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Familiensinn ist kein Weichei-Faktor mehr

Von Christoph Hus, Handelsblatt.
Karriere oder Privatleben? Junge Manager wollen beides. So haben zwar 41 Prozent der jungen Führungskräfte in deutschen Unternehmen den Aufstieg in die Geschäftsführung oder den Vorstand im Visier ? aber nur, wenn genügend Zeit für Familie und Freizeit bleibt.
HB DÜSSELDORF. Doch schon heute sieht die Realität für die meisten jungen Führungskräfte düster aus: Zwei Drittel halten ihre Arbeitsbelastung für hoch oder sehr hoch ? und sind deshalb unzufrieden mit ihrem Arbeitgeber. Im Schnitt arbeiten sie 47,5 Stunden pro Woche. Das ist das Ergebnis einer Studie der Münchener Personalberatung Comteam AG. 297 Jungmanager aus 280 Unternehmen in Deutschland wurden befragt. Alle arbeiten seit höchstens drei Jahren in einer Führungsposition.Die Studie belegt: Die Mehrheit der deutschen Unternehmen investiert zu wenig in die Zufriedenheit ihrer Hoffnungsträger. Mangelndes Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatem wird für viele Jungmanager zum Problem. ?60 Stunden Arbeit pro Woche sind keine Seltenheit?, berichtet Lorenz Forchhammer, Vorstand bei Comteam. ?Unternehmen helfen ihren jungen Führungskräften zu selten dabei, die hohe Arbeitsbelastung mit dem Privatleben zu vereinbaren.? Die Folge: Unternehmen riskieren, wertvolle Mitarbeiter zu verlieren.

Die besten Jobs von allen

Forchhammer hat einen weiteren Grund für die Überlastung und die Unzufriedenheit ausgemacht: Jungmanager sind besonders oft dafür verantwortlich, die Kosten zu senken, Abteilungen zusammenzulegen und Mitarbeiter zu entlassen. Doch darauf sind die meisten nicht vorbereitet. ?Führung ist heute eben meist kein netter Job mehr?, so Forchhammer.In vielen deutschen Unternehmen ist Work-Life-Balance nur ein Lippenbekenntnis, belegt auch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Zwar behaupten rund 80 Prozent aller deutschen Unternehmen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Doch häufig beschränkt sich dies auf die Flexibilisierung der Arbeitszeit und Telearbeit. Ein solches Angebot machen 75 Prozent der befragten Unternehmen ihren Angestellten. Betriebskindergärten dagegen sind immer noch die Ausnahme. Kinderbetreuung beschränkt sich meist auf Kurzzeithilfe im Krankheitsfall.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einige Konzern machen vor, wie es besser geht.Nur einige wenige Großunternehmen machen vor, wie ein familienfreundlicher Arbeitsplatz aussieht. Sie wissen: Auch junge Viel-Arbeiter wollen für ihre Karriere nicht auf Familie verzichten. So war etwa die Commerzbank Ende der 80er-Jahre die erste deutsche Großbank, deren Manager eine Betriebsvereinbarung über Teilzeit-Arbeitsplätze unterschrieben. Später führte das Institut flexible Arbeitszeiten ein, eröffnete Kindertagesstätten und eine Kinder-Notfallbetreuung. Gerade erst wurde das Budget für die Betreuung der Kinder ihrer Mitarbeiter von 1 Million Euro auf 1,7 Millionen Euro aufgestockt. ?Kinderbetreuung und Familienfreundlichkeit spielen eine immer wichtigere Rolle beim Rekrutieren junger Hochschulabsolventen?, weiß Barbara David, in der Commerzbank-Personalabteilung für Gleichstellung verantwortlich. ?Und es fragen auch immer mehr Männer danach.?Auch BMW hat es seinen Mitarbeitern schon früh ermöglicht, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen: ?Nur wenn unsere Mitarbeiter ausgeglichen sind, bleiben sie dem Unternehmen erhalten.? Dabei hat der Autobauer vor allem seine wertvollen jungen Führungskräfte im Blick. So verpflichtet BMW die Mitarbeiter immer seltener, jeden Tag im Büro zu erscheinen. Im vergangenen Jahr hatten hier bereits 4000 BMW-Mitarbeiter einen Telearbeitsplatz ? 1300 mehr als im Jahr zuvor.Doch die meisten Arbeitgeber bieten ihren Nachwuchsmanagern kaum Hilfe an, um eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu finden, so eine Umfrage der Hertie-Stiftung. Danach sind etwa flexible Arbeitszeiten bei Mittelständlern weit weniger verbreitet als in Großunternehmen. Und rund 70 Prozent der Firmen messen dem Thema Familienfreundlichkeit nur niedrigere Priorität bei, belegt die IW-Studie.Dennoch tut sich etwas. Quer durch alle Branchen und Unternehmensgrößen hat Barbara Hartmann, Personalberaterin bei Heidrick & Struggles, einen grundlegenden Sinneswandel beobachtet: ?Selbst Männer können heute in Bewerbungsgesprächen ihr Familienleben ansprechen, ohne als Weichei zu gelten.?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.09.2005