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Falsch verbunden

Roland Schweins
Foto: Bob Heinemann
Während bislang die Mehrzahl der 0190er-Nummern die Befriedigung der fleischlichen Gelüste verspricht, gibt es immer mehr Aktien-Hotlines, die sich um das finanzielle Wohl kümmern wollen. Doch die neuen telekommunikativen Börsen-Gurus machen einem das Reichwerden nicht gerade leicht. Junge-Karriere-Autor Roland Schweins hat da so seine ganz eigenen Erfahrungen.
?Ich mache Sie reich!“, verspricht der junge Mann im beigen Anzug gut gelaunt, bevor er sich entspannt dynamisch auf Stefan Raabs Sofa bei TV Total fallen lässt. ?Aha, da kommt jetzt einer, der was von Geldanlage versteht“, denke ich und drehe die Glotze lauter. Ich bin gespannt, wie mich der Mann mit dem sonnigen Gemüt und dem Bürstenschnitt zu Geld bringen will.
Sein Name ist Markus Frick. Der ehemalige Bäcker hat es mit Aktien-Zockerei zum Millionär gebracht. Vollmundig wirbt Frick für seine täglich frische Börsen-Hotline und hält energisch sein Buch ?Ich mache Sie reich“ in die Kamera.

Nun gut, wenn es denn so einfach ist, das Portemonnaie aufzufüllen, dann ruf ich doch mal an. Ich greife zum Hörer und tippe 0190....
?Einen schönen guten Tag wünscht Ihnen: er – Markus Frick. Entschuldigen Sie, dass es heute ein bisschen später geworden ist.“ Macht ja nichts, Frick. Dann leg mal los mit den heißen Tipps! Mein Gebührenzähler legt nämlich ein ordentliches Tempo vor – die Minute zu 2,42 Mark.

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Aber zunächst mal werde ich darauf hingewiesen, dass eine andere Fricksche Hotline doch viel schneller sei: ?Wählen Sie in Zukunft die 01 90/7 79...“ Aha. Interessiert mich aber eigentlich nicht, denn ich will ja nicht bei der Hotline erfahren, welche Hotlines es außerdem noch gibt. Meine Geduld wird mit jedem Blick aufs Telefondisplay strapaziert: 4,50 Mark, Tendenz steigend

Frick spricht zuerst über die Comroad-Aktie. Noch weiß ich nicht genau, was die Gesellschaft herstellt. Nur, dass die Aktie am Neuen Markt notiert wird. Aber die Technologiebranche soll doch momentan so schwach sein, oder? Na ja, der Neu-Guru wird bestimmt gleich erzählen, warum das Papier besser ist als andere.
Wird er nicht. Anleger müssten der Aktie einfach wieder Vertrauen schenken, tönt es schwungvoll vom Band. Auch große Fonds müssten den Wert wieder kaufen. Ob die das auch wissen?
Comroad habe ?einiges“ an Potenzial, flötet Frick. Sein Fazit lautet: eher zurückhaltend bleiben. Ja was denn nun? Zuerst Börsenhalbweisheiten und jetzt noch nicht mal ‘ne deutliche Meinung? – Meinen Gebührenzähler stört das wenig. Die ersten zehn Mark habe ich jetzt schon investiert.

Weiter geht’s mit Medigene: ?Ich habe gerade mit einigen Biotech-Fondsmanagern gesprochen“ brüllt Frick in den Hörer, von dem ich mittlerweile einen respektvollen Abstand genommen habe. Einer habe ihm gesagt, dass bei Medigene Kurse über 30 Euro möglich seien. ?Keine Kunst“, denke ich mir. Steht der Kurs doch nach Fricks eigenen Angaben bei 29,60 Euro.

Aber Hochachtung: Frick schafft es, jeden Satz in zwei, drei, ja manchmal vier Versionen zu wiederholen. Ob er durch diese Masche zu seiner ersten Million gekommen ist? Viel Zeit zu überlegen bleibt mir nicht, dann kommt auch schon die nächste heiße Info: ?Funkwerk würde ich nicht aus der Hand geben“, verkündet Frick. Er habe die Aktie vor zwei Wochen bei 32 Euro empfohlen und nun stünde sie bei 38. Mit 20 Prozent müsse man in diesen Marktzeiten zufrieden sein. Das ist es also, was ich hier lernen soll: Wer in zwei Wochen nicht wenigstens 20 Prozent Gewinn macht, ist selber schuld. Allerdings ist mir immer noch nicht klar, ob ich Funkwerk jetzt behalten oder die 38 Euro einstreichen sollte. Fricks Aktientipps sind anscheinend eine Spur zu subtil für mich

Mein Gebührenticker überschreitet derweil die 30-Mark-Grenze. Ich werde langsam ungeduldig. Frick erzählt nun enthusiastisch von seinem Fax-Abruf: Ein Auszug aus seinem Musterdepot offenbart dem zahlenden Fußvolk die Transaktionen des Meisters.
Mir wird’s jetzt zu teuer, ich lege auf. Mit seriösen Empfehlungen hatte das ja wohl wenig zu tun. Macht aber nichts. Einen Versuch will ich noch wagen: Eine Anzeige für eine Guru-Line stößt mich auf den High-Tech-Spezialisten Hans Tilgner. Bereits das Intro der Ansage verheißt Gutes: ?Mit der Sternchen-Taste können Sie von Guru zu Guru springen.“
Nun denn, dann werde ich mal springen: Guru Tilgner wird von einem Journalisten interviewt. Das ständige Wiederholen von wortgewaltigen Phrasen gibt es hier nicht. Tilgner empfiehlt die Aktien von großen Unternehmen: Intel, Microsoft, IBM, Cisco Systems und Sun Microsystems.

Und er erklärt sogar, warum. Bei Intel seien es die großartigen Prozessoren. Microsoft hingegen habe mit Windows 2000 ein heißes Produkt im Markt. Und das Beste sei, dass es im Gegensatz zu Windows 98 und NT reibungslos funktioniere. ?Prima“, denke ich, ?endlich mal was Handfestes“.
Als ich mich eine Woche später bei Tilgner auf den neuesten Stand bringen will, ertönen aus dem Hörer – natürlich wieder für 2,42 Mark pro Minute – genau die selben Sätze. So viel zur Aktualität. Damit bleibt auch der zweite Versuch, heiße Aktien-Infos zu ergattern, erfolglos.

Was soll ich also von den teuren Guru-Nummern halten? Erwarten kann ich vor allem eine saftige Telefonrechnung. Hätte ich auf diese Ausflüge in die 0190er-Welt verzichtet, wäre ein feudales Abendessen drin gewesen.
Trotzdem: Guru ist nicht gleich Guru. Von Altmeistern wie André Kostolany bekam man keine spektakulären, heißen Tipps mit auf den Weg. Deshalb wird sein ?Kaufen Sie sich eine Aktie, gehen Sie in eine Apotheke, kaufen Sie sich ein Schlafmittel und schlafen, schlafen, schlafen Sie“ vielleicht auch so gerne zitiert. Zeitlos schön.

Und die Hauptversammlungen von Anleger-Idol Warren Buffet sind als Woodstock-Festival für Investoren berühmt geworden. Aber als Marktschreier à la Frick habe ich ihn im Fernsehen zumindest noch nie erlebt. Der Möchtegern-Nachwuchs enttäuscht leider mit offensichtlicher Abzockerei. Damit lässt sich zwar die schnelle Mark machen – doch leider nur am anderen Ende der Strippe. Frick sollte ehrlich sein und sein Buch betiteln mit: ?So machen Sie mich reich.“

Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2001