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Feinschliff auf die Schnelle

Ob Malta, Kuba oder Russland - selbst exotische Sprachreisen sind mittlerweile Last Minute möglich. Allein Kurse in den USA brauchen eine mehrmonatige Vorlaufzeit.
Ob Malta, Kuba oder Russland - selbst exotische Sprachreisen sind mittlerweile Last Minute möglich. Allein Kurse in den USA brauchen eine mehrmonatige Vorlaufzeit

Kurz entschlossen beim Sonnenbaden auf Malta die Englischkenntnisse aufpolie?en oder nach dem Flanieren auf den Champs-Elysées den Feinschliff fürs Französisch holen? "No ?problem" oder "pas de problème" für alle, die auf den letzten Drücker eine Sprachreise innerhalb Europas buchen wollen.
Sogar die reibungslose Einreise als Tourist nach Kuba zu Clases de español lässt sich noch fünf Tage vor dem Abflug organisieren. Und nicht einmal die Russische Botschaft stellt sich quer, wenn es darum geht, kurzfristig einem Sprachschüler ein Visum auszustellen. Dafür hält sie die Hand auf: Den Sonderservice lässt sich der russische Attaché gerne vergolden, weiß Rulf Treidel, Projektleiter von Dr. Tigges Sprachreisen. "Dann kostet das Visum eben nicht 50, sondern 300 Euro." Aber es wird ausgestellt. Immerhin.


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USA: Fotos und Fingerabdrücke

Ganz anders verhält es sich derzeit bei Trips in die USA. Hier scheitern Spontan-Sprachschüler schlicht am aufwändigen Visumantrag: Jeder, der in den Staaten einen Sprachkurs mit mehr als 18 vollen Wochenstunden ?absolviert, gilt neuerdings als Student und benötigt deshalb ein Studentenvisum. Die Kosten: 90 Euro. Vorlaufzeit: drei Monate Minimum. Um es zu bekommen, muss beim Konsulat in Frankfurt oder Berlin persönlich vorgesprochen und ein spezielles Formular der US-Sprachschul e im Original vorgelegt werden. Bei diesem Termin werden gleich noch Fingerabdrücke genommen und ein Foto gemacht. Big Brother lässt grüßen. Weil die US-Sprachschulen ihre Schüler bei den Behörden melden müssen, riskieren diejenigen, die bei der Einreise versuchen, sich ohne Studentenvisum reinzumogeln, mit dem nächsten Flieger nach Deutschland zurückgeschickt zu werden.


Ramsch nein, Rabatt ja

Abgesehen vom Hochsicherheitstrakt USA lassen sich Sprachreisen inzwischen so flexibel buchen wie ein Urlaubstrip. Diverse Suchmaschinen im Web helfen beim schnellen Auffinden und beim Preisvergleich von Kursen ebenso wie die Broschüren der Stuttgarter Aktion Bildungsinformation (ABI) - der unabhängigen Prüfinstanz in Sachen Sprachschulen. Doch anders als im klassischen Ferienmarkt, wo Restplätze zu Schleuderpreisen verscherbelt werden, sind selbst bei großen Sprachurlaubs- Veranstaltern wie LAL oder IST Schlussverkäufe unüblich. "Es geht um ein komplexes Qualitätsprodukt, das nicht verramscht werden soll", sagt Claus Kunze vom Fachverband der Deutschen Sprachreise-Veranstalter (FDSV). Dem FDSV gehören 21 der rund 50 wichtigsten deutschen Sprachreise-Anbieter an. Kunze weiter: "Nachfragen kann man aber durchaus, vor allem bei den kleineren Anbietern." Einige Reiseveranstalter gewähren von sich aus lieber gleich Frühbucherrabatte. Zum Beispiel Newcomer Dr. Tigges. Jeder Kunde, der bis zu drei Monate nach Erscheinen des neuen Kataloges im November bucht, erhält 80 Euro Frühbucherrabatt. Obendrauf gibt's einen Büchergutschein über Sprach- und Reiseliteratur.


Trend zum Arbeitsurlaub

"Neben dem Spracherwerb wird der Wunsch nach sinnvoller Urlaubsgestaltung immer wichtiger", erklärt FDSV-Vorstandsmitglied Joachim Pitsch, warum die Sprachurlaubs-Branche auch in wirtschaftlich rauen Zeiten profitiert. "Die Kunden möchten auch im Urlaub geistig aktiv sein und im direkten Austausch Land und Leute kennen lernen."
Daneben spielt die berufliche Motiva?tion, den eigenen Arbeitsplatz zu sichern oder sich weiterzuqualifizieren, eine zunehmend wichtige Rolle. Selbst der ?kürzeste Aufenthalt im Ausland bringt da mehr als jede noch so fleißige Vokabelpaukerei zu Hause.
Beliebtestes Sprachreise-Ziel ist zurzeit übrigens Malta. Die in zweieinhalb Stunden mit dem Flugzeug erreichbare Insel lockt mit ganzjährig mildem Klima und echten Schnäppchenpreisen: 14 Tage Englischunterricht inklusive Privatunterkunft und Frühstück gibt's schon ab 700 Euro.
Claudia Obmann

Buchen statt fluchen

Einstufungstest:
Das A und O der Reisevorbereitung. Ein mündlicher und schriftlicher Einstufungstest ist unerlässlich, um im optimalen Kurs zu landen.

Kursgröße und -dauer: maximal zwölf Teilnehmer pro Kurs, mindestens 15 Lektionen Unterricht pro Woche. Intensivkurse beginnen bei 25 Einheiten und haben höchstens vier Teilnehmer. Die Dauer der Unterrichtsstunde variiert je nach Sprachschule zwischen 45 und 60 Minuten. Am effizientesten lernt es sich im Gruppenunterricht am Vormittag mit maximal acht Teilnehmern, ergänzt um Einzelunterricht am Nachmittag, bei dem der Lehrer die individuellen Schwächen ausbügelt

Kursniveau:
Achten Sie auf Homogenität in der Kurszusammensetzung: Einsteiger und Fortgeschrittene zu mischen ist kontraproduktiv.

Preisvergleich:
Genau hinzugucken lohnt sich, denn die Kurskosten der verschiedenen Anbieter variieren um bis zu 30 Prozent. Zudem können Extras ins Geld gehen. Lernmaterial sollte nicht nur verliehen werden.

Abschlüsse:
Lassen Sie sich nicht mit institutseigenen Diplomen abspeisen, sondern fragen Sie nach anerkannten Zertifikaten, zum Beispiel dem "First Certificate in English" oder dem "Certificate in Advanced English" der University of Cambridge.

Qualifikation des Kursleiters: Im Idealfall ist er ein fest angestellter ?Muttersprachler mit sprachwissenschaftlichem Universitätsabschluss, der regelmäßig didaktisch-pädagogische Fortbildungen besucht

Anreise, Unterkunft, Verpflegung: Nicht am falschen Ende sparen. Vor Ort wollen Sie aufnahmefähig sein - lange Wege zwischen Schule und Unterkunft ermüden und schränken die Freizeitaktivitäten ein. Gegebenenfalls auf die Anzahl der Teilnehmer pro Gastfamilie achten.

Insolvenzversicherung des Veranstalters: Sie kommt mit den Reiseunterlagen und sichert Ihre Ansprüche, falls der Veranstalter Pleite geht

Bildungsurlaub: Ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ge?regelt. Während in Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen kein Bildungsurlaub gewährt wird, können NRW-Arbeitnehmer die fünf ungenutzten Bildungsurlaubstage des einen Jahres ins nächste übertragen, um eine zweiwöchige Sprachreise zu unternehmen. Wichtig: Die gebuchte Veranstaltung muss als Bildungsurlaub anerkannt sein. Details unter www.bildungsurlaub.com

Absetzbarkeit: Sprachreisen steuerlich geltend zu machen, setzt beruflichen Bedarf voraus; ein Schreiben des Arbeitgebers genügt als Beleg. Wer nur zum Spaß Farsi lernt, hat eher schlechte Karten beim Finanzamt

Dieser Artikel ist erschienen am 01.09.2005