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Falsches Outfit im Job kostet die Karriere

Von Uwe Wolf
Vieles ist heutzutage erlaubt, doch beim Arbeitsoutfit sollte man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. In Einzelfällen rechtfertigt die fehlende Krawatte oder das zu lange Haar immer noch den Rauswurf.
Auch heute noch gehört die Krawatte in vielen Berufen unweigerlich dazu. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Nach erfolglosen Versuchen den Teenager zu einem ordentlichen Bürstenschnitt zu bekehren, zog die Bahn die Notbremse: Der angehende Schaffner wurde fristlos gekündigt. Das Arbeitsgericht Essen erklärte den Rauswurf für rechtmäßig: Einerseits gefährde die Mähne ?Sicht und Hören?; zudem wirke die auffallende Haartracht auf Bahnkunden ?psychisch abstoßend?.Der Fall stammt aus dem Jahr 1966 - die ihm zugrunde liegende Rechtsfrage jedoch ist weiterhin aktuell: Welches Maß an ?adrettem Auftreten? kann ein Arbeitgeber von seinen Mitarbeitern verlangen? Sind Jeans und offenes Hemd im Büro okay oder ist graues Tuch mit Krawatte ein Muss? Keine leicht zu beantwortende Frage. Die Rechtsprechung der Arbeitsgerichte gibt durchaus differenzierten Moderat.

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Einig sind sich die Gerichte in Einem: Der Chef kann ? besonders im Kontakt zu Kunden ? ein zum ?Stil des Hauses? passendes Auftreten seiner Mitarbeiter verlangen. Was im Einzelfall zur gewünschten Firmennote gehört, machen die Robenträger von der Branche und den angebotenen Produkten abhängig. Ein Unternehmen in Westfalen etwa, das Schrankwände sowie Wohn- und Schlafzimmer ?gehobenen Genres? herstellt und verkauft, kann von einem Verkäufer ein gediegeneres Outfit erwarten als ein Fitnessclub. In dem entschiedenen Möbelhaus-Fall trat ein französischsprachiger Verkäufer, der Kunden aus der Schweiz und Belgien bediente, trotz mehrfacher Abmahnungen bei Verkaufsgesprächen in Jeans, offenem Sporthemd und Turnschuhen auf. Das von seinem Arbeitgeber geforderte Sakko samt Krawatte lehnte der Angestellte ab.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gericht wies Klage des Arbeitnehmers ab.Das Möbelunternehmen versetzte den Mitarbeiter daraufhin in eine Abteilung ohne Kundenkontakt. Die gegen die Umsetzung gerichtete Klage des Krawattengegners wies das Landesarbeitsgericht Hamm ab. Aufgrund seines Direktionsrechts, so die Richter, könne ein Arbeitgeber verlangen, dass seine Mitarbeiter Kunden in einem Aufzug gegenüber trete, die ?dem vom Arbeitgeber festgelegten Charakter der Produkte entspreche?; Textilien, die früher nur als Freizeitkleidung getragen worden wären, seien zwar mittlerweile in ?weiten Bereichen des Arbeitslebens üblich?, nicht jedoch bei Holz verarbeitenden Unternehmen, die mit exklusiven Möbeln handeln (Landesarbeitsgericht Hamm, Az.: 13 TaBV 36/91).Andere Branche, andere Sitten: bei einem Transportunternehmen aus Baden-Württemberg soll der Anblick von Geldfahrern in kurzen Hosen keinen negativen, ?die Kunden abstoßenden? Eindruck erwecken. Dies gilt nach Meinung des Arbeitsgerichts Mannheim zumindest für ein Betriebsratsmitglied, dass nach dessen Arbeitsende in Shorts die Verwaltungszentrale aufsucht, um dort an einer Betriebsratssitzung teilzunehmen. Da Kunden den Bermudaträger nicht notwendiger Weise als Firmenmitarbeiter erkennen würden, könne auch kein ?negativer Eindruck? der Firma vermittelt werden (Arbeitsgericht Mannheim, Az.: 7 Ca 222/88).Lesen Sie weiter auf Seite 3: Auch religiöse Aspekte spielen eine Rolle.Neben ästhetischen spielen auch religiöse Aspekte beim Streit ums Outfit eine Rolle. So darf nach Ansicht des Bundesarbeitsgerichts eine moslemische Verkäuferin auch in der Lifestyle-orientierten Parfümerieabteilung eines Warenhauses ein Kopftuch tragen. Ein Arbeitgeber, der dies verbieten will, muss hierfür darlegen, dass von dem Anblick des Kopftuchs ?konkrete betriebliche Störungen oder wirtschaftliche Einbußen? ausgelöst werden. ?Bloße Vermutungen und Befürchtungen? reichen mit Blick auf die Religionsfreiheit für arbeitsrechtliche Strafmaßnahmen gegen die Schleierträgerin nicht aus (Bundesarbeitsgericht, Az.: 2 AZR 472/01).Unternehmen, die Mitarbeiter wegen deren Optik maßregeln wollen, müssen formale Gesichtspunkte beachten. Erscheint ein Angestellter im Mallorca-Look zum Dienst, muss der Vorgesetzte die konkreten beanstandeten Kleidungsstücke in der Abmahnung einzelnen aufführen. Allein der schriftliche Hinweis, das Auftreten sei ?urlaubsmäßig? gewesen, reicht für eine wirksame Abmahnung nicht aus. Eine hierauf gestützte Kündigung ist unwirksam (Arbeitsgericht Frankfurt/M., Az.: 9 Ca 1687/01).Lesen Sie mehr zum Thema und diskutieren Sie über Business-Outfits im Forum "Business-Etikette" im Netzwerk Handelsblatt.net: weiter...
Dieser Artikel ist erschienen am 15.09.2005