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Fairer Händler

Von Tim Farin
Der Kölner Betriebswirt Dieter Overath stieg vor 17 Jahren beim Verein Transfair ein und machte den gerechten Handel mit Kaffee und Baumwolle aus der Dritten Welt zu einem nachaltigen Erfolg. Dank ihm ist das Geschäft mit fair gehandelten Lebensmitteln und Textilien aus der gesellschaftlichen Nische getreten.
Süße Köstlichkeiten mit Fairtrade-Siegel sind gefragt wie nie. Foto: Archiv
Der junge Fabrikboss und der Finanzchef sitzen ziemlich ratlos am Konferenztisch. Ihnen gegenüber hat eine ganze Gruppe Männer und Frauen Platz genommen, angereist aus dem fernen Europa, in ihrer Mitte ein drahtiger Mann mit heller Haut, dünner Brille und silbernen Haaren. Jemand, der die Dinge zum Guten wenden möchte, der sich interessiert für die Sorgen im Süden und die Nachfrage im Norden.Gerade ist die Sonne untergegangen hinter der lärmenden Halle der Baumwollspinnerei Filsah in Bobo-Dioulasso, einem der wenigen Industriebetriebe im bettelarmen westafrikanischen Burkina Faso. Die Macher der Spinnerei scheinen nicht so ganz zu verstehen, was ihre Gäste eigentlich wollen, kaufen möchten sie zumindest nichts - und deswegen nimmt sich der "Directeur Industriel" ein Herz: "Um ehrlich zu sein, habe ich mich bislang nicht damit beschäftigt: Können Sie mir erklären, was gerechter Handel überhaupt ist?"

Die besten Jobs von allen

Dieter Overath, 53, hat jede Menge Erfahrung mit solchen Fragen. Also ergreift der Geschäftsführer des deutschen Vereins Transfair das Wort und erklärt im klimatisierten Verwaltungshäuschen das Prinzip gerechter Preise für die Farmer. Die Chefsekretärin greift zum Kugelschreiber, sie schreibt jedes Wort der französischen Übersetzung mit, während die Bosse mit ruhigem Interesse lauschen.Die Baumwolle, das weiße Gold Westafrikas, hat Overath nach Burkina Faso gelockt. Er und einige andere Vertreter seines Kölner Hauses sind hier, um das Land, die Lebensbedingungen und den Markt kennenzulernen. Denn: Seit kurzem wirbt im deutschen Kleiderhandel das Logo Fairtrade, bekannt von Kaffee- und Schokoladen-Packungen, auch auf Jeans und T-Shirts um die Gunst gewissenhafter Konsumenten.Fair gehandelte Fasern von Kleinbauern aus den entlegenen Feldern am südlichen Rand der Sahelzone finden sich in schicken Boutiquen, und Overath will prüfen, ob mit diesem neuen Rohstoff der Fairtrade-Schiene alles stimmt und ob die Afrikaner in der Lage sind, so viel und so gute Baumwolle zu liefern, dass sich der Markt in Europa entwickeln kann - zu Bedingungen, die der Marketing-Story vom ethischen Handel genügen.In deutschen Märkten findet sich eine Vielzahl von Produkten mit dem Zeichen für gerechten Handel - Kaffee und Tee, Orangensaft und Bananen, Rosen und Rohrzucker. Es kann kein Zufall sein, dass der Mann hinter dem Logo ebenfalls einen sehr vielseitigen Lebenslauf hat. Overath war Zeitsoldat bei der Bundeswehr und verweigerte im Nachhinein während der Aufrüstungsdebatte, indem er seinen Wehrpass an das Tor des Kölner Doms nagelte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ganz am Anfang, auf der "Fairtrade-Richterskala". Der passionierte Frühmorgen-Jogger ist Kosmopolit und kölsch zugleich. Er arbeitete im vom Bürgerkrieg zerrütteten Nicaragua für eine Alphabetisierungskampagne, half lateinamerikanischen Folteropfern in Deutschland, begründete eine Werkstattschule für arbeitslose Jugendliche mit und setzt sich seit 27 Jahren für Amnesty International ein, wo er auch Vorstandsmitglied war. 1999 integrierte er das Label "Rugmark", welches Teppiche kennzeichnet, die ohne Kinderarbeit entstehen, in die Kölner Geschäftsstelle.Overath verdiente sein Geld früher in einem Import-Export-Laden, der gebrauchte Feuerwehrautos in die Türkei ex- sowie von dort Tomatenmark und Unterhosen importierte. Er weiß Pragmatismus mit Ethik zu verbinden. "Es findet sich schon immer eine Lösung", ist einer seiner Leitsprüche, abgewandelt aus der Kölner Volks-Philosophie.Als der Geländewagen am Morgen nach Overaths Besuch in der Spinnerei von Bobo-Dioulasso über die rotbraune Sandpiste im Südwesten Burkina Fasos ruckelt - es geht zu einer Bio-Bauernkooperative -, erzählt Overath, wie vertraut er ist mit dem Unwissen der Menschen in Afrika. "Das ist ein gegenseitiges Kennenlernen. Beim Kaffee war das vor 15 Jahren genauso, bei Bananen vor zehn, bei Blumen vor drei."Overath und seine Organisation fangen eben immer wieder von vorn an, wenn es um neue Rohstoffe geht. Gerade im von Pestiziden, Subventionen, Handelsschranken, Kinderarbeit und Dumping verseuchten Textilmarkt wähnt Overath sich ganz am Anfang, bei "0,5 Prozent auf der Fairtrade-Richterskala". Mit seiner sanften Stimme versucht er, in den Dörfern Burkina Fasos ein hörbares Signal zu setzen.Er spricht von den Konsumenten, die in Westeuropa schon heute nach sauberen Kleidern fragen und dafür mehr bezahlen wollen. Er erntet für so etwas Applaus und Gesang. Overath sagt jedoch: "Wir können nicht eine ökologische und gentechnikfreie Produktion vorschreiben, wenn wir nicht gleichzeitig die Ware auf unseren Märkten zu Fairtrade-Bedingungen absetzen können."Er weiß, wie man mit kleinen Mitteln startet und ein erfolgreiches Geschäft aufbaut. Er nennt sich selbst den "only surviving founding director" der Fairtrade-Siegel-Organisationen, im Januar ging er in sein 17. Dienstjahr als Geschäftsführer des deutschen Vereins Transfair, der die Ethik-Logos für den deutschen Handel vergibt und von den Lizenzgebühren der teilnehmenden Firmen lebt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: "So eine Form von Pausen macht Spaß und lockert unser Betriebsklima auf"Inzwischen arbeitet er mit einem ganzen Team von professionellen Marketing- und PR-Leuten, und die Erfolge verleihen ihm Autorität bei Gleichgesinnten in anderen Ländern. Er hilft in Workshops und Beratungen, das Geschäft auch in Spanien, Estland und Polen aufzubauen, er sitzt im Vorstand von Transfair International, dem Verbund der nationalen Organisationen.Er ist bei all dem kein naiver Weltverbesserer, sondern ein Mann des Marktes und der Zahlen: Sein erlernter Beruf ist Bürokaufmann, über den zweiten Bildungsweg schaffte er es zum Diplom-Betriebswirt mit Prädikatsexamen der Uni Köln, seine Schwerpunkte waren Marketing und Personal.Binnen 16 Jahren wurde etwa eine Milliarde Euro mit Fairtrade-Produkten in Deutschland umgesetzt, 1,8 Millionen Euro nahm Transfair 2007 an Lizenzgebühren ein - das reicht, um die 14 Angestellten der Kölner Geschäftsstelle zu bezahlen, die Kontrolle der lizenznehmenden Firmen zu gewährleisten und die internationale Produkterweiterung und Produzentenbetreuung aufzubauen.Das Klima in seinem Haus ist professionell und locker zugleich. Monatlich richten Teams kulturelle Themenabende aus, mal ein Oktoberfest im Dirndl, mal mit afrikanischer Küche und passenden Percussion-Klängen. Besonders ehrgeizig zeigt sich Geschäftsführer Overath am Kicker in der Küche, da greift er mit vollem Elan zu den Stangen. "So eine Form von Pausen macht Spaß und lockert unser Betriebsklima auf", sagt der Chef.Die Leute in seinem Haus schätzen diese Stimmung. Auch wenn sie vielleicht nicht so viel verdienen können, stehen sie hinter ihren Projekten. Inzwischen sind einige Mitspieler dabei, die Erfahrung bei großen Handelsmarken haben und heute mit ihren Gesprächspartnern aus der Wirtschaft eine Sprache sprechen.Eine solche Erfolgsgeschichte war 1991 kaum vorstellbar. Damals hatte der 37-Jährige einige attraktive Job-Angebote, darunter bei einem EU-Projekt und im Kulturmanagement, doch er spürte seinen Pioniergeist, wie er sich erinnert. Overath übernahm die Leitung einer neuen Initiative, die von Misereor, Brot für die Welt und der Friedrich-Ebert -Stiftung zunächst für ein Jahr finanziert wurde. Sie suchten jemanden, der wirtschaftlich denken konnte, zugleich aber in Themen der Entwicklung zu Hause war und der prüfen sollte, ob sich das bereits erprobte niederländische Konzept für fairen Kaffeehandel, Max Havelaar, auch am deutschen Markt etablieren ließe.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Es geht darum, die Botschaft greifbar zu machenEin wenig von dem Abenteuer schwingt noch heute mit, wenn er sagt: "Die Chance, so etwas ganz Neues zu schaffen, hat man im Leben nicht oft."Zu ihrem Debüt hieß die neue Organisation noch "Arbeitsgemeinschaft Kleinbauern-Kaffee", ein Name, der nicht unbedingt fetzt. Der Mief eines Volkshochschulprojekts gewissenhafter Lehrer im Ruhestand gefiel Overath nicht, und er wusste, dass es um eine attraktivere Vermarktung ging, vor allem weil der deutsche Markt schon damals von Sparsamkeit geprägt und deswegen nur schwer zu Mehrausgaben aus ethischen Gründen zu überreden war: Overath fand einen Kunstnamen und ein Logo, schuf eine Marke, die den Balance-Gedanken ausdrückt, "Transfair" war geboren."Gute Dinge scheitern meist an schlechtem Management, ich habe immer den Drang, Gutes auch gut zu organisieren", sagt Overath. Früh startete er seine Kooperation mit einer prominenten Wettbewerbs-Kanzlei, in der Gründungsphase verantwortet KPMG das Kontrollwesen.Wer heute bei Transfair arbeiten will, muss sich auskennen mit Marketing oder PR, denn der Erfolg hängt auch an der öffentlichen Präsenz. Im Juli 1992 gewann Overath den ersten Lizenznehmer für das Kaffeegeschäft mit gerösteten Bohnen aus Lateinamerika, im Zeitraum April bis Juni 1993 wurde eine Million Päckchen Kaffee mit dem Transfair -Logo verkauft.Bundespräsident von Weizsäcker lud die Macher ein. Heute hat Fairtrade-Kaffee einen Marktanteil von etwa einem Prozent - und weit mehr Einfluss. "Der Handel hat sich überzeugen lassen, dass die Herstellungsbedingungen ein wichtiger Faktor sind", resümiert Overath. "Ich glaube, wir haben daran stark mitgewirkt."Was Fairtrade eigentlich bedeutet, muss Overath immer wieder erläutern, nicht nur den Fabrikanten in Afrika, sondern auch Unternehmern und Konsumenten in Europa. Es geht darum, Aufmerksamkeit für die dramatischen Lebensbedingungen auf Plantagen zu schaffen, durch einen Aufpreis auf das Produkt an diesen etwas zu ändern. Es geht darum, diese Botschaft greifbar zu machen.Lesen Sie weiter auf Seite 5: "Betroffenheit alleine nützt nichts, wir müssen Alternativen anbieten"1995 beispielsweise rückte Overath mit jeder Menge Luftballons und einem Kaffeebauern aus Lateinamerika vor der Tchibo-Zentrale in Hamburg an, um den Bossen zu zeigen, dass es Zeit sei, an die Armen zu denken, von deren Arbeit sie profitierten. Die Polizei schritt ein, es kam zu einem Dialog über das Anliegen.Ein gutes Jahrzehnt später ist Tchibo Lizenznehmer - und überhaupt habe sich die Mentalität gewandelt, sagt Overath, Fairtrade-Produkte seien in ihrer Anmutung heute attraktiver für größere Schichten. Overath persönlich setzt sich gegenüber Saftherstellern und Schokoladenhändlern dafür ein, dass Packungen nicht weltanschauliche Klischees bedienen, sondern Käufer locken. Das Kalkül: "Menschen müssen im Supermarkt nichts Besonderes leisten, sondern ein attraktives Produkt auswählen - und tun so etwas Gutes." Doch ob das alles wirklich so gut ist?Als Transfair im vergangenen Jahr eine Kooperation mit Lidl verkündete, regte sich der Protest aus linken Lagern. In den Regalen des umstrittenen Discounters findet man heute diverse Produkte mit Fairtrade-Label, ein Deal von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung für den Verein und die Ethik-Produkte. Doch viele Weltbewegte sehen in dem Vertrag ein Feigenblatt, Transfair verhelfe den vermeintlichen Manchester-Kapitalisten aus Süddeutschland zu positivem Image.Overath, der sich selbst als "Zaungast der 68er" bezeichnet, weiß um den Widerspruch, doch er folgt seiner Linie: "Ich war nie hauptamtlicher Weltverbesserer", sagt er. "Betroffenheit alleine nützt nichts, wir müssen Alternativen anbieten." So knüpft er unablässig Kooperationen mit Engagierten in Firmen, Politik und Gesellschaft. Jetzt schenkt zum Beispiel Air Berlin fair gehandelten Kaffee aus - wieder ein Meilenstein, findet Overath.Die Geschäfte mit dem Gewissen gehen voran. Neben dem Flatscreen auf Overaths Büroschreibtisch liegt eine ausgedruckte Liste, gerade frisch von seinem Team zusammengestellt. Sie zeigt die Messeauftritte von Transfair im Jahr 2008. Auf allen großen Lebensmittel-, Mode- und Verbrauchermessen ist Overath präsent, in den ersten drei Wochen des Jahres war er auf drei Ausstellungen. "Es ist eine gewaltige Herausforderung, Kompetenz in all diesen Produktbereichen zu zeigen", sagt Overath. Doch er ist zuversichtlich, schließlich hat er, wie sein Lebenslauf zeigt, große Routine mit der Flexibilität.Lesen Sie weiter auf Seite 6: Zur Person Dieter OverathDieter Overath, 53, wurde in Köln geboren. Nach der Berufsausbildung als Bürokaufmann studierte er auf dem zweiten Bildungsweg Betriebswirtschaft mit Abschluss 1979 in seiner Heimatstadt. Nach dem Studium hielt sich Overath ein Jahr lang in Mittelamerika auf, half unter anderem in einer Alphabetisierungskampagne in Nicaragua und fungierte danach als Dozent im Spanischen Zentrum Köln.Er begründete 1984 eine Werkstattschule für arbeitslose Jugendliche mit und arbeitete dort auch sieben Jahre lang als Ausbilder. Als Transfair e.V. 1992 gegründet wurde, avancierte Overath zum ersten Geschäftsführer des Vereins. Overath engagiert sich darüber hinaus gesellschaftlich, ist seit 1979 Mitglied bei Amnesty International und saß von 1988 bis 1992 in dessen Bundesvorstand. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.03.2008