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Finanzspritze für den Doktor

Jeder neunte Hochschulabsolvent setzt nach dem Studium noch eine Promotion drauf. Doch zwei, drei Jahre Doktorarbeit wollen finanziert werden. karriere zeigt, welche Geldquellen helfen, in dieser Zeit die Brötchen, die Miete und die Forschungsarbeit zu bezahlen.
Sven Kroboth begeistert sich schon seit Jahren für komplizierte Materie. Die Euphorie des 31-Jährigen überzeugte vor knapp drei Jahren auch seinen damaligen Professor: Nach dem Physik-Studium bot ihm der Dozent für die Dissertation im Bereich Quantenoptik zunächst eine halbe, später eine Dreiviertel-Stelle am Lehrstuhl an. "Ich musste mir überhaupt nicht den Kopf zerbrechen, wie ich meine Dissertation finanzieren könnte", freut sich Kroboth. "Das war praktisch.

Während er sich seither intensiv mit der Kühlung von Ytterbium-Atomen beschäftigt, flossen im ersten Jahr seiner Promotion 1.000 Euro netto auf sein Konto, seit dem zweiten Jahr 1.300 Euro. "Davon kann ich einwandfrei leben", erklärt der Physiker. Das Gehalt decke die Kosten für die Doktorarbeit von etwa 30.000 Euro voll.

Die besten Jobs von allen


So einen reibungslosen Zugang zu den Geldtöpfen erwischt aber längst nicht jeder der 25.000 Doktoranden, die jedes Jahr in Deutschland ihre Dissertation angehen. Ausreichend Finanzmittel aufzutreiben, kann für sie zu einer anspruchsvollen Aufgabe werden, denn je nach Fach oder Thema verschlingt eine Forschungsarbeit inklusive Lebenshaltungskosten für zwei, drei Jahre schnell mal 50.000 Euro. Mit solchen Summen für ihre Diss-Zeit müssen speziell Chemiker oder Physiker rechnen. Mediziner und Juristen, die meist recht zügig promovieren, kommen mit Beträgen zwischen 20.000 und 30.000 Euro günstiger weg; Philologen oder Sportwissenschaftler müssen mit Beträgen ab 25.000 Euro aufwärts rechnen.

Trotz dieser hohen Summen finden viele Doktoranden Sponsoren für ihre Pläne, vorausgesetzt, sie bieten ein interessantes Thema und einen straffen Zeitplan. Dann bieten staatliche Förderprogramme wie auch private Initiativen Finanzspritzen:

Klassisch: Assi an der Uni
Ob in Biologie, Physik, Wirtschaftswissenschaften oder Germanistik: Alle Hochschulen schreiben regelmäßig Assistentenstellen oder Hilfskraftjobs für Doktoranden aus. Für die Professoren ist es allerdings kein Muss, sie öffentlich auszuschreiben, sie können sie jederzeit auch hausintern besetzen. Ein guter Draht zum Lehrstuhl schon zu Studienzeiten kann sich also auszahlen.

Etwa zwei Drittel aller Doktoranden wählen den Weg über einen Uni-Job. In der Regel ist die Stelle auf zwei bis vier Jahre beschränkt und wird nach BAT-Tarif IIa bezahlt, was für einen 27-jährigen Single rund 3.200 Euro brutto pro Monat bedeutet

Der Haken: Neben der Dissertation sind auch organisatorische Aufgaben am Lehrstuhl zu erledigen, Vorlesungen zu halten, Diplomarbeiten zu betreuen. Im Schnitt geht dafür ein Fünftel der Arbeitszeit drauf - die für die Promotion fehlt.

Besonders: Projektmitarbeiter
Weniger abgelenkt werden Doktoranden als Mitarbeiter in einem Projekt, da sie dort nur selten Zusatzaufgaben für ihren Doktorvater übernehmen müssen. Derartige Stellen werden meist nicht öffentlich bekannt gemacht. Die Profs picken sich unter ihren Diplomanden Mitarbeiter raus, die dann über das Projektthema promovieren. Die Kosten für die Jobs finanzieren die Professoren oft aus Drittmitteln von Landes- oder Bundesministerien. Der Verdienst eines Projektmitarbeiters ist mit dem Gehalt einer Assistentenstelle vergleichbar. Wer einen dieser gefragten Jobs ergattert, darf allerdings nicht bummeln: Sobald das Projekt ausläuft, drehen die Förderer normalerweise den Geldhahn zu

Das Stiftungsstipendium
Unabhängig von der Uni hat Claudia Pauli-Magnus ihre Geldquelle für die Dissertation gefunden: Mit einem Thema zum Patientenverhalten im Rahmen von Therapien bewarb sich die Psychologin bei der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg. Nur kurze Zeit später erhielt Pauli eine Zusage, die ihr zwei Jahre lang monatlich 1.000 Euro bescherte. "Das war toll, unbürokratischer ging es kaum", findet die Heidelbergerin, obwohl es sie einige Zeit gekostet hat, die geforderten Gutachten von ihren Profs zu erhalten und einen Bericht über den geplanten Verlauf ihrer Arbeit anzufertigen

Unabhängig von der Fachrichtung gewähren Begabtenförderungswerke (Adressen unter www.stiftungsindex.de), wie die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft, oder die Bundesländer ihre Stipendien - zunächst mal für zwei Jahre

Was viele der rund 10.000 Doktoranden, die solch ein Stipendium beziehen, unter Zeitdruck setzt. Denn nur etwa vier Prozent der Promovierenden schließen in dieser Zeit die Diss ab. Die meisten Einrichtungen gestehen immerhin noch die Option zu, das Geld ein weiteres Jahr zu beziehen. Wer dann noch nicht fertig ist, braucht sehr gute Argumente für mehr Geld.

Die Zuschüsse liegen in der Regel zwischen 600 und 920 Euro monatlich, plus Zuschläge für Sach- oder Reisekosten. Nach einem Jahr müssen die Stipendiaten oft einen Rechenschaftsbericht zum Stand ihrer Arbeit vorlegen

Den Antrag für solch eine Förderung stellt man an der Uni oder direkt bei den Begabtenförderungswerken. Für den Bewerbungsprozess muss man ein bisschen Zeit einkalkulieren: "Bei uns dauert es maximal sechs Monate, ehe wir zu- oder absagen", stellt Martin Gräfe von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung fest.

Ein Bewerber muss dort unter anderem in einem persönlichen Gespräch überzeugen. "Wir erwarten eine gewisse Bandbreite an politischem oder sozialem Engagement. Wer im Elfenbeinturm sitzt und nur seine Karriere im Kopf hat, ist bei uns nicht an der richtigen Adresse.

Unternehmensstipendien
Alternativ zum Sponsoring durch Stiftungen können Doktoranden auch die Förderung über die Wirtschaft anpeilen. Inzwischen loben zunehmend mehr Unternehmen wie die Elektrowerke Vorwerk, der Pharmakonzern Schering oder die Telekom-Stiftung derartige Stipendien aus.

So vergab beispielsweise der Internet-Dienstleister SinnerSchrader im letzten Jahr 10.000 Euro an einen Doktoranden, der an einer "besonders interessanten Forschungsarbeit" im Bereich E-Business arbeitet. Gerade in der Internet-Wirtschaft "kommen die Impulse viel zu oft aus dem Markt, zu selten aus den Universitäten", erklärt Firmengründer Matthias Schrader das Engagement seiner Firma.

Diss mit Arbeitsvertrag
Viele Konzerne gehen noch einen Schritt weiter als SinnerSchrader, indem sie gezielt Teilzeitstellen für Doktoranden schaffen. Autobauer Audi beispielsweise bietet Promovierenden Verträge auf 17,5-Stunden-Basis für drei Jahre an, am liebsten solchen Bewerbern, die sich mit technischen Themen beschäftigen. Neben dem Job haben die Doktoranden Zeit für ihre Dissertation und finanzieren sich über das Teilzeitgehalt

Auch die meisten der großen Unternehmensberatungen greifen ihren Beratern bei der Promotion neben dem Job durch ähnliche Teilzeitangebote und teilfinanzierte Sabbaticals unter die Arme. Interessenten für solch eine Form der Förderung sollten sich auf den Webseiten größerer Unternehmen umsehen - unter anderem bieten viele der Dax-Konzerne entsprechende Jobs an

En gros verkaufen
Wer nach dem Abschluss seiner Doktorarbeit aus seinen Forschungsergebnissen Kapital schlagen will, kann sein Werk als Buch veröffentlichen - ein Weg, der immer populärer wird. Der Hamburger Spezial-Verlag Dr. Kovac beispielsweise veröffentlichte 2006 mit 600 neuen Titeln dreimal mehr als noch vor sechs Jahren. "Der Absatz bewegt sich bei uns zwischen 20 und 500 Stück", erklärt Verlagsmitarbeiterin Jana Gruber.

Bei einem Verkaufspreis von 40 bis 90 Euro kann die Promotion so mehrere tausend Euro in die Kassen der frisch gebackenen Doktoren spülen, denn in der Regel erhalten sie zehn bis 25 Prozent des Nettoverkaufserlöses. Um sicherzugehen, dass sie das maximale Autorenhonorar rausschlagen, sollten sich Interessierte unbedingt von verschiedenen Verlagen ein individuelles Angebot einholen.

Da die Veröffentlichungen aus Förderfonds und der Verwertungsgesellschaft VG Wort bezuschusst werden, gehen Doktoranden, die ihr Werk als Buch herausbringen, kaum finanzielle Risiken ein. Will beispielsweise ein promovierter Pädagoge seine 200-seitige Dissertation veröffentlichen, kalkuliert der Göttinger Sierke Verlag zunächst mit Autorenkosten von knapp 500 Euro. Da der Doktorand jedoch mit einem Zuschuss von circa 200 Euro rechnen kann, bleiben nur 300 Euro Restrisiko

Sponsoren abklappern
Als Buch wollte Chemiker Christian Müller* seine Promotion über die Außenluft der Stadt Salzburg nicht verkaufen, dafür fand der Münchener nachträglich noch einen Sponsor: Einige Zeit nachdem die Salzburger Landesregierung die Zahlungen für das Umweltschutzprojekt, in dem Müller tätig war, eingestellt hatte, stellte er den Landesvertretern seine Forschung vor und fragte spontan nach einem Zuschuss für die vielen Arbeitsstunden, die nach Projektende noch angefallen waren. Das Auditorium war von der Präsentation beeindruckt - und machte prompt noch mal Geld locker

Besonders für Doktoranden mit sehr praxisnahen Themen kann es lukrativ sein, themenverwandte Unternehmen anzusprechen und die Ergebnisse der Arbeit anzubieten (Nutzungs- und Urheberrechte siehe Kasten). Wer dagegen über das Liebesleben der Küchenschaben in Nairobi promoviert hat, wird es schwerer haben, zahlungswillige Interessenten zu finden

Über die Steuer finanzieren
Egal, ob Ausgaben für Fachliteratur, Seminare, Recherchereisen: Laut Urteil des Bundesfinanzhofs (VI R/26/05) dürfen Doktoranden ihre Ausgaben als Werbungskosten oder als Betriebsausgaben von dem Einkommen, das sie versteuern, abziehen. Dadurch kommt zwar nicht mehr Geld rein, aber es geht unterm Strich zumindest weniger raus. Vorsicht: "Die Doktoranden müssen genau begründen, warum diese oder jene Ausgabe für ihre Promotion nötig war", betont der Landshuter Steuerberater Thomas Küffner. Ansonsten streikt das Finanzamt

Steffi Sammet


* Name von der Redaktion geändert

Urheberrechte

Will Geld. Biete Nutzen.

Wenn Unternehmen Geld für eine Promotion lockermachen, haben sie meist auch ein Interesse, die Ergebnisse der Arbeit zu verwerten. Allein durch das Sponsoring haben sie dazu nicht die Befugnis; nutzen dürfen sie nur, wenn ihnen der Doktorand das Recht dazu einräumt: Gewährt der Verfasser der Firma ein einfaches Nutzungsrecht, darf sie die Arbeit nur für eigene Zwecke verwenden - beispielsweise um Mitarbeiter über die Auswirkungen einer Stoffmischung auf ein Produkt zu informieren. An Dritte weitergeben darf das Unternehmen diese Rechte nicht

Spricht der Wissenschaftler seinem Promotionssponsor ein ausschließliches Nutzungsrecht seiner Dissertation zu, kann das Unternehmen die Arbeit auch Dritten zur Verfügung stellen oder für die Ergebnisse der Arbeit Lizenzen verkaufen. Die Crux: "Der Promovierte selbst darf seine Dissertation dann überhaupt nicht mehr verwenden", warnt Malte Alexander Haase, Anwalt für Urheberrecht bei der Kanzlei Beukenberg

Die Urheberpersönlichkeitsrechte für eine Dissertation verbleiben - unabhängig von der Nutzungsvereinbarung - immer beim Verfasser und dürfen nicht übertragen werden. Sobald Dritte Zitate, Tabellen oder Skizzen aus der Doktorarbeit verwenden, müssen sie stets den Namen des Autors als Urheber angeben

Dieser Artikel ist erschienen am 27.02.2007