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Fahrplan durch Babylon

Werner Hacker
150 Veranstalter in Deutschland bieten Sprachreisen an. Von Business English auf Malta bis zum Kulturprogramm in Florenz ist für jeden etwas dabei. Doch nicht jeder Kurs hält, was er verspricht. Worauf Sie bei Auswahl und Buchung einer Sprachreise achten sollten.
Das Zimmer war kalt und feucht, es roch wie im Keller. Fünf Deutsche teilten sich die Wohnung - da fiel die Konversation in der Fremdsprache natürlich flach. Der Sprachlehrer, vom Reiseveranstalter als "versierter Pädagoge" angepriesen, entpuppte sich als arbeitsloser Elektroingenieur. Auf Lehrbücher oder Übungsblätter warteten die Schüler vergebens. Einzige Unterrichtshilfe war ein altersschwacher Kassettenrekorder, aus dem Volkslieder dudelten. Den Kursteilnehmern war's bald wurscht - ab der zweiten Woche schwänzten sie und machten Shopping im 30 Kilometer entfernten Manchester. Nach dem Unterricht hätten sie dazu keine Gelegenheit gehabt, denn der letzte Bus fuhr um fünf

Horrorgeschichten wie diese hörte Kai Damitz einige. Der Industriefachwirt aus Nürtingen wollte sein Englisch in Großbritannien auffrischen und erkundigte sich bei Freunden nach deren Erfahrungen mit Sprachreisen. Damitz schaute sich daraufhin die Prospekte der Veranstalter genauer an. Vieles missfiel ihm: schwammige Auskünfte über die Schule, kein richtiges Unterrichtsprogramm, die Unterbringung nur als "landestypisch" oder "familiär" beschrieben. Tummelplatz für schwarze Schafe

Rund 150 Anbieter von Sprachreisen tummeln sich im deutschsprachigen Raum, nur 50 von ihnen arbeiten professionell, wie der Fachverband Deutscher Sprachreise-Veranstalter (FDSV) festgestellt hat. Als Profis gelten Anbieter, die in das Reiseveranstaltungsregister eingetragen sind und eine Konkursausfallversicherung besitzen.

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Der Bedarf nach Orientierung ist groß im babylonischen Dschungel der Anbieter. 160.000 Teilnehmer pro Jahr buchen wie Damitz einen Sprachkurs im Ausland, um ihre berufliche Qualifikation zu verbessern. "Alles ist möglich", sagt Verbandschef Heiner Giese, "vom ferienbegleitenden Kurs für Schüler und Erwachsene über Kompaktangebote mit 20 Wochenstunden bis hin zum Crashkurs für Manager und fachbezogenen Sprachtraining für Ingenieure oder Juristen.

Nach intensiver Suche wurde auch Kai Damitz fündig. Der Veranstalter Treff-Sprachreisen in Reutlingen überzeugte den 32-Jährigen auf Anhieb: "Er hatte mir keine Kataloge auf Hochglanzpapier geschickt, sondern ging im Antwortschreiben direkt auf meine Wünsche und Vorstellungen, auch hinsichtlich der Unterbringung, ein.

Dafür war das Angebot auch das teuerste. 14 Tage "Intensive Business English" in Bournemouth mit 35 Wochenstunden für rund 1.500 Euro zuzüglich Flugticket. Das Geld war gut angelegt, findet Damitz: "Komfortables Einzelzimmer mit Schreibtisch, Dusche und WC bei einer sympathischen Familie, kurzer Fußweg zur Schule, erfahrene Lehrkräfte und lediglich drei bis vier Kursteilnehmer.

Nicht alle Sprachtouristen fahren so gut mit ihren Veranstaltern. Manche sehen sich nach verpatztem Auslandsaufenthalt vor Gericht wieder - so haben Sprachschüler bereits erfolgreich gegen die Deutsch-Nordamerikanische Gesellschaft, Berlin, geklagt. Einen zweifelhaften Ruf hat auch IQ-Reisen in Essen, vor denen die Verbraucherberater der Aktion Bildungsinformation (ABI), Stuttgart, warnen

Dennoch liegt die Reklamationsquote nach FDSV-Angaben nur bei 1,1 Prozent - verglichen mit der gesamten Reisebranche ein bescheidener Wert. Ein Grund: Die Veranstalter bemühen sich um mehr Qualität. Seit Juni 2001 arbeiten mehr als 15 Länder an einer europäischen Norm für Sprachreisen. Das Ziel ist, Standards für Kunden und Veranstalter festzulegen. Erst testen, dann zahlen

Noch aber sind nicht alle Normen umgesetzt. Gerade das Internet öffnet unseriösen Anbietern Tür und Tor. "Dort treten Vermittler auf, die lediglich für ausländische Schulen und nach deren Bedingungen tätig sind", warnt Barbara Engler von der ABI. "Solche Vermittler bieten weder Haftung für das Einlösen der versprochenen Leistungen noch Rechtssicherheit für den Kunden." Im Extremfall ist das Geld längst überwiesen, während der Sprachtourist im Ausland mit vollen Koffern das nicht existente Schulgebäude sucht.

Engler empfiehlt, vor der Buchung sorgfältig zu prüfen, ob es sich um einen voll haftenden Veranstalter handelt. "Und nicht gleich die Gesamtsumme im Voraus überweisen", rät sie. Üblich sind zehn Prozent Anzahlung auf den kompletten Rechnungsbetrag.

Seriöse Sprachreiseveranstalter klären ihre Kunden Punkt für Punkt über die Geschäftsbedingungen auf. Wer das Programm eines deutschen Veranstalters direkt oder über einen autorisierten Vermittler bucht, genießt den größtmöglichen gesetzlichen Schutz. Dafür lohnt es sich, auf einen kleinen Preisvorteil zu verzichten. "Für die oftmals billigere Direktbuchung bei ausländischen Schulen muss der Reisende eine wesentlich ungünstigere Rechtsposition in Kauf nehmen", sagt FDSV-Vorstandsmitglied Joachim Pitsch

Die Preisgestaltung von Sprachreisen hängt wie beim Autokauf vom Hersteller und der Ausstattung ab. Weiterbildungsfüchse fragen ihren Arbeitgeber im Vorfeld, ob er sich an den Kosten beteiligt. Überdies lassen sich Sprachreisen von der Steuer absetzen, wenn sie eindeutig beruflich veranlasst sind und keinerlei Freizeitcharakter haben. Da die Finanzämter in diesem Punkt pingelig sind, sollte vorab ein Steuerberater konsultiert werden. Kurswechsel muss drin sein

Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist schon vor Antritt der Reise möglich. So sollten Interessenten auf Einstufungstests bestehen. Gute Schulen bieten Kurse auf unterschiedlichen Niveaus an und gestatten auch einen späteren Wechsel des Kurses, falls sich der Teilnehmer über- oder unterfordert fühlt.

Neben der richtigen Einstufung sind die Unterrichtsbedingungen entscheidend. "Acht bis zehn Schüler pro Klasse wären wünschenswert", sagt Barbara Engler. "In den Klassen und bei der Unterbringung sollte gewährleistet sein, dass die Schüler aus verschiedenen Ländern kommen." Als Dozenten haben sich Muttersprachler mit Hochschulabschluss bewährt

Die Mitgliedschaft eines Veranstalters im FDSV - derzeit 21 Mitglieder - gilt als Indiz, dass gängige Qualitätsstandards eingehalten werden (siehe Checkliste). Was nicht heißt, dass Nicht-Mitglieder grundsätzlich unseriös sind. ABI-Beraterin Engler empfiehlt, sich mit der Buchungsbestätigung auch den so genannten Reisepreis-Sicherungsschein aushändigen zu lassen. Dieser Schein schützt vor finanziellen Nachteilen, etwa wenn ein Reiseveranstalter Konkurs anmeldet. "Zudem wird mit Abschluss der Versicherung, die übrigens für alle Veranstalter obligatorisch ist, die Bonität des Unternehmens überprüft.

Vorsicht auch bei Vertragsklauseln: Scheinbar harmlose Formulierungen wie "Die Reise findet statt vorbehaltlich genügender Beteiligung" haben es in sich. Der Kunde muss über den Zeitpunkt informiert werden, bis zu dem der Veranstalter von seinem Angebot zurücktreten kann; auch ist der Veranstalter verpflichtet, eine Mindest-Teilnehmerzahl zu nennen. Fehlen diese Angaben und fällt die Reise aus, bestehen gute Chancen auf Schadenersatz. Das Gericht hat's gerichtet

Was konkret herausspringt, wenn es hart auf hart kommt, weiß Tanja Müller. Ihre gebuchte Englischsprachreise war kurzfristig ausgefallen, weil sich angeblich zu wenige Teilnehmer gemeldet hatten. Das wollte die Diplom-Wirtschaftsingenieurin aus Berlin nicht so hinnehmen. Als der Veranstalter eine gütliche Regelung ablehnte, schaltete die 26-Jährige einen Rechtsanwalt ein und zog vor Gericht. Das rechtskräftige Urteil fiel zu ihren Gunsten aus - nun kann sie 3.000 Euro auf dem Pfändungsweg zurückholen. "Wann ich endlich mein Geld sehe, ist allerdings noch offen", sagt sie. Die verlorene Zeit kann ihr ohnehin keiner ersetzen: "Für den Englischkurs hatte ich extra vier Wochen Urlaub am Stück genommen.

Links:
Fachverband Deutscher Sprachreise-Veranstalter e.V.
Kolonnenstraße 26, 10829 Berlin, 030.78953640, fdsv@beaverbooks.de, www.fdsv.de

Aktion Bildungsinformation e.V. (ABI)
Alte Poststraße 5, 70173 Stuttgart, info@abi-ev.de, www.abi-ev.de

Sicher zum Sprachkurs

Prüfen Sie die Angaben des Veranstalters. Folgende Fragen sollten mit Ja beantwortet werden:
- Gehen aus Katalog, Prospekt oder den Internet-Seiten Angaben zum Unternehmen hervor? Zu den Basisinformationen gehören Anschrift, Telefonnummer, Name der Geschäftsführer, Nummer des Handelsregisterauszugs sowie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen.
- Enthält das Angebot eine detaillierte Leistungsbeschreibung? Checken Sie folgende Punkte: Kursdauer und Kursart, Einstufungstest, Teilnehmerzahl pro Klasse, Charakterisierung der Schule und des Dozententeams, Möglichkeit des Kurswechsels, Unterbringung, schulnahe Unterkunft und weitere Leistungen.
- Ist der Endpreis der Sprachreise angegeben?
- Ist eine Preiserhöhung kurz vor Reisebeginn ausgeschlossen?
- Falls Zusatzkosten anfallen: Sind diese konkret benannt (zum Beispiel für das Kultur- und Freizeitprogramm, für Prüfungen und Zertifikat)?
- Wird der Reisepreis-Sicherungsschein mit der Buchungsbestätigung vom Veranstalter an den Kunden ausgehändigt?
- Haftet der Veranstalter bei mangelnder Erfüllung des Sprachreisevertrags?
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2004