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Fehler machen klug

Jamie Mitchell
Wagniskapitalgeber sind oft blauäugig dem Trend ins Internet gefolgt. Aber sie konnten dabei eine teure Lektion lernen.
Von Zeit zu Zeit wünschen wir uns, unsere Risikokapitalgeber hätten das Ganze schon einmal durchgemacht. Wir haben manchmal das Gefühl, dass sie einfach nicht wissen, was sie tun sollen", klagte vor kurzem der Manager eines Unternehmens für elektronischen Handel sein Leid. Mit diesem Gefühl steht er nicht allein. In Deutschland hat sich die Zahl der Risikokapitalfonds seit 1998 verdoppelt. Wo haben die vielen hundert neuen Wagniskapitalprofis ihr Handwerk erlernt?

Nun, sie haben es nicht erlernt. Zum größten Teil handelt es sich um ehemalige Berater und Banker. Im besten Fall stammen sie direkt aus der Branche. Aber waren sie lange genug in der Branche, um die maßgeblichen Spieler zu kennen? Unwahrscheinlich. Haben sie jemals zuvor für längere Zeit in Unternehmen investiert und kennen sie die Fallstricke von der Gründungsphase bis zum Börsengang? Nein. Aber das ist in Ordnung. Schließlich lernen die europäischen Wagniskapitalgeber gerade aus den Fehlern, die sie in der jüngeren Vergangenheit gemacht haben.

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So haben Wagniskapitalgeber auch Millionen in Unternehmen gesteckt, die heute wohl gleich ausgesiebt würden, angespornt von optimistischen Marktanalysen und angeblich anhaltend hohen Preisen, die bei Börsengängen zu erzielen sind. Aber genau dasselbe hat die ganze Welt getan, vom Unternehmer zum Banker, vom Wagniskapitalgeber bis zum Kleinanleger.

Ein spezieller "europäischer" Fehler war allerdings die Dreistigkeit, mit der man einfach alles kopieren wollte, was in Amerika vorgemacht wurde. Ohne den unterschiedlichen Bedingungen der europäischen Volkswirtschaften besondere Beachtung zu schenken, entwickelten viele Wagniskapitalgeber ein Talent dafür, die Herde zu füttern, während sie selbst schon von ihr mitgerissen wurden.

Ein weiterer, gravierender Fehler war das Tempo, mit dem viele Risikokapitalgeber vorgingen. Früher investierte eine Venture-Capital-Gesellschaft über zwei bis drei Jahre aus einem Fonds. 1999 und 2000 brauchten einige von ihnen innerhalb von sechs Monaten ihre gesamten Mittel auf und setzten oft auf einen einzigen Trend wie etwa die dotcoms, die Internetunternehmen. Das sind die Fonds, um die man sich Sorgen machen muss.

Aber die wichtigste Lektion handelt vom Umgang mit den Investitionen. Eine Zeit lang vergaßen viele Wagniskapitalgeber, dass Venture Capital Risikokapital ist und kein Geld, das man auf die Bank trägt und bis zur Fälligkeit liegen lässt.

Um überdurchschnittliche Renditen zu erzielen, müssen die Wagniskapitalgeber den Unternehmen, in die sie investiert haben, dabei helfen, einen Mehrwert zu erschaffen. Da aber viele Wagniskapitalgesellschaften die Zahl der Investitionen pro Partner verdoppelt hatten, wurde das unmöglich. Und als die harten Zeiten anbrachen und der Geldfluss austrocknete, fanden sie sich plötzlich mit Portfolios wieder, die mehr Stunden Arbeit kosteten, als der Tag zu bieten hat.

Heute haben die Wagniskapitalgeber allerdings gelernt, auf die Fundamentaldaten wie Umsatz und Ertrag zu achten und nach einem Weg zur Rentabilität zu suchen. Und sie stellen ihren Unternehmen genügend Mittel zur Verfügung, um ihnen eine längere "Startbahn" zum Erfolg zu ebnen.

Und mit der Zeit werden die Beteiligungsmanager ihre persönlichen Netzwerke flechten, sie werden invidueller auf die Probleme ihrer Unternehmen eingehen können und so für den erwünschten Wertzuwachs sorgen. Und sie werden den gesamten Zyklus verstehen und nicht nur die Startphase.

Aber noch immer halten sich einige Fehler hartnäckig auf dem Markt. So besitzen zum Beispiel viele Wagniskapitalgeber einfach nicht den Mut, Investitionen, die hinter den Erwartungen zurückbleiben, über Bord zu werfen. So sehr ihm dabei auch das Herz bluten mag: Ein Venture-Capital-Geber muss sich dennoch daran erinnern, dass nichts Schlimmes daran ist, wenn einige Investitionen fehlschlagen.

Um die angestrebten zwei- bis dreistelligen Renditen zu erreichen, reichen zwei oder drei richtig erfolgreiche Investitionen. Die Verlierer zu identifizieren und auszusortieren, ist genauso eine Kunst, wie die Gewinner zu halten und zu unterstützen.

Ein weiterer Fehler, den ich zur Zeit sehr oft feststelle, ist das Beharren der Kapitalgeber darauf, dass eine Firma innerhalb von sechs Monaten die Gewinnzone erreichen muss. In Fällen, in denen keine Hoffnung besteht, dass sich die Firma zu einem Unternehmen mit überragender Wertentwicklung mausert, mag das der beste Überlebenstipp sein.

Wenn aber das Unternehmen das Potenzial zu wirklicher Größe besitzt, wäre es ein schwerer Fehler, es jetzt im Keim zu ersticken anstatt das Wachstum zu fördern. Unter den gegenwärtigen Marktbedingungen das Selbstvertrauen aufzubringen, die mutmaßlichen Gewinner im eigenen Portfolio zu unterstützen, kann einem Wagniskapitalgeber einiges abverlangen. Aber die Verlierer zu eliminieren und die Gewinner zu fördern, ist genau die Strategie, um überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften.

Auch wenn heute alle Wagniskapitalgeber mit ihren Investitionen sehr viel vorsichtiger geworden sind, sollten sie nicht völlig "dicht machen". Gerade jetzt ist die beste Zeit, junge Unternehmen einzukaufen - der Preis ist niedrig, aber das Potenzial ist immer noch da. Nach zwei Jahren in einem Verkäufermarkt hat sich jetzt ein Käufermarkt herausgebildet. Risikokapitalgebern mit Zeit und Geld bieten sich eine ganze Reihe Schnäppchen.

Es besteht kein Zweifel, dass aufgrund einiger Fehler der vergangenen zwei Jahre viele der jüngeren Wagniskapital-Fonds in Europa verschwinden werden. Während der Flauten für Wagniskapital in den späten 80er und frühen 90er Jahren sank die Zahl der Wagniskapitalfonds in den USA um bis zu 50 Prozent. Aber auch wenn es in den kommenden Jahren sicherlich weniger europäische Wagniskapitalgeber geben wird, wird der Kahlschlag nicht so extrem ausfallen, da Europa gleichzeitig einen jahrzehntelangen Rückstand bei der Versorgung mit Wagniskapital aufholen muss.

Zudem darf man nicht vergessen, dass ein paar Wagniskapitalgeber weniger besser sind als gar keine. Gemessen an unserer schlechten Ausgangssituation können wir Europäer es uns leisten, optimistisch in die Zukunft zu blicken - Fehler hin oder her.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.06.2001