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Feinstaubaufwirbler

Von Markus Fasse, Handelsblatt
Jürgen Resch ist Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe und Feindbild Nummer eins der Autoindustrie. Er hat als Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe die schlagkräftigste Öko-Lobby der Republik aufgebaut.
BONN. Die Geschichte beginnt mit toten Vögeln. Mäusebussarden, genauer gesagt, die es massenhaft dahinrafft, Anfang der 80er in den Obstplantagen rund um den Bodensee, verendet am Pflanzengift Endrin. Mit einem großen Müllsack sammelt ein langhaariger Zivildienstleistender namens Jürgen Resch ihre Kadaver ein ? und präsentiert sie der Öffentlichkeit.Auf der Expertensitzung der biologischen Bundesanstalt, der Zulassungsstelle für Pflanzenschutzmittel, legt er jedem Gutachter einen gefrorenen Mäusebussard auf den Tisch, daneben eine Flasche Endrin. ?Die reichte, um 300 Leute umzubringen?, erinnert sich Resch. Das wirkte: Kurze Zeit später war Endrin verboten ? und Resch hatte seine Lebensaufgabe gefunden.

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Den Parka und die langen Haare hat er abgelegt, heute trägt er Jackett und Krawatte über der dunklen Jeans. Und was früher das Pflanzengift war, sind heute Dosenpfand und Feinstaub. Resch hat als Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe die schlagkräftigste Öko-Lobby der Republik aufgebaut.?Kein Diesel ohne Filter? heißt seine Kampagne, mit der er der deutschen Autoindustrie die wohl schwerste PR-Schlappe seit Jahren bereitete. Mag der Diesel auch nur ein Bruchteil zur Feinstaubbelastung in Deutschland beitragen ? die Autoindustrie steht in diesem Frühjahr am Pranger der Öffentlichkeit. Versuchten Bürgermeister, das Problem auszusitzen, präsentierte Resch gleich am ersten Tag der Grenzwertüberschreitung klagewillige Studenten. Tobte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement über die ?Feinstaubhysterie? der deutschen Umwelthilfe, konterte Resch kühl mit dem Hinweis auf geltendes EU-Recht, das der deutsche Staat seinen Bürgern vorenthalte.Resch ist Schwabe: stahlblaue Augen, flinker Schritt, schnelles Argument, gewinnendes Lächeln im rechten Moment. Die Mechanismen der öffentlichen Einflussnahme kennt er genau. Während des Studiums der Verwaltungswissenschaften wird er Kampagnenleiter des BUND. Nebenbei arbeitet er für eine Werbeagentur in Frankfurt. In Brüssel lernt er als Mitarbeiter der EU-Kommission die Macht der europäischen Gesetzgebung kennen. Wenig später tritt er in die damals noch unscheinbare Deutsche Umwelthilfe ein, wird Geschäftsführer und baut den Verein nach seinen Vorstellungen um. Heute arbeiten 50 hauptamtliche Mitarbeiter für die Organisation. Ihr Ziel laut Satzung: Förderung einer umweltverträglichen Wirtschaftspolitik.?Wir sind Lobby, wir sind Partei, und wir schließen Zweckbündnisse?, sagt Resch. Nicht immer lag er mit den Autokonzernen über Kreuz. So darf die Umwelthilfe bis heute eine Seite im Daimler-Chrysler-Umweltbericht unzensiert veröffentlichen. Bei der Einführung des schwefelfreien Benzins in Deutschland hat Resch mit der Autoindustrie erfolgreich an einem Strang gezogen ? zu Lasten der Mineralölwirtschaft. Doch seit die Feinstaubdebatte die Autoindustrie dermaßen in die Enge getrieben hat, dass sie nun den Rückzug unter geringstmöglichem Schaden antritt, ist das Tischtuch zerrissen. ?Herrn Resch ist aus unserer Sicht eine bemerkenswerte Fähigkeit zu attestieren, die große Neigung in unserem Land zur Hysterie für seine politischen Ziele zu nutzen. Dabei ist er, wie wir wiederholt festgestellt haben, in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich?, sagt der Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie, Bernd Gottschalk.?Die Autoindustrie wusste seit Jahren, was auf sie zukommt?, kontert Resch in seiner ruhigen, manchmal leicht belehrenden Art.Im Sommer 2002 präsentiert er den Autoherstellern seine Kampagne und rechnet ihnen vor, dass am Rußpartikelfilter kein Weg vorbeiführt ? doch die Branche winkt ab.Also verschärft Resch seine ?Eskalationsstrategie?: Er veranstaltet Pressekonferenzen, auf denen ein kleines Mädchen die Gefährlichkeit von Rußpartikeln demonstriert. Er holt weitere Umweltverbände mit ins Boot, bearbeitet Journalisten und Politiker und sammelt Geld für seine Kampagne. Dass er 100 000 Euro von den Filterherstellern genommen hat, gibt er unumwunden zu: ?Die Autoindustrie hat uns im vergangenen Jahr ein Vielfaches gespendet.?Mit Geldeintreiben in Fußgängerzonen sei heutzutage eben keine Umweltlobby mehr zu finanzieren, sagt er. So habe man mit Spenden der Brauwirtschaft das Dosenpfand durchgesetzt, gegen den Widerstand des Handels. Die Bierfreunde sahen das auch so und legten den ?Bayrischen Bierorden? für Resch oben drauf. ?Er hat keine Selbstzweifel, dass ist eine seiner großen Stärken?, sagt Christiane Friedrichs, Staatssekretärin im Umweltministerium Nordrhein-Westfalen. Vor allem sei er klug genug, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen, so die Politikerin. Weder von der Politik, noch von den Geldgebern aus der Industrie.Die hat er aber schnell zur Hand, wenn er sie braucht. Namen könne er sich schlecht merken, eine Lernschwäche, die ihm das Vokabelpauken in der Schule schwer gemacht habe. Dafür hat er seine kleine Datenbank aber stets in der Tasche, und die ist gut gefüttert. ?Unsere Drähte sind sehr fein, sie gehen tief in die Industrie?, sagt Resch und meint doch seine Drähte.Obwohl er gerne Anekdoten über zaudernde Politiker und kneifende Konzernchefs erzählt, ist ihm Smalltalk fremd. Sofort ist er beim Argument, bei Grenzwerten, Schadstoffbelastungen oder der kalifornischen Umweltpolitik. ?Der Schwarzenegger macht jetzt schon die schärfsten Umweltgesetze der Welt, und die deutsche Autoindustrie klagt dagegen?, sagt Resch.Und dann kommt er doch irgendwann wieder auf die Vögel zurück, die mittlerweile vor seiner Haustür in der Bodenseestiftung ein schönes Biotop gefunden haben ? dank eines Hamburger Waschmittelproduzenten und seiner großzügigen Spende.Hierhin zieht sich Resch am Wochenende zurück, hört am liebsten die melancholischen Weisen von Tom Waits und kann doch nicht ganz abschalten. ?Stickoxide?, sagt Resch. ?Das wird nach dem Feinstaub das nächste große Thema."
Dieser Artikel ist erschienen am 10.06.2005