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Fliegen wie ein Vogel

Dominik Schöneberg
Er war einer der Pioniere der Luftfahrt: 1891 schaffte Otto Lilienthal den ersten Gleitflug in der Geschichte der Menscheit. Bevor er den Absprung mit seiner Flugmaschine wagte, erforschte der Berliner Ingenieur jahrelang den Flug der Vögel. Dennoch bezahlte er seine Leidenschaft mit dem Leben.
"Und wenn wir nun sehen, mit welcher Leichtigkeit sich die gefiederte Welt durch die Luft bewegt, wo es keiner Straße bedarf und überall Weg und Steg ist, wo kein Wald, kein Gebirg, kein Gewässer uns hindernd in den Weg treten kann, so ist es kein Wunder, wenn wir die Vogelwelt um diese ideale Bewegungsform beneiden." Otto Lilienthal leitete mit diesen Worten 1896 einen Vortrag vor der Polytechnischen Gesellschaft in Berlin ein.

Lilienthal war zwar vom Fliegen besessen, aber er war kein Wirrkopf, der sich auf gut Glück mit selbstgebastelten Flügeln von dem nächstbesten Turm stürzte. Bevor er 1891 den ersten Gleitflug in der Geschichte der Menschheit vollbrachte, erforschte er mehr als zwanzig Jahre den Vogelflug und erprobte seine Ergebnisse in Laborexperimenten. Schon 1867 während seines Studiums an der renommierten königlichen Gewerbeakademie in Berlin machte er die ersten Experimente

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Lilienthal finanzierte seine Leidenschaft mit seiner Dampfmaschinen-Fabrik

Nachdem er mehr als zehn Jahre als Ingenieur in Maschinenbauunternehmen gearbeitet hatte, gründete er 1881 ein eigenes Unternehmen: In seiner Fabrik in Berlin produzierte er Dampfkessel und -maschinen. Dank der finanziellen Unabhängigkeit konnte er sich nun verstärkt seinen Flugforschungen widmen. 1889 fasste er seine Erkenntnisse unter dem Titel "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst" in einem Buch zusammen. Der Titel des letzten Abschnittes lautete "Grundsätze, nach denen die künstlichen Flugapparate hergestellt werden sollten, wenn die hier dargelegten Erkenntnisse denn richtige sind."

Diese Portraitfoto von Otto Lilienthal wurde wahrscheinlich im Jahr 1896 aufgenommen. Quelle: Archiv Otto-Lilienthal-Museum / www.lilienthal-museum.de
Als Lilienthal die ersten Fluggeräte baute, stellte sich schnell heraus, dass er mit den meisten seiner Grundsätze richtig lag: Schon 1893 flog Lilienthal in den Rhinower Bergen nordwestlich von Berlin bis zu 250 Meter weit. "Nach wenigen Sprüngen fängt schon das Gefühl an, sich der Situation zu bemächtigen. Ein Bewusstsein der Sicherheit verdrängt die anfängliche Ängstlichkeit", beschreibt Lilienthal die Gefühle bei seinen ersten Flügen in seinem Jahresbericht vor dem Deutschen Verein zur Förderung der Luftschifffahrt.

Und weiter: "Die besonnene Ruhe verlässt auch schließlich den in der Luft Schwebenden nicht mehr, während das unbeschreiblich schöne und sanfte Dahingleiten über die weit ausgedehnten Berghänge den Eifer bei jedem Sprunge von neuem entfacht." Lilienthals Eifer war so groß, dass er sich in der Nähe seines Hauses eigens für seine Flugexperimente einen Hügel aufschütten ließ

Die Menschheit sollte von der Fliegerei profitieren

Aber Lilienthal flog nicht nur um des Vergnügens willen. Er hoffte auch, dass die Menschheit von der Fliegerei profitieren würde. 1894 schrieb Lilienthal an einen Freund: "Die Grenzen würden ihre Bedeutung verlieren, weil sie sich nicht mehr absperren lassen; die Landesverteidigung, weil zur Unmöglichkeit geworden, würde aufhören die besten Kräfte der Staaten zu verschlingen."

Am 9. August 1896 verletzte sich Otto Lilienthal bei einem Absturz so schwer, dass er am folgenden Tag in einem Berliner Krankenhaus starb. Trotz seines frühen Todes war er einer der wichtigsten Pioniere bei der Entwicklung der modernen Luftfahrt. Viele seiner Erkenntnisse sind bis heute von großer Bedeutung im Flugzeugbau, zum Beispiel über die Wölbung der Tragflächen. Anhand seiner Ergebnisse entwickelten die Gebrüder Wright ihr Fluggerät, mit dem sie 1903 den ersten Motorflug vollbrachten. 1912 würdigt Wilbur Wright die Verdienste Lilienthals mit folgenden Zeilen: "Niemand kam ihm gleich in dem Vermögen, andere Menschen für das Flugproblem zu begeistern. Nicht einer tat so viel wie er, die Welt von den Vorzügen der gewölbten Tragfläche zu überzeugen und niemand hat so viel dazu beigetragen, das Problem aus den Studierstuben herauszuführen in den freien Wind wohin es gehörte."

Weiterführende Links:

Viel Wissenswertes rund um das Leben des Otto-Lilienthal und über die Ursprünge der Fliegerei gibt es auf der Homepage des Lilienthal-Museum in Anklamm. Besonders empfehlenswert: Das Archiv mit vielen Fotos und Orginalquellen zum Nachlesen.
http://www.lilienthal-museum.de/

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Dieser Artikel ist erschienen am 11.08.2004