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Finanzmagier auf Abschiedstour

Einer der einflussreichsten Männer Amerikas nimmt Abschied: Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank Fed, geht Ende Januar in den Ruhestand. Vorher lässt er sich jedoch noch feiern.
Greenspan gilt zuweilen als spröde.
Foto: dpa
HB DÜSSELDORF. Fast 18 Jahre lang stand Alan Greenspan an der Spitze der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Er hat die Zeit genutzt, um sich als resoluter Lenker der amerikanischen Wirtschafts- und Finanzpolitik unentbehrlich zu machen. Ende Januar geht er in den Ruhestand.Von vielen wird er als "zweitwichtigster Mann der Welt" gefeiert. Seine Kritiker werfen Greenspan indes vor, er habe nach dem Platzen der Börsenblase vor fünf Jahren zwar durch schnelle Zinssenkungen eine Rezession verhindert, damit aber eine neue, noch gefährlichere Blase aufgepumpt. Das ändert nichts daran, dass Broker ihre Söhne gerne Alan nennen.

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Mittwoch nun begann der 79-jährige Greenspan seine Abschiedstour: Zum 35. und letzten Mal trat er mit seiner zerbeulten Aktentasche vor den Finanzausschuss des Repräsentantenhauses. Dort kam sogleich richtig Wehmut auf. "Ihre Wirtschaftsanalyse war immer der Höhepunkt in unserem Kalender gewesen", versicherte der Ausschussvorsitzende Michael Oxley. "Sie sind einfach einer der besten Staatsdiener, die es gibt", meinte Christopher Shays.Nun ist Greenspan nicht eben für seine spontanen Reaktionen bekannt. Er gilt als spröde und zuweilen vernuschelt. Es heißt, Greenspan habe zweimal um die Hand seiner Frau anhalten müssen. Beim ersten Mal habe sie ihn nicht verstanden. Tritt der hagere Greenspan ans Rednerpult, lauschen die Finanzexperten umso genauer. Darum auch der Titel "Orakel von Washington". Weil Greenspan weiß, dass seine Worte an den Finanzmärkten Beben auslösen können, legt er vorzugsweise die Stirn in Falten, verzieht die Miene nicht und wartet dann mit kompliziertesten Satzgebilden auf.Auch vor dem Finanzausschuss des Repräsentantenhauses blieb Greenspan am Mittwoch seinem etwas hölzernen Naturell treu. Die überschwänglichen Huldigungen nahm er mit einem knappen "Thank you" entgegen, und widmete sich der Materie. In gewohnt verklausulierter Manier dozierte er über Inflationsdruck, Fiskaldruck und Reallöhne, Risikoprämien, langfristige Zinsen und "Schaum im Immobilienmarkt". "Wir werden sie vermissen", sagte der Abgeordnete Paul Gillmer, der wie die anderen seit Jahren und meist vergeblich versuchte, Greenspan aus der rhetorischen Reserve zu locken.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Greenspans Abgang könnte einen Schock an den Märkten auslösen.Doch der "Superstar der internationalen Finanzszene" (FAZ) bleibt vor dem Ausschuss gewohnt souverän. Dazu hat er als Notenbankchef wohl auch zu viel mitgemacht: vier Präsidenten, zwei Rezessionen und die längste Aufschwungphase der Nachkriegszeit. Er wird auch deswegen "Magier der Märkte" genannt, weil er die Wirtschaft relativ schadlos um die schwierigsten Kliffs bugsierte.Was wenige über den promovierten Ökonomen wissen: Er ist lebenslustig und witzig, mit einer Leidenschaft für Tennis, Saxophon und morgendlichen ausgedehnten Aufenthalten in der Badewanne. So beschreibt ihn zumindest der Biograph Justin Martin. Zu Greenspan Freunden zählen Henry Kissinger, Gerald Ford und Milton Friedman.Letzterer, seines Zeichens Nobelpreisträger, warnt bereits vor dem nahenden Ausscheiden des Notenbank-Präsidenten. "Greenspans Abgang kann einen Schock an den Märkten auslösen", gab Friedman zu bedenken. Auch die Ausschuss-Mitglieder wollten Greespans Abgang noch nicht hinnehmen. Brad Sherman kündigte einen Gesetzentwurf an, der weitere fünf Amtsjahre möglich machen würde. "Weiß meine Frau davon?" witzelte Greenspan.Am 31. Januar läuft die nicht verlängerbare Amtszeit von Greenspan als Mitglied der Notenbank aus. Das Weiße Haus hat schon versucht, ihn wenigstens zu ein paar weiteren Monaten zu bewegen. "Es wird schwierig, angemessenen Ersatz zu finden", meinte Präsident George W. Bush. Theoretisch könnte der "Mythos der Finanzwelt" (Süddeutsche Zeitung) bleiben, bis ein Nachfolger ernannt ist, doch soll er Freunden schon gesagt haben, dass er im Januar tatsächlich gehen will.Zwar werden schon einige Kandidaten als mögliche Nachfolger gehandelt. Als Greenspan in dieser Woche aber zum wohl letzten Mal im Kongress den üblichen halbjährlichen Konjunkturberichten präsentierte, da wollten die Abgeordneten sich noch nicht mit dem Gedanken an ein neues Gesicht anfreunden.Das machte der Abgeordnete Steven Pearce in seiner Würdigung deutlich. "Alle Adjektive sind aufgebraucht, so will ich meine Stimme denen ihrer Bewunderer hinzufügen, die sie für einen gut aussehenden Mann halten", sagte er. Darauf ließ Greenspan, dessen verkniffener Blick als Markenzeichen gilt, tatsächlich ganz kurz locker und lachte mit.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.07.2005