottland), Deutschland und Frankreich arbeitete ich über zehn Jahre vor allem in Hong Kong (meine Heimat) und weiteren Ländern Asiens und Europa. Während dieser Zeit war ich zunächst "Project Analyst" in der Industrie und zuletzt "Administration Manager" und "Financial Analyst" im Investment Banking.

Durch meine vielfältigen Erfahrungen im Geschäftsleben entwickelten sich mit der Zeit immer mehr Fragen, auf die ich in akademischer Umgebung eine Antwort zu finden hoffte. Jedoch wollte ich nicht nur meine Fragen aus der Vergangenheit beantworten, sondern mich vor allem auch auf zukünftige Aufgaben vorbereiten. Daher schaute ich mich nach Studiengängen um, die die Theorie mit einem Bezug zur Praxis kombinierten, und nach einigen Recherchen überzeugte mich das Mannheimer Konzept. Zur Zeit stehen wir kurz vor dem Ende des zweiten Studienabschnitts und ich fühle mich deshalb nunmehr in der Lage, über meine Erfahrungen zu berichten. Für die ersten beiden Studienabschnitte wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt: Die einen (zu denen ich gehöre) begannen an der ESSEC, die andere Hälfte fing in Warwick an. Für das zweite Quartal haben beide Gruppen die Studienorte getauscht. Im dritten Quartal werden wir nach der Einführung im vergangenen September erstmals wieder alle in Mannheim zusammenkommen.

Ganz im Sinne eines Tagebuchs möchte ich heute über meine aktuelle Studienzeit in Warwick erzählen; zu anderer Zeit gehe ich dann auf meine Erfahrungen an der ESSEC ein. Gerade die Ereignisse dieser Woche waren interessant, ja fast sogar dramatisch! Der Anlass - ein Teamprojekt - war an sich nichts besonderes. Schließlich nimmt Gruppenarbeit in einem MBA-Studium einen breiten Raum ein. Aber dieser Vorfall spiegelt auch sehr gut wider, was im Berufsalltag immer wieder geschieht. Und das ist passiert:

"The Team Experience"

Während der Vorbereitung zu unserer letzten Fallstudien-Präsentation kam es zu erheblichen Spannungen in unserem Team, weil ein Mitglied - ausgerechnet der Teamsprecher ("Main Presenter") - zunehmend gegen die statt mit der Gruppe arbeitete. Er ignorierte gemeinsam in der Gruppe getroffene Entscheidungen, und hatte sich offenbar entschieden, den Fußstapfen eines großen amerikanischen Sängers zu folgen ("I did it my way"). Das Ergebnis war eine zunehmende Unzufriedenheit in der Gruppe, während gleichzeitig unsere Motivation drastisch abnahm

Dann kam das letzte Treffen vor der Präsentation. Wieder repräsentierte der Probevortrag in keinster Weise unsere Gruppenentscheidungen und als wir unseren Teamsprecher mit dieser Tatsache konfrontierten, verlor er völlig die Fassung: Er beschwerte sich lautstark, dass niemand seine Arbeit schätze, und verließ schließlich wutentbrannt den Raum. Und das Montag abend 21:00 Uhr - zwölf Stunden vor unserer Präsentation! Wir schauten uns entgeistert an, und hörten unseren Teamsprecher auf dem Gang noch über die mangelnde Kooperation unserer Gruppe klagen während seine Schritte leiser und leiser wurden. Die 6-Millionen-Dollar-Frage für alle war nun: Laufen wir unserem Teamsprecher hinterher?

Es war wohl eine Form stillschweigenden Einverständnisses, dass niemand etwas tat. Statt dessen krempelten wir die Ärmel hoch und versuchten, so schnell wie möglich das Beste aus der Situation zu machen. Wir bestimmten einen neuen Teamsprecher und entschieden, wie wir am schnellsten und effizientesten die Präsentation erstellen könnten. Schließlich wollte jeder von uns bis zum nächsten Morgen auch noch ein paar Minuten schlafen. Die Anspannung und Schwere in dem Raum war plötzlich weg und wir alle waren wie elektrisiert. Es war eine vollkommene Wandlung. Ein Teammitglied ergriff die Tastatur und wir setzten unsere Arbeit an der Präsentation fort, ohne eine Minute Zeit zu verlieren. Mit einem Grinsen wurde bemerkt, daß wir jetzt nicht nur über die Präsentation reden, sondern sie wohl auch endlich einmal fertigstellen könnten! Sobald wir merkten wieviel Arbeit noch zu tun war, entschieden wir uns Pizzen und Getränke zu bestellen. Das sollte uns bei Kräften halten während die Nacht hereinbrach.

Nach viereinhalb Stunden "Krisenmanagement" war die Präsentation tatsächlich fertig. Wir waren alle fix und fertig, aber gleichzeitig auch froh und erleichtert, dass Teamarbeit endlich seine ganzen Stärken gezeigt hatte. Eines unserer Gruppenmitglieder bemerkte sogar, sich zum ersten Mal seit Projektbeginn wirklich eingebunden und nützlich gefühlt zu haben. Jeder war froh, dass er letztlich doch noch seinen Teil zum Gelingen der gemeinsamen Aufgabe hatte beitragen können.

Wir trafen uns alle am nächsten Morgen eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung für einen Probelauf. Die Präsentation fand um 9 Uhr statt und eineinhalb Stunden später bekamen wir in der Pause das Feedback von unserem Professor. Während des gesamten Morgens sprach unser ursprünglicher Teamsprecher kein Wort mit uns, obwohl einige von uns versucht hatten, ihn wenigstens zur Teilnahme an dem Feedback-Gespräch zu überreden. Erst nach der Vorlesung kam er zu uns und entschuldigte sich. Wir alle nahmen sofort an und verabredeten uns für den nächsten Abend zu einem gemeinsamen Abendessen, um den nun doch noch erfolgreichen Abschluss des Projekts zu feiern.

Aus den hinter uns liegenden Kämpfen haben wir gelernt, wie fragil Teamarbeit sein kann. Wir haben gelernt, dass Teamarbeit, ähnlich wie Demokratie, durch strenge Regeln geschützt werden muss. Wir haben auch gelernt, uns professionell zu bewegen und unseren Teamsprecher wieder zu integrieren, der schließlich selbst gelernt hat, daß Teamarbeit keine individuellen Manöver tollerieren kann.

Unter Zeitdruck den 'Turn around' entschieden anzugehen und dann zu erleben, wie effizient wirkliche Teamarbeit sein kann, war eine wertvolle Erfahrung für jeden von uns. Wir alle gingen gestärkt aus diesem Teamprojekt hervor und einige äußerten sogar, dass sie diesen Abend für den Rest ihres Lebens als wichtige Erfahrung im Gedächtnis behalten werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.03.2003