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Feine Gesellschaft

Martin Sturm
Die Europäische Zentralbank bildet die Spitze des Bankensystems in Europa - und wählt nach diesem Prinzip ihre Mitarbeiter aus: Nur die Elite darf in den erlauchten Notenbanker-Kreis aufrücken.
Gabriel Glöcklers Hochsitz im 28. Stock ist eine schlichte Denkerzelle. Ein ziemlich enges Büro im Frankfurter Euro-Tower, dem Sitz der Europäischen Zentralbank.

Aber der Blick von hier oben reicht so weit, dass einem schwindlig werden kann vor lauter Freiheit. Glöcklers Schreibtisch steht am Fenster, das von der Decke bis zum Boden reicht. Hebt der 29-Jährige die Augen, muss er sich fühlen, als schwebe er über der City: Paulskirche zu Füßen, Geschäftsbanken auf Augenhöhe, Stadtrand am Horizont.

Die besten Jobs von allen


Von diesem Arbeitsplatz fliegen Glöcklers Gedanken Tausende von Kilometern: bis an die äußersten Ränder von Finnland und Portugal, Irland und Griechenland und in acht weitere europäische Staaten, die Anfang 2002 den Euro als Bargeld ausgeben. Bis auf Dänemark, England und Schweden machen alle anderen der 15 EU-Staaten mit. Knapp 300 Millionen Menschen leben in dem Währungsraum, den Glöckler überschauen muss.

Geschichte Geschrieben im job

Die EZB ist jung - nicht nur, weil ihre Mitarbeiter im Durchschnitt gerade 35 sind. Die Bank wurde im Juni 1998 gegründet. Sieben Monate später, am 1. Januar 1999, war der Euro an den Finanzmärkten Realität. Seit dem geschichtsträchtigen Stichtag ist Glöckler mit dabei. "Wir haben teil an einem historischen Prozess. Das motiviert extrem."

Das Projekt ist ohne Vorbild - zwölf Staaten einigen sich, ihre Geldpolitik in die Hände einer gemeinsamen Zentralbank zu geben. Wichtigster Auftrag: stabile Preise. Im mächtigsten Gremium, dem EZB-Rat, sitzen 18 Top-Zentralbanker. Es sind die sechs Direktoriumsmitglieder der EZB sowie die zwölf Präsidenten der nationalen Notenbanken aus den Euro-Staaten. Sie legen die Leitzinssätze fest. Und drehen damit an der gewaltigen Stellschraube, die Geld in das gesamte Wirtschaftssystem strömen lässt.

Denn die globalen Finanzmärkte, über die täglich Milliardenbeträge gewälzt werden, sind abhängig von den Zinsentscheidungen der EZB. Jede Geschäftsbank richtet etwa ihre Euro-Kreditzinsen danach aus.

Spätestens nach acht Jahren müssen die Direktoriumsmitglieder ihre Plätze an den Stellschrauben räumen. Alle übrigen der mehr als 1.000 Mitarbeiter gehören zu dem Teil der Organisation, der im Hintergrund perfet funktionieren soll - ausgestattet mit unbefristeten Arbeitsverträgen. Eine Denkfabrik als Heimat von Spezialisten.

Die Analysen der Mitarbeiter, etwa von Konjunktur- und Preisentwicklung, bilden das Fundament jeder Zinsentscheidung. Experten für elektronischen Handel kaufen und verkaufen Euro oder Devisen, wenn die EZB den Wechselkurs zum Dollar beeinflussen will. Das Zahlungsverkehrssystem "Target" vernetzt mehr als 8.000 Banken in Europa mit der Zentralbank und wächst weiter.

Mit dem Messen von Inflationsraten hat Gabriel Glöcklers Aufgabe wenig zu tun - mehr mit Diplomatie: "Ich schreibe den ersten Entwurf von Reden für Direktoriumsmitglieder. Oder Vorlagen für EZB-Repräsentanten, die an Sitzungen in Brüssel teilnehmen." Er ist der Experte für das politische Geflecht, in das die EZB eingewoben wurde: Europäische Organe und Institutionen wie die EU-Kommission oder der Rat der Wirtschafts- und Finanzminister.

Unabhängigkeit von der Politik - das ist oberstes Zentralbank-Prinzip. Wenn es in Brüssel aber um wirtschaftliche Fragen geht, kann die EZB hinzugezogen werden. Und sie berichtet regelmäßig an die Abgeordneten des Europäischen Parlaments.

Politologe wird Zentralbanker

Im Dickicht der europäischen Verträge - wie dem von Maastricht, mit dem die EZB begründet wurde - ist Gabriel Glöckler zuhause. Akten und die internationale Presse gehören zum papiernen Handwerkszeug. Bevor er Zentralbanker wurde, studierte Glöckler Politik, VWL und Philosophie in Oxford.

Nach dem Bachelor ging er an das Europakolleg im belgischen Brügge. Diese Hochschule ist eine in EU-Kreisen hoch geschätzte Kaderschmiede. Glöckler absolvierte ein einjähriges Aufbaustudium samt Master-Examen in Europäischen Politik- und Verwaltungswissenschaften. 16 Monate blieb er als Assistent, hielt Vorlesungen und schrieb als Mitautor das Lehrbuch "Guide to EU Policies".

Schreibtisch-Diplomat

Ohne Englisch geht nichts in der EZB. "Economist", steht auf Glöcklers Visitenkarte. Und der Oxford-Akzent, der sich gelegentlich in sein Deutsch mischt, verrät den Arbeitsalltag. Im Job sieht sich Glöckler, "wenn man so will, als einen, der mitbaut an den Brücken, die Europa verbinden". Das klingt nett - und schön unverbindlich. Lächelnd und mit einer Handbewegung in Richtung höher gelegener Etagen fügt er hinzu: "Allerdings ?further down the line', wie man hier so sagt" - weiter unten in der Hierarchie. Im Rampenlicht Brüsseler Sitzungssäle stehen andere, die seine Dossiers vortragen.

Die Abteilung Internationale und Europäische Beziehungen untersteht dem italienischen Direktoriumsmitglied Tommaso Padoa-Schioppa. "Wir arbeiten hier an den Schnittstellen zur Politik, das hat mich immer interessiert", erzählt Glöckler, der vor dem Abitur die Schülervertretung in Sachsen mit aufbaute. "Aber zu sagen, ich drehe in der EZB an den politischen Schrauben - das wäre in meiner Position stark übertrieben. Vielleicht dreht man gelegentlich mal mit an einem kleinen Zahnrädchen." Welche das sind, darf er nicht erzählen. "über Details und Inhalte aktueller Papiere darf ich nicht sprechen." Wenn Banker verschwiegen sind, dann sind Zentralbanker sprichwörtlich stumm.

Läuft alles, wie es sich in der EZB gehört, dringt nur das Ergebnis nach draußen - nicht der Verlauf eines Abstimmungsprozesses. Wie im Dezember 2000: Auf ihrem Gipfeltreffen in Nizza verordneten die Staats- und Regierungschefs der EZB eine Reform, um sie auf die Erweiterung der EU vorzubereiten. An den Entwürfen, die später zur Stellungnahme der EZB führten, arbeitete Economist Glöckler mit. Im 28. Stock.

Bis Papiere schließlich, vielfach abgeändert und umformuliert, zum Vortrag gelangen, zirkulieren sie den Euro-Tower rauf und runter. "Solche Vorlagen müssen mehrere Hierarchiestufen durchlaufen und werden am Ende vom EZB-Rat verabschiedet. Daran musste ich mich am Anfang gewöhnen."

Mit Kollegen, die aus allen 15 Staaten der EU kommen, muss er sich abstimmen - Euro-Multikulti in der Zentralbank: "Benimmregeln spielen eine große Rolle", heißt es aus EZB-nahen Kreisen. "Man legt viel Wert auf einen sehr höflichen, gepflegten Ton." Bis spät abends. "In den Büros brennt oft bis 22 Uhr und länger das Licht. Die Leute sind den ganzen Tag eingespannt."

Mannheim gegen Harvard

Die Teams sind international gemischt. Exakte Quotenschlüssel nach nationaler Herkunft, wie in der Brüsseler EU-Bürokratie, gebe es nicht, so Klaus Riemke, Leiter des Personalmarketings. Aber Wirtschaftskraft und Einwohnerzahl der 15 Staaten sollten sich widerspiegeln. Deutschen steht statistisch jeder vierte Arbeitsplatz offen. Doch ist dieses Kriterium zweitrangig. Was mehr zählt: Riemke will die Besten, Leute von US-Unis, wie Harvard, Yale, MIT, oder von der London School of Economics.

In Deutschland schätzt er die Unis Bonn, Kiel, Mannheim, München, Hohenheim und Fakultäten mit Anschluss an die großen Wirtschaftsforschungsinstitute. Anders als bei der Bundesbank - die wegen des Beamtenstatus meist nur Deutsche einstellt - konkurriert eine viel größere Zahl an Bewerbern aus allen EU-Staaten um die Jobs.

Forscher, Manager, PIONIERE

Die EZB verlangt eine "exzellente" Ausbildung in ökonometrie, sagt Personaler Riemke. Statistiker erwartet Neuland im Euroland. "Die Einschätzung der Daten bleibt eine der größten Herausforderungen nach Einführung des Euro-Bargelds." Während die Bundesbank über jahrzehntelange Erfahrung verfüge - mit der D-Mark -, lägen für den "kulturell wie wirtschaftlich sehr verschiedenen Währungsraum" keine so langen Zeitreihen vor. "Da ist Pioniergeist gefragt."

Philipp Hartmann, 36, ist solch ein Pionier. Der Volkswirt kam nach internationaler Laufbahn - unter anderem als Dozent an der London School of Economics und Promotion an der Pariser Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales - im Oktober 1997 an das Europäische Währungsinstitut nach Frankfurt. In dieser Vorgänger-Organisation der EZB leistete er Aufbauarbeit.

Heute leitet Hartmann als "Principal Economist", einer der ersten Karrierestufen nach dem Einstieg, ein Team von zehn Volkswirten. "Ich coache unsere ökonomen. Das heißt, ich arbeite mit an ihren Artikeln zur Veröffentlichung und an Papieren für den internen Gebrauch der EZB. Und ich berate sie, wie ihre Ideen am besten verpackt und aufbereitet werden können."

Im Herzen der Eurobank

Hartmann arbeitet, wo das Herz jeder Zentralbank schlägt: in einer der volkswirtschaftlichen Abteilungen. In der Abteilung Geldpolitik befassen sich rund 100 Volkswirte mit Analysen, die der direkten Vorbereitung von Zinsentscheidungen im EZB-Rat dienen. Philipp Hartmann ist einer von rund 40 Volkswirten, die längerfristig orientierte Projekte in der Schwesterabteilung Forschung betreiben - etwa über die Wirkung der Geldpolitik auf die europäischen Bankmärkte. Trotz langfristiger Betrachtung gibt es kurzfristige Anfragen von oben. "Im Notfall muss auch mal die Nacht durchgearbeitet werden." Hartmanns oberster Vorgesetzter, das deutsche Direktoriumsmitglied Otmar Issing, gilt als besonders fordernder Chef.

Der Ruf der EZB-Forscher in der akademischen Welt ist hervorragend. Das attestiert beispielsweise der Essener VWL-Professor Werner Graab. In Büchern, Zeitschriften sowie den eigenen Publikationen der EZB stellen sie ihre Arbeiten vor. Einmal pro Monat ist Hartmann ein gefragter Redner rund um den Globus: Chicago, New York, London, Sydney - nur ein Ausschnitt aus seinem Flugplan zu Vorträgen im Jahr 2001.

Finanzmarkt hört mit

"Es ist aber nicht so, dass man schöne Reisen um die Welt auf dem Präsentierteller serviert bekommt", betont Hartmann. "Jeder, der hier als Wissenschaftler arbeitet, ist durch eine sehr harte Ausbildung gegangen und hat sich seinen Status verdient."

Wissenschaftliche Konferenzen sind eine würdige Aufgabe - aber auch eine Bürde: "Wir repräsentieren häufig die EZB. Zwar nicht in ihren politischen Entscheidungen, aber intellektuell. Jeder Zentralbanker muss sehr gut sein darin, wie er seine Worte wählt - in Aufsätzen, gegenüber der Presse oder im Gespräch mit anderen Zentralbankern."

Denn die EZB steht - als Hüterin der nach dem Dollar wohl wichtigsten Währung der Welt - unter ständiger Beobachtung. Gemessen an den nationalen Zentralbanken ist ihre Bedeutung gestiegen. "Die kleinste Äußerung", warnt Hartmann, "kann einen Markt bewegen."
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2002