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Flair des Orients

Von Gabriela Keller
Politisch gilt Syrien als ?Schurkenstaat?. Doch wer hier lebt, erzählt von der Sinnlichkeit der Stadt und der Herzlichkeit der Bewohner. Ein Erfahrungsbericht zweier Deutschen, die in der Hauptstadt Damaskus leben und arbeiten.
Natascha Krüger hat jeden Tag einen kleinen Lieblingsmoment. Es ist die Zeit, wenn sich die Dunkelheit über die Stadt legt, die Rufe der Muezzine durcheinanderwehen und die Minarette ihre grüne Beleuchtung anknipsen. Dann sitzt die Augsburgerin auf dem Dach ihres Hauses und sagt: ?Diese Stimmung findet man nirgendwo sonst auf der Welt.?Jedes Jahr kommen Tausende von ausländischen Studenten nach Damaskus, um Arabisch zu lernen. Natascha Krüger blieb beim ersten Mal einen Monat lang. Ein Jahr später kam sie wieder. Beim dritten Mal wusste sie: Diesmal ist es für länger. Nun lebt sie schon seit eineinhalb Jahren hier. Die Studentin der vergleichenden Literaturwissenschaft will ihre Masterarbeit über palästinensischen Hiphop schreiben, doch erst muss sie ihr Arabisch auf akademisches Niveau bringen. ?Die Sprache ist so schwer, das dauert seine Zeit?, erklärt sie. ?Ich spreche zwar recht flüssig, kann aber noch nicht die Zeitung nehmen und drauflos lesen.?

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Nebenbei unterrichtet die 30-Jährige an der Universität Deutsch. Für fünf Stunden pro Tag bekommt sie 360 Euro im Monat. Das reicht, um alle Kosten zu decken. Sie hat in Bab Tuma, dem Christenviertel der Altstadt, ein Zimmer gemietet. Die Gassen ringsum sind so schmal, dass sich die schiefen Lehmhäuser an den Giebeln fast berühren. Alte Männer rauchen Wasserpfeife auf dem Gehsteig, Esel ziehen schwer bepackte Gemüsekarren. Strom und Wasser fallen oft stundenlang aus. ?So ist das hier nun mal?, meint sie, aber: ?Man kann sich arrangieren.?Das gilt auch für ihr Leben als alleinstehende Frau. Die Regeln hat sie schnell gelernt, hält Schultern und Knie bedeckt und schaut fremden Männern nicht in die Augen. Das übliche Starren, Rufen und Pfeifen ignoriert sie. ?Wenn sie grabschen, muss man laut werden, dann lassen sie es. Sonst denken sie, es gefällt einem.? Doch die sonstige Herzlichkeit und Offenheit der Syrer machen es ihr leicht, über die Nachteile des Lebens hier hinwegzusehen. Freunde hat sie ganz automatisch gefunden, sagt sie. ?Es ist unmöglich, in Syrien zu vereinsamen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wovon sich Deutschland ein Stück abschneiden kann.Auf die Frage, was ihn nach Damaskus gebracht hat, hält Markus Huber kurz inne. Dann lächelt er, wie über eine amüsante, aber absurde Idee. Er hatte eine recht beliebige Bewerbung geschrieben; die Zusage traf ihn völlig unvorbereitet ?Mir blieb gar keine Zeit nachzudenken. Also haben meine Frau und ich gesagt: Das machen wir einfach?, erzählt der 36-Jährige.Sein Arbeitgeber, das Arab Center for the Studies of Arid Zones and Dry Lands, untersucht, wie Trockenregionen ihre Wasservorräte bestmöglich erschließen und aufteilen können. Der Geologe gehört zu den deutschen Experten, die das Zentrum unterstützen. Wenn seine syrischen Kollegen den Tag mit einer langen Kaffeepause beginnen, vermisst er zwar manchmal eine straffere Organisation. ?Dafür ist die Stimmung sehr kollegial. So würde ich mir das in Deutschland auch wünschen.?Der Münchner wohnt in Abu Rumanneh, einem eleganten Viertel im Zentrum der Stadt. Hier stehen Palmen an breiten Boulevards, und über jede Ecke wacht ein Polizist. ?Sicher leben wir hier abgeschirmt, aber die Ruhe und die Sauberkeit sind natürlich angenehm?, sagt Huber. Als er im Februar 2006 nach Syrien kam, mietete er ein Haus in der Altstadt. Schnell jedoch wurden ihm die Risiken für sein dreijähriges Kind bewusst: wackelige Geländer, rostige Nägel, der Dreck in den Straßen. Zudem kroch Ungeziefer ins Haus ? darunter untertassengroße Kamelhaarspinnen, von denen Kollegen erzählten, dass sie schlafenden Menschen die Ohren anfressen. ?Meine Frau hat dann auf dem Umzug bestanden?, sagt er.Manches befremdet ihn freilich noch heute. Etwa, dass überall Müll liegt. Oder dass die Einheimischen drängeln, statt in der Schlange zu warten. Doch diese Details belasten das ansonsten angenehme Leben kaum, zumal ihn die Stadt mit der Sicherheit ihrer Straßen und der Freundlichkeit ihrer Bewohner beeindruckt. Auch religiös erlebt er Damaskus als tolerant und liberal: ?Klar treten schwarz verschleierte Frauen in einigen Vierteln geballt auf. Aber anderswo kann man sogar draußen sitzen und Bier trinken ? da gibt es keinen Stress.?
Dieser Artikel ist erschienen am 14.10.2007