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Fingerspitzengefühl gefragt

Von Tanja Kewes
Derzeit bringt Thomas Winkelmann Germanwings voran. Eigentlich ein Job, der paar Nummern zu klein ist für einen Manager, der als Statthalter von Lufthansa in Nordamerika schon für einen Umsatz von über zwei Milliarden Euro verantwortlich war. Jetzt will Winkelmann auch den Kurs der neuen Billigfluglinie von Lufthansa und Tui bestimmen. Da ist Sensibilität gefragt.
Der Mann, auf den sich die Blicke richten: Thomas Winkelmann
DÜSSELDORF. Thomas Winkelmann ist anders als andere Manager bei der Deutschen Lufthansa: Er trägt ungerne Krawatten, er riskiert gerne mal eine Lippe, und er startete seine Karriere nicht - wie in der Branche typisch - in der Luftfahrt. Auf den "Freak" - wie er sich selbst einmal nannte - richten sich jetzt aber alle Augen.Seine Aufgabe: in den Verhandlungen mit dem Touristikkonzern Tui über eine gemeinsame Billigfluggesellschaft aus den Konzerntöchtern Germanwings, Eurowings und Tuifly die besten Konditionen für Lufthansa auszuhandeln. Macht er es gut, könnte er bald als Chef am Steuerknüppel des neuen Vogels sitzen und die deutsche Nummer zwei, Air Berlin, angreifen und Europas führende Billigfluglinien Ryanair und Easyjet ins Visier nehmen. Doch darauf spekuliert noch ein anderer: Tuifly-Chef Roland Keppler.

Die besten Jobs von allen

Die 27 lilagelben Maschinen von Germanwings sind für Winkelmann eigentlich eine Nummer zu klein. Der 48-Jährige war schon als Statthalter von Lufthansa in Nordamerika für einen Umsatz von über zwei Milliarden Euro verantwortlich. Reizvoll aber war die Aufgabe, für die ihn Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber und Aufsichtsratschef Jürgen Weber 2006 in den Container am Flughafen Köln-Bonn holten, wegen der Zukunftsmusik, die darin spielte. Germanwings war 2002 nicht nur gegründet worden, um Ryanair und Easyjet Paroli zu bieten, sondern auch, um für die Mutter neue Vertriebsformen zu entwickeln und schlanke Abläufe zu testen."Wir sind ein Think Tank", sagte Winkelmann 2007 im Handelsblatt-Interview. Beim geplanten Dreierbündnis aus Germanwings, Eurowings und Tuifly sind bis dato noch (fast) alle Fragen offen. Und die Bücher, in die beide Konzerne erst seit Dienstag Einblick nehmen, könnten sogar wieder zugeschlagen werden. Germanwings ist mit einem Umsatz von 630 Millionen Euro und acht Millionen beförderten Passagieren im vergangenen Jahr zwar deutlich kleiner als Tuifly. Die Tochter des Touristikkonzerns kam 2007 auf rund 12,5 Millionen Passagiere und einen Umsatz von geschätzten 1,3 Milliarden Euro. Doch der Handlungsdruck und -wille ist bei Tui -Travel -Chef Peter Long deutlich größer als bei Lufthansa -Vorstandschef Mayrhuber. Germanwings wächst zweistellig und fliegt - wenn auch nur wenig - Gewinn ein. Tuifly ist im vergangenen Jahr in schwere Turbulenzen geraten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie wird der neue Vogel heißen?Wie wird der neue Vogel heißen? Auch hier spricht vieles für Germanwings. Die Marke ist etablierter und neutraler als die erst Anfang 2007 entstandene Tuifly. Auch andere Reisekonzerne als Tui könnten ihre Kunden damit fliegen lassen. Lufthansa hat sich zudem noch die Namensrechte für andere europäische "Wings" - wie etwa Italian-wings - gesichert und könnte weitere Küken flügge machen. "Winkelmann ist sehr ehrgeizig, und er weiß, was er will", heißt es in der Branche.Hoch hinaus will auch Tuifly-Chef Keppler. Der 43-Jährige war 2002 Mitgründer des Billigfliegers HLX und damit schon im Billigsegment unterwegs als Winkelmann noch in den USA lebte. Bei Tuifly ist Keppler erst seit September Chef. Er hat nicht lange gefackelt, um die Fluggesellschaft aus der Verlustzone zu bringen. Der gelernte Wirtschaftsingenieur strich Strecken und Standorte zusammen.Weniger Rivalität, mehr Fingerspitzengefühl müssen Winkelmann und Keppler bei ihren Piloten zeigen. Für die Kapitäne und Offiziere von Germanwings gilt mit Abstrichen der Konzerntarifvertrag der Lufthansa. Die Piloten von Eurowings und Tuifly stehen insgesamt schlechter dar. Beide Lager zusammenzubringen - die einen rauf, die anderen runter im Gehalt und bei den Bedingungen - wird darüber entscheiden, ob der neue Vogel jemals abhebt. Winkelmann, der völlig unprätentiös in einer Art Container am Flughafen Köln-Bonn sein Büro hat und als Dienstwagen einen Mini-Cooper im Corporate Design fährt, dürfte dabei als Vorbild dienen. Denn ihm ist klar: Die neue Germanwings muss schlagkräftig sein, sonst verliert die Lufthansa noch mehr Kunden an Air Berlin und Easyjet.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.02.2008