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Fix it, Fritz!

Von Carsten Herz und Josef Hofmann
Es war ein gut gehütetes Geheimnis. Nur ganz wenige Eingeweihte wussten, um was es wirklich ging, als Fritz Henderson vor wenigen Tagen auf dem Flughafen Zürich-Kloten die Maschine nach Detroit nahm. Für den 47-Jährigen sollte es eine seiner letzten Dienstreisen als Europachef von General Motors (GM) sein.
HB FRANKFURT. Nach nur eineinhalb Jahren steigt der Finanzexperte, dem ein Ruf als beinharter Sanierer vorauseilt, beim weltgrößten Automobilkonzern weiter auf. Als er dann im 39. Stock der GM-Konzernzentrale in Detroit seinen Vorstandschef Rick Wagoner trifft, geht es nur noch um Details. Für die gab der GM-Führungszirkel gestern abschließend grünes Licht.Bereits nächsten Monat löst der kräftige Amerikaner mit dem kleinen Schnauzbart den ihn an Körpergröße deutlich überragenden 61-jährigen John Devine als Chef des Finanzressorts ab und steigt damit zum zweitwichtigsten Mann im Konzern hinter Wagoner auf. Hendersons Nachfolger als Nummer eins in Europa wird sein bisheriger Vize, der ehemalige Opel-Chef Carl-Peter Forster.

Die besten Jobs von allen

Das Duo hat sich mit der Sanierung der Europa-Sparte von General Motors in diesem Jahr für höhere Weihen qualifiziert.Henderson darf nun nach ganz oben durchstarten. Nicht umsonst trägt der Harvard-Absolvent, der eigentlich Frederick heißt, den alle aber nur Fritz nennen, im Konzern den Spitznamen ?Fix-it Fritz?. Mit Henderson geht ein Mann nach Detroit, der als äußerst entscheidungsfreudig und durchsetzungsfähig gilt. Seine ganze bisherige Laufbahn ist von Tempo geprägt. 1984 als Senior-Analyst im Finanzmanagement von GM gestartet, führte ihn sein Weg innerhalb des Konzerns rund um die Welt ? und immer weiter nach oben in der Konzernhierarchie. Nirgends verweilte er länger als vier Jahre.Doch immer lange genug, um Spuren zu hinterlassen. ?Er weiß kristallklar, was seine Ziele sind, und er lässt auch seine Mitarbeiter nicht im Zweifel darüber, welche Ergebnisse er bis wie viel Uhr erwartet?, erzählt ein Insider. Gern formuliert Henderson in fein säuberlich durchnummerierten Thesen das, was er von den Managern erwartet.Solche klar strukturierten Erfolgsmenschen braucht der schwankende Autoriese dringender denn je. Der Konzern steckt in der größten Krise seiner Geschichte. Wagoner muss jede Möglichkeit nutzen, seine eigene Position zu retten. Ein neues Team ist möglicherweise seine letzte Überlebenschance, glaubt Scott Colbert von der Commerce Bank Investment Management in St. Louis. Seine Analyse ist eindeutig: Wagoner ?steht kurz vor dem Abgrund?.Henderson passt also genau in Wagoners Machtkalkül. Er ist unbelastet von den jüngst bekannt gewordenen peinlichen Bilanzfehlern, die den Konzern erneut Reputation an den Finanzmärkten gekostet haben. Devine, zusammen mit Wagoner dafür verantwortlich, konnte das Vertrauen nicht wiederherstellen. Unter seiner Feder waren das Jahresergebnis 2001 sowie ein Quartalsergebnis im Jahr 2005 zu hoch angesetzt worden. Das musste GM kürzlich einräumen.Mit der Neubesetzung des Ressorts nimmt Wagoner geschickt Druck aus dem Kessel und lenkt von sich selbst ab. Zwar betonte der Autogigant, dass Devines Vertrag Ende dieses Jahres regulär auslaufe und der 61-Jährige dem Unternehmen für die Dauer von bis zu einem Jahr noch als Vice-Chairman verbunden bleibe. Doch hochrangige GM-Manager räumen ein, dass die Bilanzfehler Devine deutlich geschwächt haben.Henderson kann nun als Saubermann starten und die Zweifel an der Zuverlässigkeit der Bilanzen ausräumen. Das ist wohl sogar eine seiner leichteren Aufgaben. Schwieriger wird es, den hoch verschuldeten und in Nordamerika chronisch defizitären Konzern wieder profitabel zu machen. Erst vor wenigen Wochen hatte Wagoner das Sanierungsprogramm weiter verschärft und angekündigt, 30 000 Stellen zu streichen und zwölf Werke zu schließen. Der Verlust hatte sich in den ersten drei Quartalen bereits auf knapp vier Milliarden Dollar addiert.Henderson, der seine Sanierungsqualitäten gezeigt hat, wird in der Finanzszene erst einmal auf Wohlwollen stoßen. Das könnte GM auch bei der Suche nach einem Investor für die Finanztochter GMAC helfen. Um die Schulden zu drücken und GMAC wettbewerbsfähig zu halten, will der Konzern die Mehrheit abgeben. Doch die Suche nach einem Investor sei schwieriger als gedacht, räumte der GM-Boss kürzlich ein.Einfach gestaltete sich dagegen die Suche nach dem Henderson-Nachfolger in Europa. Für Carl-Peter Forster ist dessen Wechsel in die USA ein doppeltes Glück. Der hoch aufgeschossene Manager rückt eine Position nach oben und hat künftig einen obersten Finanzchef, der das Europa-Geschäft aus der gemeinsamen, erfolgreichen Sanierungsarbeit bestens kennt.Die Beförderung zum Europachef bedeutet auch für den früheren BMW-Manager, der erst 2001 als Opel-Chef zu GM kam, eine Blitzkarriere. Forster übernimmt alle Aufgaben von Henderson und wird künftig bei GM in Europa allein das Sagen haben. Der 51-Jährige ist damit nach knapp zwei Dekaden der erste Europäer, der diesen wichtigen Posten bekleidet. Außerdem ist Forster der erste Manager in dieser Stellung, der als typischer ?Car Guy?, als Autoverrückter, gilt. ?Das ist ein gutes Signal?, glaubt man in der Züricher GM-Europazentrale.In Detroit wird offenbar honoriert, dass die Sanierung des kriselnden Europa-Geschäfts schneller als erwartet vorangeht. Die wichtigste Konzerntochter Opel wird dieses Jahr voraussichtlich bereits wieder schwarze Zahlen schreiben. Nur die defizitäre Marke Saab drückt das Jahresergebnis noch ins Minus. GM-Manager rechnen damit, dass der Konzern in Europa bereits nächstes Jahr wieder in die Gewinnzone zurückkehrt.Dieses Kunststück soll Fritz Henderson in Detroit nun möglichst wiederholen. Der Amerikaner, der in seiner Studienzeit als Werfer im Baseball-Team der Universität Michigan erfolgreich war, ist nun am Schlag. Fehlversuche kann er sich nicht leisten.
Fritz Henderson1958: Er wird am 29. November geboren.1984: Er startet seine Karriere bei General Motors (GM) als Analyst.1989: Er wechselt zur GM-Finanztochter und steigt dort zum Finanzchef auf.2000: Henderson wird Chef der Region Lateinamerika und übernimmt 2002 die Führungsposition in Asien.2004 wird er Chef des Europa-Geschäfts in Zürich.
Carl-Peter Forster1954: Forster wird am 9. Mai in London geboren.1982: Er startet seine Karriere als Unternehmensberater bei McKinsey.1986: Er wechselt ins Entwicklungsressort von BMW.1999: Er wird zum BMW-Produktionsvorstand berufen. Im März 2000 muss Forster gehen.2001: Er wird Opel-Chef.2004: GM beruft ihn zum Europa-Vizechef.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.12.2005