Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Figos "Selecao" unter Beschuss

Eine klassische "Flasche leer"-Leistung im Trapattoni'schen Sinn boten die Portugiesen gegen den vermeintlichen Punktelieferanten USA. Dem Entsetzten nach der Niederlage folgt jetzt harsche Kritik von allen Seiten. Lediglich Staatspräsident Jorge Sampaio spendet Trost.
Portugals Star und Spielmacher Luis Figo fand gegen die USA nicht ins Spiel. Foto: HB/dpa
dpa SEOUL. Beim WM-Mitfavoriten Portugal ist nach der desolaten Vorstellung gegen Außenseiter USA Feuer unterm Dach. "Du kannst nicht gewinnen, wenn Du nicht als Mannschaft auftrittst", übte Paulo Bento am Donnerstag heftige Kritik. "Wir müssen jetzt den Teamgeist entwickeln. Das ist wesentlich wichtiger als die körperliche Verfassung", machte der 32-jährige Mittelfeldspieler von Sporting Lissabon deutlich, dass es um die Harmonie bei den Portugiesen nicht zum Besten steht.Besonders die Rolle von Weltfußballer Luis Figo gibt Rätsel auf. Der Star vom Champions-League-Sieger Real Madrid wirkte beim 2:3 gegen die USA phasenweise isoliert und wurde in einigen Situationen von seinen Teamkollegen sogar geschnitten. Mit den Armen rudernd hatte der zweitteuerste Fußballer der Welt in der zweiten Hälfte den Ball oft vergeblich gefordert.

Die besten Jobs von allen

Figo ist der mit Abstand am besten verdienende Spieler im Team des EM-Halbfinalisten von 2000. Neben seinem Salär bei Real Madrid kassiert der 29-Jährige Millionen-Beträge aus mehreren gut dotierten Werbeverträgen. Im Rampenlicht ist neben dem Super-Techniker kein Platz für einen anderen Spieler. Figo allein beansprucht die ganze Aufmerksamkeit der heimischen Fans, was in der mit vielen hochkarätigen Kickern besetzten "Selecao" nicht nur wohlwollend zur Kenntnis genommen wird.In der Heimat hagelte es nach der schwachen Vorstellung gegen die USA heftige Kritik. "Was für eine Enttäuschung! Portugal spielte so, als hätten Figo und Co. neben dem Platz gestanden", schrieb die Zeitung "Público". Das Blatt "O Jogo" wetterte: "Furchtbar! Portugal verlor gegen einen Gegner, der zu schlagen gewesen wäre. Was aber noch schlimmer war: Die Portugiesen spielten schlechter als die Amerikaner."Die Partie am Montag gegen Polen hat für die Portugiesen nun schon Endspiel-Charakter. Als Mutmacher betätigte sich Staatspräsident Jorge Sampaio. "Wir halten zu Euch. Das gilt in guten und ganz besonders auch in schlechten Zeiten", schrieb der Staatschef in einem Telegramm. Ministerpräsident José Manuel Durão Barroso betonte: "Jetzt kann unsere Mannschaft zeigen, dass sie zu den wirklich Großen gehört."Daran glaubt auch Figo immer noch. "Wir haben ein Spiel verloren, aber unser Ziel hat sich nicht geändert. Es wird keine weitere Negativ-Überraschung geben. Wir erreichen das Finale", erklärte der Weltfußballer, der dabei sichtlich genervt wirkte.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.06.2002