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Firmenrente nach Maß

Unternehmen denken angesichts der Rentenlücke über neue Konzepte für die Zukunftssicherung ihrer Mitarbeiter nach.
Unternehmen denken angesichts der Rentenlücke über neue Konzepte für die Zukunftssicherung ihrer Mitarbeiter nach.

Bei der Salzgitter AG sind Klassengegensätze kein Thema mehr: Bei dem Stahlunternehmen werden Arbeiter zu Kapitalisten - der Konzern bietet an, Teile des Lohns in Fonds anzulegen. Außerdem wirbt Salzgitter dafür, dass Arbeiter und Angestellte Aktien des Konzerns kaufen. Damit will das Unternehmen nicht nur sein Image als Arbeitgeber heben: "Wir wollen, dass Mitarbeiter eigenes Vermögen bilden, und sich aktiv um die Aufbesserung der staatlichen Rente kümmern", sagt Personalvorstand Günter Giesler.

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In vielen Unternehmen kommt das Thema Sparen für die Rente neu auf die Agenda: "Wir sprechen über Aktien, Renditen, Fonds, Portfolios und Anlagechancen", sagt Giesler, "und immer geht es dabei um die Zukunftssicherung für die Alten von morgen." Auslöser für diese neue Tagesordnung ist die Renten-Lücke: Die staatliche Rente für die heute Arbeitenden wird wenig üppig ausfallen. "Das Verhältnis zwischen Beiträgen und Leistungen wird sich weiter verschlechtern", beschreibt Bernd Katzenstein vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA), Köln, den großen Trend. Wie sich der auf die finanzielle Situation auswirkt, rechnet die Axa-Versicherung, Köln, vor: Haben in der Vergangenheit drei Arbeitnehmer einen Rentner 10 Jahre lang getragen, werden im Jahr 2030 zwei Arbeitnehmer einen Rentner 18 Jahre lang tragen müssen. Weil diese Kraftanstrengung kaum möglich ist, gibt es nur einen Ausweg: Weniger Staatsrente, mehr Rente aus Arbeitnehmer-Ersparnissen.

Salzgitter ist einer der Vorreiter, seinen Mitarbeitern den Weg in die selbst finanzierte, also kapitalgedeckte Rente zu ebnen: Zusätzlich zur Werksrente gibt es eine vom Unternehmen eingerichtete Kasse, über die 17 000 Mitarbeiter ihre Alters-Bezüge aufpolstern können. Das Konzept: Aus unversteuertem Einkommen kann jeder Mitarbeiter einen beliebigen Betrag ab 300 Euro pro Jahr einzahlen. Das Geld fließt in einen von Salzgitter gesteuerten Fonds "Wir investieren in Aktien und festverzinsliche Wertpapiere, unser Rendite-Ziel sehen wir bei fünf bis sechs Prozent", beschreibt Geisler die Leistung. Salzgitter garantiert einen Mindestzins von 3,25 Prozent - wird der mit den Anlagen nicht erzielt, finanziert der Arbeitgeber die Differenz.

Auch andere Unternehmen setzen auf neue Renten-Konzepte: "Wir beobachten eine Revitalisierung der betrieblichen Altersversorgung", beschreibt Rentenexperte Katzenstein die Entwicklung: Die Riester-Rente, die Arbeitnehmern den Aufbau einer privaten Altersversorgung erleichtern soll, treibt das Thema. Auch Mittelständler sind dabei. Beispiel: Die Firma Wegra, ein Handwerksbetrieb mit 100 Mitarbeitern in Westenfeld bei Suhl. Hier erhalten die Mitarbeiter Barlohn für 36 Arbeitsstunden die Woche, arbeiten aber 40 Stunden. Der Lohnanspruch für die vier Stunden Mehrarbeit wandert in steuerbegünstigte Anlagen. "Das Konzept ist eine Mischung aus Kapitalanlage im Unternehmen und Versicherung", beschreibt Michael Lezius von der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP), Kassel, das Vorgehen bei dem thüringischen Unternehmen.

Die privat finanzierte Rente wird noch mehr Arbeitnehmer zu Mitarbeiter-Kapitalisten machen: Zur Sicherung eines ausreichenden Alterseinkommens wird Lohn in Firmenanteilen angelegt. Salzgitter etwa, wo nach Aussage von Günter Giesler schon 95 Prozent der Mitarbeiter Firmenanteile haben, bietet einen neuen Aktiensparplan: Jeder Mitarbeiter kann weitere Salzgitter-Aktien im Wert von 1 000 Euro kaufen, muss aber das Geld erst 36 Monate später zahlen. Zur Zwischenfinanzierung erhält der Arbeitnehmer ein zinsgünstiges Firmen-Darlehen, kann aber schon von Tag eins an Dividende für seine Aktien kassieren. Andere Unternehmen werden es Salzgitter nachtun: "Es gibt heute bereits 4,5 Millionen Arbeitnehmer, die Anteile an der eigenen Firma halten", sagt Lezius, und diese Zahl werde weiter steigen. Die AGP arbeitet derzeit mit einigen Musterbetrieben daran, Konzepte für Riester-Geldanlagen zu entwickeln. Sie sollen den Kauf von Anteilen an der eigenen Firma mit der Geldanlage in Finanzprodukten kombinieren.

Wie man aus Mitarbeitern nicht nur Geld-, sondern auch Zeit-Kapitalisten machen kann, zeigt die Deutsche Bank. Bei ihr können Mitarbeiter unter dem Namen "Zeit-Invest" Prämien, Provisionen, Überstundenvergütungen oder auch den Gegenwert nicht genommener Urlaubstage auf ein Konto einzahlen. Die Deutsche Bank managt dieses Konto wie eine professionelle Geldanlage. Das erwirtschaftete Guthaben können Mitarbeiter dann etwa dafür einsetzen, früher in Ruhestand zu gehen, ohne den Lebensstandard zu reduzieren.

Konzepte wie die von Salzgitter, Wegra oder der Deutschen Bank sind freilich noch die Ausnahme. Der Markt für die neuen Angebote zur privaten Alters-Finanzierung entwickelt sich erst. Größtes Hindernis bisher: Es gibt bei allen Beteiligten noch Informationsdefizite. "Nur die Hälfte der Unternehmen bietet ihren Mitarbeitern Vergütungsmodelle, bei denen die Altersvorsorge gezielt zur Mirtarbeiter-Motivation eingesetzt wird", so die Diagnose von Jörg H. Stolzenburg von Towers Perrin, einer Personalberatung, die auf Gehaltsfragen spezialisiert ist. Auch die Arbeitnehmer sind noch nicht ausreichend im Bilde: "98 Prozent der Bevölkerung wissen nicht, dass private Altersvorsorge staatlich gefördert wird", ermittelte das DIA in einer Studie. Wegen der Info-Lücke ist die Renten-Lücke oft nur schwer zu schließen.

Weitere Informationen, Literatur und Seminare zum Thema Mitarbeiterbeteiligung finden Sie auf den Internetseiten der AGP: www.agpev.de.

Axel Gloger
Dieser Artikel ist erschienen am 10.12.2001