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Feindliches Duo

Von Holger Alich und Matthias Eberle
Firmenkrise, dubiose Aktienverkäufe: Noël Forgeard, Chef des Luftfahrtkonzerns EADS, droht die Abberufung. Ausgerechnet sein deutscher Co-Vorstand betreibt die öffentliche Demontage. Und dennoch imponiert die Person Forgeard: durch unbändigen Ehrgeiz, der Antreiber auszeichnet; durch die Fähigkeit, Netzwerke zu knüpfen; vor allem aber durch bedingungslosen Machtanspruch.
PARIS/FRANKFURT. Noël Forgeards öffentliche Auftritte überzeugen selten. Wenn die schmale Statur hinter einem Podium versinkt, verrät das Gesicht des Franzosen stets einen Schuss Nervosität, die er durch ein spitzbübisches Grinsen zu übertünchen versucht. Sein radebrechendes Englisch, das auf dem ü-Tüpfelchen bei ?Airbüs? besteht, finden Branchenkollegen eher erheiternd. Und dennoch imponiert die Person Forgeard: durch unbändigen Ehrgeiz, der Antreiber auszeichnet; durch die Fähigkeit, Netzwerke zu knüpfen; vor allem aber durch bedingungslosen Machtanspruch.Der Mann wollte alles: Die Weltmarktführerschaft im zivilen Luftverkehr, die Spitzenposition im amerikanisch dominierten Militärsektor, den globalen Sieg im Wettbewerb mit dem Erzrivalen Boeing. Nach seinem Durchmarsch beim erfolgreichen Flugzeugbauer Airbus wollte er alleiniger Chef der Konzernmutter EADS werden, obwohl er wusste, dass das fein austarierte Machtgefüge des deutsch-französischen Gebildes keine nationalen Alleingänge erlaubt.

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Wer derart polarisiert, verliert Freunde. Und er macht sich Feinde, die nur auf einen Fehler warten. Forgeard hat ihn gemacht. Nun beginnt seine öffentliche Demontage.Vermutlich war es der entscheidende Fehler, Mitte März eigene EADS-Aktienoptionen auszuüben. Nach Angaben der französischen Börsenaufsicht hat Forgeard Aktien für insgesamt mehr als sechs Millionen Euro verkauft und einen Teil des Profits, etwa 2,5 Millionen Euro, an seine drei Kinder weitergereicht. Kaum drei Monate später, am 14. Juni, machten all die anderen EADS-Aktionäre knapp 30 Prozent Verlust an nur einem Tag: Der Konzern hatte am Abend zuvor mitgeteilt, dass sich die Auslieferung des neuen Riesen-Airbus A380 um weitere sechs bis sieben Monate verzögere, was Milliardenschäden mit sich bringen werde.Ausgerechnet Thomas Enders, der deutsche Co-Vorstandschef von EADS neben Forgeard, begann danach mit der öffentlichen Demontage des Franzosen. Eine Ausübung von Aktienoptionen habe er ?zum damaligen Zeitpunkt für nicht opportun gehalten?, sagte Enders der Nachrichtenagentur Dow Jones.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Es wird von vornherein eine Schuld vermutet.?Ein lauer Sommerabend im edlen 16. Arrondissement von Paris: Noël Forgeard sitzt in einem klinisch sauberen Büro ? dem von Enders. ?Bei mir ist das Sonnenrollo kaputt, es ist nicht auszuhalten?, entschuldigt sich der Top-Manager für die Pikanterie bei der Raumwahl. Auf den ersten Blick wirkt er locker und entspannt, aber die rote Färbung seines Gesichts verrät, dass er unter erheblichem Rechtfertigungsdruck steht. Ist er als langjähriger Airbus-Chef und heutiger Co-Vorstandschef der Konzernmutter nicht auch für die Versäumnisse beim Riesenflugzeug A380 verantwortlich? Was wusste er von den neuen Problemen, als er seine Aktienoptionen ausübte? ?Nichts! Ein unglücklicher Zufall?, beteuert Forgeard. Er habe erst im Laufe des Aprils von den Problemen bei der A380-Produktion erfahren, versichert der Topmanager. Allein an diesem Freitag, es ist der 16.Juni, wird Forgeard drei Interviews zu diesem Thema geben.Seine Verteidigungslinie ist klar: Nein, er hatte keine Insiderinformationen. Nein, es drohen wegen der Probleme keine neuen deutsch-französischen Spannungen: ?Dieser Krieg liegt hinter uns.? Dabei hat er tags zuvor das deutsche Airbus-Werk in Hamburg-Finkenwerder für die massiven Lieferverzögerungen bei der A380 verantwortlich gemacht. Es gebe ?eine ziemlich starke Konzentration von Problemen in Hamburg?.Dass zwischen der Airbus-Zentrale in Toulouse und den Flugzeug-Ingenieuren in Hamburg kommunikativ Welten liegen, wird hinter den Kulissen immer wieder kritisiert. Aber dass selbst die Konzernchefs über den Stand des mehr als 12 Milliarden Euro teuren und wichtigsten Flugzeugprogramms nicht informiert gewesen sein sollen, will den meisten Insidern nicht einleuchten.Er fühle sich verletzt von den öffentlichen und zum Teil persönlichen Angriffen, etwa von französischen Gewerkschaften, sagt Forgeard: ?Es wird von vornherein eine Schuld vermutet.? Wieder und wieder betont er, die Verkäufe seiner Aktienoptionen seien korrekt abgelaufen, EADS-Finanzvorstand Hans-Peter Ring habe alles abgenickt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Forgeard wollte alles. Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, steht er jetzt vor dem Nichts.?Doch auch Forgeard weiß: Die politische Logik in solchen Fällen folgt selten der juristischen. Und politisch scheint das Urteil bereits gefällt: Ein Manager, der bei der kriselnden Wartungstochter Sogerma über 1 000 Stellen streichen will und zugleich Millionengewinne mit Aktienoptionen macht, ist für ein Unternehmen, bei dem der Staat ein Kernaktionär ist, nicht mehr tragbar. Es ist nicht ohne eine gewisse Ironie: Bislang konnte sich der Absolvent der französischen Elite-Schule Polytechnique immer auf Rückhalt aus der Politik ? vor allem bei Staatschef Jacques Chirac ? verlassen. Forgeard arbeitet im Verkehrs-, später im Verteidigungsministerium. Seine Karriere führt ihn über den Stahlkonzern Usinor zum Rüstungskonzern Matra, dessen Hauptaktionär Jean-Luc Lagardère ist.Fortan zählt Forgeard zu den elitären ?Lagardére-Boys?, deren Industriekapitän bald auch einer der wichtigsten Aktionäre der 2000 gegründeten EADS wird. Als 2005 die EADS-Doppelspitze mit Rainer Hertrich und Philippe Camus abgelöst wird, kommt Forgeard die Hauptrolle in einem deutsch-französischen Machtkampf zu: Er will zum alleinigen Konzernchef aufsteigen. Der deutsche Großaktionär Daimler-Chrysler aber wehrt sich und setzt mit Thomas Enders einen gleichberechtigten CEO an der EADS-Spitze durch.Ohne politischen Rückenwind hätte Forgeard schon diese Turbulenzen kaum überleben können. Jetzt aber, da sich die Amtszeit seines Beschützers Chirac dem Ende nähert, wird es bedrohlich für ihn.Der Frage, ob er noch Vertrauen in Forgeard habe, wich Finanzminister Thierry Breton kürzlich in einem Interview demonstrativ aus. ?Wenn es eine Organisation gibt, in die ich Vertrauen habe, dann ist das die Finanzaufsicht AMF?, sagte Breton. Dass die Reaktionen auf deutscher Seite noch weit weniger diplomatisch ausfallen, darf nicht verwundern. Aus dem Umfeld von Daimler-Chrysler hieß es am Wochenende: ?Forgeard wollte alles. Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, steht er jetzt vor dem Nichts.?
Dieser Artikel ist erschienen am 26.06.2006