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Feuer unterm Dach

Von Oliver Stock
Zsolt Hernádi führt den Abwehrkampf des ungarischen Energiekonzerns Mol gegen die österreichische OMV an. Nun hat er die EU gegen sich.
Der ungarische Energieerzeuger Mol wehr sich gegen eine Übernahme durch OMV. Foto: Reuters
BUDAPEST. Die Kollegin aus Wien spricht vom "finsteren Kuruzen?. So wurden vor 300 Jahren in Österreich jene Partisanen aus der Puszta genannt, die sich gegen die Habsburger Herrschaft auflehnten. Und steht nicht Zsolt Hernádi, 46 Jahre alt, graue Schläfen, hohe Stirn, flinke Augen, Leninbart, genau in dieser Tradition?Der Chef des ungarischen Energieerzeugers Mol ist Anführer des Abwehrkampfes gegen den österreichischen Konkurrenten OMV, bei dem der Staat als Großaktionär noch immer viel Einfluss hat. Mit einigem guten Willen ließe sich die Titelzeile "Hernádi gegen Habsburg? also vertreten. Und, um den Vergleich weiter zu strapazieren: So, wie sich Habsburg damals durchsetzte, wird in diesen Tagen auch für Hernádi die Luft spürbar dünner.

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Budapest, Mol-Zentrale, 6. Stock. Hinter einer Glastür beginnt das Vorstandsreich, in dem der Teppich flauschiger ist und die Türen schalldichter schließen. Hernádi eilt an den großen Konferenztisch und fällt ins Gespräch: Deutsch geht ihm fließend von den Lippen, seit er bei der Deutschen Bank, Filiale Pforzheim, eine Ausbildung absolviert hat.Danach startete er seine Karriere in Ungarns überschaubarer Bankenwelt, wurde dank seines ausgezeichneten nationalen Netzwerks und seiner nach dem Mauerfall so wertvoll gewordenen Beziehungen zum Westen zur Management-Allzweckwaffe, landete zwischendurch mal im Vorstand der kränkelnden nationalen Fluglinie Malev und schließlich an der Spitze von Mol.Ein Kuruze? "Einer, der weiß, was er will?, sagt ein Mol-Kollege.Hernádi will, dass das größte ungarische Unternehmen selbstständig bleibt. Dazu kämpft er nicht wie ein Partisan, sondern bedient sich eher wie ein begabter Pianist mit beiden Händen der gesamten Klaviatur. Gegenüber der Politik im eigenen Land, die er gerade nicht sonderlich schätzt, aber brauchen kann, schlägt er nationale Töne an. Gegenüber seinen Aktionären kommt er aufs liebe Geld zu sprechen. "Wir haben?, sagt er "die ganze Büchse der Pandora geöffnet.?Im Parlament in Budapest zum Beispiel hat er viel erreicht: Die Politiker verabschiedeten ein Gesetz, das "strategisch wichtige Unternehmen? vor Übernahmen schützt, indem sich beispielsweise die Regierung Sitze im Aufsichtsrat sichert. Weil das Gesetz so gar nicht zufällig in die Zeit des Übernahmekampfes zwischen OMV und Mol fällt, wird es überall außer in Ungarn "Lex Mol? genannt. "Die Regierung hilft sich selbst, wenn sie uns hilft?, sagt Hernádi in einem dieser kurzen Manageraugenblicke, in dem das Selbstbewusstsein mit einem durchzugehen droht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gegenüber den Aktionären kann Hernádi handfeste Erfolge vorweisenGegenüber den Aktionären kann Hernádi handfeste Erfolge vorweisen. Mol arbeitet äußerst effizient, auch wenn der Nettogewinn nach den gestrigen Quartalszahlen gesunken ist. Die Mol-Margen sind meistens höher als die der OMV, was deren Appetit allerdings nur steigert. Mit Übernahmen hält der Firmenchef die Aktionäre zusätzlich bei Laune. Die slowakische Slovnaft beispielsweise habe er nahtlos integriert, erkennen Analysten an. In Italien kaufte er im Sommer Raffinerien, was seine Geldgeber als Signal verstehen sollten, dass Hernádi auch ohne die OMV zu größeren Sprüngen in der Lage ist. Die Büchse der Pandora enthielt also einiges an Gegenfeuer, um die Österreicher auf Abstand zu halten.Inzwischen allerdings brennt das Feuer so lichterloh, dass es auch für Hernádi ungemütlich heiß wird. Die OMV hat dazu beigetragen, indem sie Öl hineingoss und beispielsweise direkt die Mol-Großaktionäre fragte, was sie von Hernádis Strategie denn so halten. Gemeldet hat sich Mark Mobius, Finanzinvestor von Templeton und Aktionär bei Mol und OMV, und hat Hernádi aufgefordert, sich nochmal genau zu überlegen, wie er mit dem Geld der Aktionäre umgehe. Andere folgten dem Beispiel.Gemeldet hat sich in dieser Woche auch die EU. Die Kommission in Brüssel hat am Dienstag beschlossen, gegen Ungarn wegen der "Lex Mol? ein Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten. Nachdem EU-Richter jüngst bereits das VW-Gesetz gekippt haben, will die Kommission jetzt nicht zulassen, dass in Ungarn ein neues protektionistisches Abwehrsystem entsteht. Bestimmungen im ungarischen Gesetz wie eben automatische Aufsichtsratssitze für Regierungsmitglieder oder eine frühzeitige Veröffentlichung der Kaufabsichten durch den Bieter seien mit dem freien Kapitalverkehr nicht zu vereinbaren, stellt die Kommission klar.Hernádi, der in den vergangenen Wochen persönlich seinen ganzen Charme in Brüssel aufwendete, um unter anderem genau diese Reaktion zu verhindern, erwischte die Nachricht am Dienstag auf dem Rückweg von jener Strategiesitzung, die jährlich weit außerhalb Budapests, wo es sich ungestörter reden lässt, stattfindet. Gefreut haben wird er sich nicht. Vor einer offiziellen Reaktion aber hütet er sich. Schließlich gibt es nach seiner Lesart keine "Lex Mol?, sondern nur ein Übernahmegesetz des ungarischen Parlaments.Und nun? Die Zeit scheint für die OMV zu spielen, die bereits 20 Prozent an Mol besitzt ? und sie spielt gegen Hernádi, den die eigenen Aktionäre und Brüssel in die Defensive bringen. Aber die Rolle des reinen Verteidigers liegt ihm so gar nicht. Richtig unruhig wird er am Konferenztisch. Ob er doch Kuruzen-Blut in seinen Adern spürt? "Wir werden der Welt zeigen?, sagt er, "dass wir allein mehr Dampf machen können.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Zsolt HernádiVita von Zsolt Hernádi1960 wird er am 30. November in Tarjan/Ungarn, 100 Kilometer östlich von Budapest, geboren. Er macht später sein Diplom an der Budapester Wirtschaftsuniversität.1989 beginnt Zsolt Hernádi bei der Kereskedelmi és Hitelbank Rt (Handels- und Kreditbank AG) und steigt 1992 zum Deputy General Manager auf.1994 wird er Chief Executive Officer (CEO) der Takarékbank Rt (Bank der Spargenossenschaften AG). Parallel ist er von 1995 bis 2001 Mitglied des Vorstands des ungarischen Bankenverbandes.2001 arbeitet er kurz bei der Fluggesellschaft Malev und wird dann Executive Chairman des ungarischen Öl- und Gaskonzerns Mol. Er steigt in den exklusiven European Round Table of Industrials in London auf.2007 versucht er, die Selbstständigkeit Mols gegen die Übernahmeofferten des österreichischen Konkurrenten OMV zu verteidigen.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.11.2007