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Fit for Future

Katja Stricker/Kirsten Zirkel
Wie arbeiten wir morgen, und vor allem - wo? karriere abi hat die Megatrends in der Jobwelt aufgespürt - Patchworking, Multikulti und Wissensmacht heißen die Schlagwörter. Wir stellen Berufe vor, denen die Zukunft gehört: Neue Jobs in Beratung, IT und Robotik.
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Goodbye Langeweile. Täglich um neun ins Büro schleichen, zehn Jahre in dieselben Gesichter gucken, immer das Gleiche tun - die Zeiten sind vorbei. Der Arbeitstrott, in dem noch unsere Eltern stecken, gehört bald der Vergangenheit an. Die Jobwelt wandelt sich rasant und löst gleich einen Strauß von Megatrends aus: Unsere Lebensläufe werden bunter, das Arbeiten flexibler und mobiler. Mal eben für zwei Tage nach New York oder Schanghai jetten, um ein Projekt abzuklären, gehört schon heute für viele zum Joballtag. Unser Wissen macht uns zu begehrten und umworbenen Fachkräften, denn junge Leute sind rar geworden: In 20 Jahren ist jeder dritte Deutsche bereits älter als 60. Kurz: Es tut sich was in der Welt und wir stecken mittendrin - gut so.

Trend 1: Patchworking

Die Zukunft gehört den Flexiblen: den Freiberuflern, die auf eigene Rechnung arbeiten, den Multi-Taskern, die manchmal drei Jobs parallel stemmen, den Projektarbeitern, die nur noch befristet anheuern: "Man arbeitet für sechs Monate oder auch drei Jahre in einem Team, um etwa eine Software, einen Mittelklassewagen oder eine neue Zeitung zu entwickeln und ans Laufen zu bringen. Danach geht jeder wieder seine eigenen Wege", beschreibt Trendforscher Matthias Horx das Arbeitsmodell der Zukunft. Schnurgerade Kaminkarrieren in ein und demselben Unternehmen werden immer seltener, die Flickenteppich-Vita mit unterschiedlichsten Jobstationen die Regel. Selbst komplette Berufswechsel, etwa vom Kaufmann zum Event-Manager oder vom Sozialwissenschaftler zum Software-Unternehmer, sind kein Tabu mehr in der Arbeitswelt.
Auch die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verschwimmen. Werktags shoppen und am Wochenende Präsentationen erstellen oder Kunden besuchen - so arbeiten Werbeleute, Anwälte oder Consultants schon heute. Längere Auszeiten von ein, zwei Jahren, Sabbaticals genannt, werden mittlerweile selbst von knallhart leistungsorientierten Unternehmensberatungen angeboten, um jungen Leuten einen Ausgleich für drei Jahre Ranklotzen in 70-Stunden-Wochen zu bieten.


Trend 2: Multikulti

Die Welt rückt zusammen, Wege werden kürzer, Arbeitsprozesse immer schneller. Zwei Deutsche entwerfen in München ein Design für einen Autohersteller, Der Projektleiter, ein Japaner, nickt aus Tokio via E-Mail ab. Die Marketingabteilung in den USA gibt per Videokonferenz ihren Senf dazu.
Zahlreiche Unternehmen arbeiten heute schon so und täglich werden es mehr. Am neuen Airbus A380 beispielsweise werkelten Tausende von Technikern aus vier Nationen, bis er in diesem Frühjahr zum Jungfernflug abheben konnte.
Multikulti arbeiten, heißt vor allem: die gleiche Sprache sprechen, Mentalitäten verstehen, nationale Eigenheiten berücksichtigen. "Interkulturelle Kompetenz" zählt deshalb zu den Lieblingswörtern der Personalchefs, die Bewerber auswählen und einstellen. Fachwissen und gute Abschlussnoten allein reichen ihnen nicht mehr. Auslandserfahrung, Fremdsprachen und so genannte "Soft Skills", also persönliche Stärken wie Kommunikationsfähigkeit, Organisationstalent und Teamgeist, geben inzwischen den Ausschlag, wenn die richtig guten Jobs verteilt werden.


Trend 3: Wissensmacht

Deutschland stirbt aus. In fünf Jahren schon wird es eine halbe Million weniger Berufstätige geben. Doch löst sich damit auch das Problem der Massenarbeitslosigkeit? Schön wär's. "In 20 Jahren werden wir immer noch vier Millionen Arbeitslose haben", befürchtet Demografieforscher Axel Börsch-Supan. Der Grund ist fehlende oder falsche Qualifikation. Schon jetzt, so der Bevölkerungswissenschaftler, beginnt sich der Arbeitsmarkt radikal aufzuspalten: hier die hoch ausgebildeten und gut bezahlten, weil heiß begehrten Wissensarbeiter - dort das Heer der gering Qualifizierten, schlecht entlohnt und leicht ersetzbar. "Die Heinzelmännchen, die hinter den Kulissen der Wissensgesellschaft putzen, pflegen und versorgen, werden bald 30 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen", schätzt Trendforscher Matthias Horx.
Wer dagegen zur künftigen Wissenselite gehört, wird überdurchschnittlich gut verdienen. Ob er es Zeit seines Lebens tut, steht indessen auf einem anderen Blatt. Denn das klassische Festgehalt, das Monat für Monat stabiles Einkommen garantiert, wird zum Auslaufmodell, weiß Christian Näser von der Vergütungsberatung Kienbaum. An seine Stelle treten Erfolgsprämien, die bei Akademikern im Laufe der nächsten Jahre bis zu 30, bei höheren Managern sogar bis zu 50 Prozent ihres Einkommens ausmachen können. Das verspricht Traumeinkünfte in guten Zeiten, aber auch herbe Abstriche in schlechten. Die beste Versicherung gegen Abstürze im Berufsleben, so raten die Trendforscher, ist Weiterbildung: Nichts veraltet im High-Tech-Zeitalter so schnell wie einmal erworbenes Wissen.
Das gilt vor allem für Berufe in den Wachstumsbranchen: Gesundheit und Bildung, Biotechnologie und Robotik, Sicherheitstechnik und Beratung sind die Jobmotoren der Zukunft. Völlig neue Berufsbilder entstehen hier. Wer heute die Weichen richtig stellt, kann morgen profitieren.

Beratung

E-Lawyer
Profil: Spezialisiert auf internationales Cyberrecht. Weiß, welche Staaten laxe Datenschutzregelungen haben oder was Kunden tun müssen, wenn E-Shops im Ausland Pleite gehen. Experte für Urheberrecht. E-Lawyer sind Juristen mit den Schwerpunkten Telekommunikationsrecht, Medien- und Internetrecht sowie E-Commerce-Recht.
Perspektive: Sehr gute Chancen haben E-Lawyer in internationalen Kanzleien, bei Software- und E-Shops, aber auch in Unternehmen und Organisationen, die infolge der globalen Vernetzung immer mehr juristische Probleme lösen müssen. Auch für die Existenzgründung bestens geeignet.

Business Innovation Integrator
Profil: Der Alleskönner unter den Beratern. Entwirft keine Konzepte am Reißbrett, sondern berät und implementiert an Ort und Stelle - bis hin zur erforderlichen IT. Wirtschaftsingenieure kommen diesen Anforderungen am nächsten.
Perspektive: Unternehmen wollen Beratung und Umsetzung aus einer Hand. Die Beratungsgesellschaften müssen deshalb an den Schnittstellen zwischen Projektmanagement, IT-Implementierung und Betriebsführung gehörig Personal aufbauen.

M&A Specialist
Profil: Wählt Kandidaten für Unternehmenskäufe und -verkäufe (Mergers & Acquisitions) aus, bewertet deren Marktwert und prüft Umstrukturierungen. Führt die Verhandlungen und pokert bei der Preisfindung. Wichtig sind Kenntnisse in Steuer-, Gesellschafts-, Vertrags- und Kartellrecht. Ausbildung zum Beispiel an der Privat-Uni Witten-Herdecke.
Perspektive: Das Fusions- und Übernahmekarussell dreht sich immer schneller. Der Bedarf an M&A Specialists wächst daher zusehends, vor allem bei internationalen Konzernen, Banken und Investmenthäusern.

High-Tech

Life Sciences Engineer
Profil: Sein Auftrag lautet, Produkte so zu verbessern, dass sie Menschen den Alltag erleichtern. Lässt beispielsweise Zahnpasta an der Bürste statt in der Tube kleben. Hat umfassendes Wissen in Bio-, Lebensmittel- und Pharmawissenschaften, arbeitet in Bio-/Medizintechnik oder Pharmaindustrie, kommt auch in Verwaltungen oder im Patentwesen unter.
Perspektive: Life Sciences gelten als Schlüsseltechnik des 21. Jahrhunderts - entsprechend steigt die Nachfrage nach Ingenieuren mit Faible für Chemie, Biologie und Physik. Die Uni Karlsruhe zum Beispiel bietet in Chemieingenieurwesen/Verfahrenstechnik Life-Sciences-Vorlesungen an.

Nanobiotechnologe
Profil: Erforscht die Funktion biologischer Zellen auf molekularer und atomarer Ebene. Mit der Natur als Vorbild entwickelt er technische Systeme und Produkte, beispielsweise biologische Farbstoffe, die Banknoten und Pässe fälschungssicher machen. Hat Biologie mit Schwerpunkt Biotechnologie, Biophysik oder Bionik studiert.
Perspektive: Nanobiotechnologen zählen zu den Stars am Bio-Arbeitsmarkt, weil sie praktisch jede gewünschte Produkteigenschaft konstruieren können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Zukunftstechnologie mit 50 Millionen Euro.

Mechatroniker
Profil: Ein Allrounder unter den Ingenieurwissenschaftlern. Verbindet Mechanik und Elektronik, um klassische Systeme - etwa die Motorsteuerung von Autos oder Musikabspielgeräten - leistungsfähiger zu machen. Mehrere Hochschulen bieten bereits Studiengänge und -schwerpunkte an.
Perspektive: Mechatronische Systeme sind aus vielen Industriezweigen nicht mehr wegzudenken - entsprechend gut sind die Jobchancen. Besonders große Nachfrage aus Automobilbranche, Unterhaltungselektronik und Produktionstechnik.

Medizin & Pharma

Bio-Pharmazeut
Profil: Eine Art Trendscout für Impfstoffe und Medikamente. Untersucht Therapeutika auf ihre Wirkung und prüft, ob und wie bestimmte Stoffe vom Körper aufgenommen werden. Arbeitet in der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Biopharmazeutische Studiengänge gibt es an zahlreichen Universitäten.
Perspektive: Die Biomedizin gilt als Wachstumsmarkt. Noch ist das Image des Berufs allerdings belastet - durch Tierversuche und Stammzellforschung. Das wird sich ändern, wenn Zellkulturen oder virtuelle Testsysteme die Forschung am lebenden Objekt überflüssig machen.

Präventionsmediziner
Profil: Konzipiert Gesundheitsprogramme. Bindeglied in der Versorgungskette zwischen Hausärzten und Krankenhäusern. Ist bei Krankenkassen, Universitäten, Großpraxen, Wellness-Centern, Sportverbänden angestellt oder freiberuflich tätig. Von Haus aus Mediziner, oft mit physiotherapeutischer oder ernährungswissenschaftlicher Zusatzqualifikation.
Perspektive: Vorbeugen statt heilen - das haben sich alle Akteure im Gesundheitswesen auf die Fahnen geschrieben. Rückenwind gibt es von der Politik. Keine ärztliche Fachrichtung kommt in Zukunft ohne Präventionsmediziner aus.

Robotik

Robot Humanizer
Profil: Bringt Robotern das Sprechen und Fühlen bei. Arbeitet an der Schnittstelle von Mechatronik, Sensorik und Optoelektronik. Programmiert neuartige Fahrkarten- und Geldautomaten sowie Informationskioske, die autonom mit dem Menschen in Kontakt treten.
Perspektive: Roboter sind auf dem Vormarsch. Um sie "humaner", damit breiter einsetzbar zu machen, sucht die künftige Boom-Industrie Ingenieure, Informatiker, Kommunikationswissenschaftler, Psychologen und Mediziner. Auch High-Tech-begeisterte Produktmanager, Service-Techniker oder Vertriebsleute können sich der Herausforderung stellen.

Virtual Reality Engineer
Profil: Nutzt Computersimulationen für die Herstellung von Maschinen und Anlagen, Autos oder Medikamenten. Leitet die Ergebnisse dieser Simulationen an Forschungsabteilung und Marketing weiter. Ist bei Industrieunternehmen oder Ingenieurbüros angestellt. Für Ingenieure aller Fachrichtungen, Physiker, Mathematiker, Chemiker.
Perspektive: Computersimulationen ersetzen zunehmend aufwändige und teure Prüfverfahren in allen Industrie- und Dienstleistungsbranchen. Die Nachfrage nach Virtual Reality Engineers wächst enorm. Zusätzliche Einsatzmöglichkeiten in der Unternehmenssteuerung, zum Beispiel bei der Bewertung von Markt- oder Konsumtrends.

IT/Internet

Tele-Coach
Profil: Unterstützt Teilnehmer von Online-Seminaren inhaltlich und organisatorisch. Kalkuliert die Kosten für die Teilnehmer, organisiert Videokonferenzen und Gruppenarbeiten. Meist Lehramtsstudium, viele Geistes- und Sozialwissenschaftler. Selbstständiger Trainer oder Angestellter in Unternehmen, Verbänden oder Bildungseinrichtungen. Klassischer Quereinsteigerjob, ideal auch im Nebenberuf.
Perspektive: Tele-Lernen hat enormes Marktpotenzial, weil es den Weiterbildungsabteilungen der Unternehmen hohe Flexibilität bei niedrigen Kosten ermöglicht. Nach Banken und Versicherungen benötigen auch Industrieunternehmen verstärkt Mitarbeiter in diesem Metier.

Investigator
Profil: Der Detektiv der digitalen Welt. Deckt Missbrauch von Telekommunikations- und Computernetzen auf, ermittelt Software-Raubkopien oder deckt betrügerische Telefonate auf. Muss absolut IT-fit sein, Berufserfahrung aus Handel oder Bankwesen ist vorteilhaft.
Perspektive: Mit zunehmender IT-Vernetzung steigt der Bedarf an Überwachung. Gute Jobaussichten bei Telekommunikations- und Versicherungsunternehmen, bei Banken und in der IT-Branche.

Krypto-Ingenieur
Profil: Verschlüsselt geheime Daten in Rechnern oder in Smart Cards (Geldkarte, Telefonkarte, SIM-Karte im Handy). Informatiker oder Elektronikingenieur mit profundem Wissen in Internet und Telekommunikation. Einen Studiengang, der IT-Sicherheit und Kryptologie mit Elektrotechnik und Informatik verbindet, gibt es an der Uni Bochum.
Perspektive: Krypto-Ingenieure machen die mobile Datenwelt sicherer. Der Markt für Sicherheitssoftware und -dienstleistungen wird stark wachsen. Kryptografie-Experten finden Jobs in Sofware-Häusern und großen Unternehmen.

Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2005