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Fat Cats geht es an den Kragen

Matthias Eberle, Dieter Fockenbrock und Dirk Heilmann
Gehälter von Führungskräften sind schon lange ein Reizthema. Nun wächst aber selbst in den kapitalistischen Hochburgen Englands und der USA die Kritik an den üppigen Verdiensten der Manager. Speziell die Sonderprämien stoßen übel auf. Schärfere Regelungen sind die Folge ? Aktionäre wird das freuen, die Unternehmenslenker weniger.
NEW YORK/DÜSSELDORF/LONDON. Extrem hohe Managergehälter und ausufernde Prämien stoßen weltweit auch bei institutionellen Anlegern auf Kritik. Das Thema bewegt vor allem Investoren in den angelsächsischen Ländern. Selbst in den USA werden einige ?Fat Cats? mittlerweile als Abzocker bezeichnet. In Deutschland ist das üppige Optionsprogramm des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp in der Diskussion. Und Gerhard Cromme, Chef der Regierungskommission Corporate Governance, hat das Thema Abfindungen auf die Agenda gesetzt.In London sorgt derzeit der Telekom-Ausrüster Cable & Wireless für Debatten. Bei seiner Einführung wurde das Entlohnungspaket noch als fortschrittlich gepriesen. Das verlustträchtige Unternehmen hatte für seine 60 Top-Manager einen Prämienpool von mehr als 200 Mill. Pfund (300 Mill. Euro) ausgelobt, falls diese es schaffen, den Aktienkurs bis 2010 mehr als zu verdoppeln. Kein einzelner Manager sollte aber mehr als 20 Mill. Pfund bekommen.

Die besten Jobs von allen

Diese Obergrenze will das Unternehmen nun abschaffen, denn das Ziel ist schon nach einem Jahr in greifbare Nähe gerückt. Außerdem hat sich nun auch der Chairman Richard Lapthorne, dessen Funktion einem deutschen Aufsichtsratschef entspricht, eine Prämie von bis zu elf Mill. Pfund zusichern lassen.
Bildergalerie Bildergalerie: 150 000 000 Euro für 30 Männer. Was die Dax-Chefs im vergangenen Jahr verdient haben. Vom Spitzen- bis zum Geringverdiener.
Solche Sonderprämien, die gezielt ausgelobt werden, kommen in Mode. John Leahy, der Chef der führenden Supermarktkette Tesco, darf sich auf 11,5 Mill. Pfund extra freuen, falls ihm der Start der neuen Ladenkette in den USA gelingt. ?Einige Leute würden argumentieren, dass das einfach zu seinem Job gehört?, sagt Peter Montagnon, der Leiter für Investitionsangelegenheiten des Versicherer-Verbandes ABI, diplomatisch. Montagnon, der vielleicht einflussreichste Corporate-Governance-Wächter der City, beklagt Fehlentwicklungen, mag sich aber nicht der medialen Stimmung gegen ?Fat Cats? anschließen. ?Individuell mögen manche dieser Sonderprämien gerechtfertigt sein, aber insgesamt bereitet uns der rapide Anstieg der Gehälter Sorgen?, sagt er.Auch Michael Kramarsch von der Unternehmensberatung Towers Perrin zweifelt am Sinn der Extraprämien. ?Wir brauchen nicht mehr Möhren, sondern wir brauchen Incentives, die sich am langfristigen Unternehmenserfolg orientieren.? Deutsche Unternehmen, sagt Kramarsch, seien bisher glücklicherweise nicht dem ?Raubrittertum angelsächsischer Länder? verfallen. Auslöser extremer Gehaltssteigerungen oder Prämien sind immer wieder Private-Equity-Fonds. Sie versprechen Managern lukrative Beteiligungen im Falle eines erfolgreichen Verkaufs des Unternehmens an ihren Fonds. Oder sie provozieren Abwehrstrategien des Managements, deren Erfolg mit Sonderprämien vergoldet wird.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Aktionäre zahlen die Zeche.Die Diskussion über unangemessen hohe Vergütungen für Vorstände nimmt auch in den USA an Schärfe zu. Angefacht wird sie durch die verschärften Transparenzvorschriften der US-Börsenaufsicht SEC, die für das Geschäftsjahr 2006 erstmals detaillierte Einblicke in die Nebenbestimmungen der Vertragspakete erlauben. Im Zentrum der Kritik stehen dabei weniger die üblichen Nettigkeiten wie Firmenjets oder persönliche Fitnesstrainer für CEOs, sondern in erster Linie die hohen Abfindungen. Einer Analyse der New Yorker Beratungsfirma James F. Reda zufolge haben sich 36 geschasste US-Konzernchefs 2006 insgesamt mehr als eine Mrd. Dollar Abfindungen überweisen lassen. Darüber hinaus kassierten 27 Vorstände 750 Mill. Dollar im Zuge eines Firmenverkaufs.Dass der Zahltag für Manager selbst im Falle des offensichtlichen Scheiterns so hoch ausfiel, ist für US-Medien wie die renommierte Tageszeitung ?New York Times? des Guten zu viel: ?Die Aktionäre zahlen für Performance ? und zwar für nahezu jede Art der Performance?, spottete die Zeitung.
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Angesichts weiter steigender Vergütungen ? der CEO einer Firma aus dem Index S&P500 verdiente 2006 im Durchschnitt 8,3 Mill. Dollar ? machen die Investoren jetzt Druck. So haben sich die Aktionäre einiger großer US-Firmen, unter ihnen Verizon und Motorola, bei der diesjährigen Hauptversammlung ein Mitspracherecht über Vorstandsvergütungen erstritten. Der US-Kongress hat bereits einen Entwurf beschlossen, der Aktionären dieses Mitspracherecht bald gesetzlich garantieren könnte.In Großbritannien gibt es dieses gesetzlich verankerte Aktionärs-Votum bereits. Es besitzt zwar nur beratenden Charakter, garantiert aber öffentliche Aufmerksamkeit. Corporate-Governance-Experte Montagnon gibt allerdings zu bedenken, dass es auf der Hauptversammlung oft schon zu spät ist. ?Es sind vor allem die Gehaltskomitees der Unternehmen, die viel kritischer werden müssen?, fordert er.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Im Land der unbegrenzten Vergütung Im Land der unbegrenzten VergütungDie USA sind und bleiben das Land der unbegrenzten Vergütungsmöglichkeiten. Jüngster Beleg: Das Jahressalär von Blackstone-Gründer Stephen Schwarzman ist mit knapp 400 Mill. Dollar etwa vier Mal höher als die Gehälter aller 30 Dax-Chefs zusammen. Kommt seine Investmentfirma in den nächsten Wochen wie geplant für rund 30 Dollar pro Aktie an die Börse, wäre sein 24-prozentiger Anteil am Unternehmen etwa 7,5 Mrd. Dollar wert.Dagegen verblasst der rekordverdächtige Start von Goldman-Sachs-Chef Lloyd C. Blankfein: Kaum sechs Monate im Amt, überwies ihm die US-Investmentbank im Vorjahr fast 55 Mill. Dollar Gehalt. Ray R. Irani, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns Occidental Petroleum, musste für sein Salär von 52,1 Mill. Dollar immerhin das ganze Jahr arbeiten. Dafür sitzt er auf Aktienoptionen im Volumen von 270,2 Mill. Dollar. Auch der CEO von AT&T wird für sein Lebenswerk, die Auferstehung des 1984 zerschlagenen US-Telefonmonopols, reich belohnt: Edward E. Whitacre (65) soll nach Vertragsende eine Pension über 84,7 Mill. Dollar erhalten sowie zusätzlich eine aufgeschobene Vergütung in Höhe von 73,8 Mill. Dollar (?Deferred pay?).Ans Tageslicht kommen die Zahlen, weil die US-Börsenaufsicht SEC im Vorjahr die Transparenzregeln verschärft hat. Für das Geschäftsjahr 2006 mussten die Unternehmen deshalb erstmals eine Gesamtvergütung ihrer fünf Top-Führungskräfte publizieren. Die ausgewiesene Höhe diverser CEO-Pakete erstaunte viele Experten und wird selbst einem liberalen Wirtschaftsblatt wie dem ?Wall Street Journal? allmählich unheimlich. Die Empörung über Vorstandsvergütungen habe ?einen Siedepunkt erreicht?, schrieb die US-Zeitung im April.Amerikaner haben gegen hohe Gehälter in der Regel nichts einzuwenden ? solange die Entscheider dafür sorgen, dass die Performance ihres Unternehmens stimmt. Erst wenn es selbst für geschasste Konzernchefs noch Summen in der Höhe mittelständischer Jahresumsätze regnet, regt sich öffentlich Kritik: So stehen die Konzernchefs Bob Nardelli (Home Depot) und Hank McKinnell (Pfizer) nach ihren 200 Mill. Dollar schweren Abfindungen in US-Medien als Abzocker da.Das Vergütungssystem in ?Corporate America? sei abgedriftet ?und vernichtet Unternehmenswerte?, kritisiert James Reda, Chef der auf Vergütungsthemen spezialisierten Beratungsfirma James F. Reda & Associates. Möglicherweise sei der goldene Handschlag für Home-Depot-Chef Nardelli nur ?ein Frühindikator? für das, was noch kommen könnte.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Transparenz oder Verschleierung?Transparenz oder Verschleierung?Zu viel des Guten in den USA: Auf die verschärften Transparenzregeln der Börsenaufsicht SEC haben große US-Unternehmen mit ungeahnter Ausführlichkeit geantwortet. IBM zum Beispiel brauchte 47 Seiten, um die Gesamtvergütung seines CEO Samuel Palmisano über 18,7 Mill. Euro zu erklären ? inklusive eines Vorworts mit der hoffnungsvollen Überschrift ?guide to executive pay at IBM?. Die ?New York Times? veröffentlichte eine Studie der Investor-Relations-Firma Clarity Communications, die aufzeigen soll, dass selbst die Verfassung und staatliche Versicherungsverträge deutlich lesbarer sind als viele Erklärungen zur CEO-Vergütung. SEC-Chef Christopher Cox findet daher: Diese Dissertationen habe kein Aktionär verdient.Volle Transparenz in Deutschland: Seit 2006 sind alle börsennotierten Unternehmen per Gesetz verpflichtet, die Bezüge ihrer Vorstände detailliert offen zu legen. Auf 47-seitige Erklärungen wie in den USA kommen Dax-Konzerne zwar nicht, einige deutsche Vergütungsberichte sind aber auch nur für Experten verständlich. Vor allem langfristige Anreizsysteme können von Investoren kaum berechnet werden. Noch unvollständig sind zudem Informationen über Sachbezüge wie Dienstwohnungen oder Privatsekretäre.Deckelung gegen Abzocker: Seit dem Mannesmann-Prozess gehen deutsche Firmen vorsichtig mit Prämien für Manager um, erst recht mit nachträglich vereinbarten. Es gab aber Fälle wie bei der Beteiligungsfirma Agiv wo Sonderzahlungen bei Eigentümerwechsel jeden Maßstab sprengten. Jetzt beschäftigt sich die Corporate Governance-Kommission mit der Frage, ob Abfindungen gedeckelt werden sollten.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.06.2007