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Fessle mich

Simone Fuchs
Stottern, haspeln, hängen bleiben: Vorträge können schwer im Magen liegen. Ein gutes Referat dagegen ist wie ein gelungenes Menü: raffiniert komponiert, auf den Punkt serviert. Zehn goldene Regeln, wie Ihre Rede zum Genuss wird.
1. Hitze runterschalten
Sie sind gut, das Thema begeistert Sie, Sie schaffen es. Der Erfolg eines Vortrags hängt von Ihrer Einstellung ab. Feuchte Hände sind normal. Statt zu versuchen, die Aufregung zu verdrängen, sollten Sie sich an sie gewöhnen: Üben Sie den Vortrag vor Bekannten, stoppen Sie die Zeit, lassen Sie ein Band mitlaufen. Ein paar Minuten vor dem Start hilft es, die eintröpfelnden Zuhörer mit Smalltalk zu begrüßen. Oder Sie nehmen sich eine "Bordsteinminute" und gehen nach einer stressigen Anreise eine Runde spazieren.

Steigen Sie nicht übereilt in Ihre Präsentation ein, sonst verhaspeln Sie sich gleich beim ersten Satz. Gehen Sie langsam nach vorn, atmen Sie tief durch, nehmen Sie Blick-kontakt mit den Zuhörern auf. Zeigen Sie bei der Begrüßung, dass Sie sich freuen, vor Ihrem Publikum zu stehen: Lächeln wirkt gegen den Kloß im Hals.

Die besten Jobs von allen


2. Besteck auswählen
Wie viel Technik braucht der Mensch? Verwenden Sie nur so viele elektronische Hilfsmittel, wie es Ihre Zuhörer erwarten. In der Werbung und vor IT-Fachleuten können Sie mit Flipcharts und digitalen Videos dicker auftragen als an der Uni oder bei Getränke Schmitz in Geldern. Sicherheit im Umgang mit den technischen Hilfsmitteln gibt ein Probelauf, am besten einen Tag vor der Präsentation. Kurz vor Ihrem Auftritt sollten Sie nochmals prüfen, ob alles funktioniert. Für die Gestaltung Ihrer Folien gilt: maximal sieben Zeilen pro Seite. Formulieren Sie keine ganzen Sätze, Schlagwörter genügen. Eine Folie muss mindestens 90 Sekunden aufliegen, damit der Leser die Inhalte aufnimmt. Gehen Sie sparsam mit Zahlen und Kurven um: Sie sollten in Powerpoint-Präsentationen nur erscheinen, wenn sie zentrale Punkte Ihrer Argumentation unterstützen.

3. Speisekarte auf den Tisch
Worte sind Schall und Rauch. Das Thesenpapier bleibt. Beim Handout - ab 20 Leuten ein Muss - zählen optische und inhaltliche Qualität daher besonders. Auf das Deckblatt gehören Thema, Datum, Veranstalter und Ihr Name. Danach folgt die Gliederung und - Kapitel für Kapitel - eine knackige Zusammenfassung Ihrer Kernbotschaften. Lassen Sie Ihren Zuhörern Platz für Notizen. Folien werden komplett ins Handout übernommen

Das Thesenpapier ist nicht nur Service für das Publikum, sondern auch Redehilfe für Sie: Beim freien Sprechen können Sie sich an den Thesen entlanghangeln. Schreiben Sie sich zusätzliche Stichwörter an den Rand, wenn es besonders komplex wird. Weiterer Vorteil: Bei einem Blackout oder Hängern finden Sie den Faden in der schriftlichen Gliederung schnell wieder. Wann Sie das Thesenpapier verteilen, liegt in Ihrem Ermessen. Bringen Sie Ihr Werk vor der Präsentation unters Volk, besteht die Gefahr, dass das Publikum blättert und liest, statt zuzuhören. Bei anspruchsvollen Themen können Ihnen Ihre Zuhörer allerdings leichter folgen.

4. Richtig portionieren
Ein Vortrag sollte maximal 40 Minuten dauern. Etwa 20 Prozent der Zeit ist für die Einleitung reserviert, 70 Prozent für den Hauptteil, zehn Prozent für den Schluss. Entscheidend für den Erfolg Ihrer Präsentation sind die ersten und letzten Minuten: Bauen Sie einen Spannungsbogen auf und schließen Sie ihn wieder. Die anschließende Diskussion kann bis zu einem Drittel der Redezeit in Anspruch nehmen. Mehr auf keinen Fall - sonst beginnt das große Gähnen. Für Ihre Argumentation gilt generell: Das Allgemeine kommt vor dem Konkreten, das Unwichtige vor dem Wichtigen und die schlagende These am Schluss.

5. Appetit wecken
Zum Entrée begrüßen Sie die Zuhörer, stellen sich vor und erklären dem Publikum, welche Bedeutung das Thema hat, sprich: Warum sollte man Ihnen Zeit schenken? Sie können die Gelegenheit nutzen, Ihre Kompetenz zu unterstreichen, indem Sie kurz auf abgeschlossene Projekte und Ihren Werdegang eingehen - aber tragen Sie nicht zu dick auf. Was beim Marketing-Meeting gut ankommt, kann im Hörsaal der Uni eine Todsünde sein.

Die ersten Sätze müssen Ihr Publikum wach rütteln, jetzt sollten Sie die Chance nutzen, es für das Thema zu begeistern. Erzählen Sie eine Anekdote, einen Witz oder ein persönliches Erlebnis, provozieren Sie mit einer rhetorischen Frage, zeigen Sie einen Kurzfilm oder reichen ein Demo-Objekt herum. Zum runden Einstieg gehört, dass Sie auf Ziel, Gliederung, Ablauf und Dauer Ihrer Präsentation eingehen. Die Zuhörer wollen wissen, was auf sie zukommt.

6. Hauptgang anrichten
In der Mitte ist der richtige Platz für schwerere Faktenkost. Damit Ihren Gästen der Appetit nicht verloren geht, sollten Sie den Hauptgang in fünf Portionen servieren. Zuerst beschreiben Sie ein Problem, nennen Argumente, die für Ihre Lösung sprechen, dann mögliche Einwände. In der Synthese greifen Sie die aufgeführten Argumente nochmals auf und lassen sie in eine Kernbotschaft oder eine konkrete Empfehlung münden.

Wer es lieber chronologisch mag, kann ebenfalls in fünf Schritten vorgehen: Sie beginnen mit der Vergangenheit, beschreiben die Gegenwart und skizzieren eine mögliche Zukunft. Geben Sie viertens vor, welchen Weg man dahin gehen sollte, und fünftens, welche Maßnahmen dafür ergriffen werden müssen.

7. Gäste bei Laune halten
Nutzen Sie den Raum. Wenn Sie während der Rede ab und an den Standort wechseln, vom Pult auf Ihr Publikum zutreten, steigt die Aufmerksamkeit für den Gastgeber. Fragen Sie Ihre Zuhörer nach Erfahrungen mit dem Thema. Nach schwierigen Abschnitten sollten Sie kurz innehalten und nachhaken, ob alle die Inhalte verstanden haben. Auch indirekt können Sie Ihre Zuhörer einbinden, etwa durch Formulierungen wie "Wie wir ja alle wissen...", "Wie Sie sicherlich auch schon erlebt haben...". Holen Sie immer mal wieder Luft, pausieren Sie, fassen Sie zusammen. Und kehren Sie regelmäßig zu Ihrer Gliederung zurück: Sagen Sie, wo Sie sich gerade befinden und was als nächstes kommt.

8. Akzente setzen
Gesten sagen mehr als tausend Worte. Übertreiben Sie ruhig! Was groß ist, muss wirklich groß erscheinen, sonst nimmt das Publikum es nicht wahr. Sind Sie besorgt, sollte man es auch sehen. Monoton daherleiern ist seit der Grundschule out: Der Wechsel zwischen laut und leise, schnell und langsam lässt sich trainieren.

Inhalt, Stimmlage und Gestik müssen aber zueinander passen. Bemühen Sie sich um eine tiefe, kräftige Stimmlage. Wenn Sie in den Bauch hinein atmen und sich das Zwerchfell spürbar hebt und senkt, haben Sie genug Volumen, um auch die letzten Reihen zu erreichen, die wackelige Stimme wird ebenfalls fester. Reden Sie so, dass es Ihnen selbst langsam vorkommt - dann ist das Tempo für Ihre Zuhörer richtig

9. Schmankerl zum Schluss
Was zu beweisen war, sagt der Lateiner: Am Schluss greifen Sie Ihre Einleitungsthese auf, fassen Ihre Kernaussagen zusammen und leiten daraus ein Fazit, einen Ausblick oder einen Appell ab. Kommen Sie auf das Bonbon Ihrer Einleitung zurück, belohnen Sie Ihre Zuhörer zum Abschluss Ihrer Präsentation mit einem Muntermacher: Erzählen Sie die Anekdote zu Ende, zeigen Sie ein mit Ihren Lösungen verbessertes Produkt, beantworten Sie die rhetorische Frage.

10. Diskussion als Digestif
Nach der Präsentation gilt es, das Gesagte in den Köpfen zu verankern. Sie können die Merkfähigkeit Ihrer Zuhörer beeinflussen, indem Sie geschickt nachhaken und so die Gesprächsführung in die Hand nehmen. Stellen Sie offene Fragen à la Was sagen Sie dazu?, Welche Möglichkeiten sehen Sie? oder weiterführende Fragen: Wie würde diese Änderung wirken? Sprechen Sie Bekannte im Publikum an, benutzen Sie sie als Eisbrecher. Wenn es passt, können Sie Ihr Publikum auch kleine Aufgaben, zum Beispiel Vergleiche, lösen lassen. Fassen Sie die Ergebnisse der Diskussion zusammen und integrieren Sie sie in Ihre Schlussbilanz. Danken Sie Ihren Zuhörern für Anregungen: So bleiben Sie in guter Erinnerung.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.11.2002