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Fachkräftemangel schadet Standort D

Die Fragen stellte Barbara Gillmann
Vor allem in der Elektronikbranche, auf dem Bau und bei den Ingenieuren gibt es einen erheblichen Mangel an Fachkräften. Die Siemens-Kraftwerkssparte zahlt bereits jedem Beschäftigten, der einen geeigneten Bewerber vermittelt, 3 000 Euro Prämie. Ex-BMW-Chef Joachim Milberg zeichnet ein dramatisches Bild ? und macht Vorschläge für eine Problemlösung.
Joachim Milberg. Foto: dpa
Handelsblatt: Herr Milberg, alle klagen über den Ingenieurmangel ? ist die Lage so dramatisch, wie es klingt? Bedroht sie den Standort?Joachim Milberg: Wir müssen davon ausgehen, dass derzeit schon 20 000 bis 40 000 Ingenieure fehlen. Und der Trend wird sich noch verstärken.

Die besten Jobs von allen

Aber ist das nicht eine simple Reaktion der jungen Leute darauf, dass es in den 90ern hieß, wir brauchen nicht soviel Ingenieure?Natürlich gibt es auch diesem Effekt. Deshalb muss man auch an die Wirtschaft appellieren, junge Absolventen kontinuierlich einzustellen, auch wenn die Auftragslage mal schlechter ist. Das gilt umso mehr, als sich angehende Studenten heute stärker nach den Jobaussichten richten, als früher. Entscheidend ist aber der langfristige Trend.Der nach unten zeigt..... Acatech wird in einem Projekt das Wahlverhalten der Studenten genauer unter die Lupe nehmen. Tatsache ist: 1996 hatten wir einen Peak bei den Absolventen der Ingenieur und Naturwissenschaften, danach ist ihre Zahl bis 2003 stetig zurück gegangen. Seither steigt sie wieder leicht ? bei den Naturwissenschaftlern, kaum bei den Ingenieuren, hier müssen wir zulegen. Zudem geht der Anteil der Ingenieure an den Absolventen insgesamt immer weiter zurück. Das ist umso besorgniserregender, als in Deutschland ohnehin viel weniger junge Menschen studieren als im Ausland und zudem der Anteil der Ingenieure an den Erwerbstätigen von 25-35 Jahren im internationalen Vergleich extrem niedrig ist. Seit 2005 steigt die Zahl der offenen Stellen wieder deutlich an. Und dann kommt noch die Demografie dazu.Das bedeutet? Wenn wir es nicht schaffen, diese Situation und diesen Trend mittelfristig zu ändern, haben wir nicht genügend kreative Menschen, um mit technischen Innovationen nachhaltiges Wachstum zu schaffen. Wenn auf der einen Seite die Herausforderungen hinsichtlich Qualität und Quantität im Bereich des technikwissenschaftlichen Nachwuchses größer werden, weil wir international nur mit High-Tech konkurrieren können, und auf der anderen Seite der beschriebene Trend anhält, wird die Schere immer größer.Wer muss nun was tun? Das ist auch ein gesellschaftliches Thema, auf das es sicher keine Patentantwort gibt. Aber es ist ein Kernanliegen Acatechs, dieses Bewusstsein zu schärfen und Lösungswege aufzuzeigen. Wir müssen uns als Gesellschaft darüber klar werden, dass es hier um unsere Lebensgrundlagen geht. Es geht hier auch nicht um Technikfeindlichkeit, sondern vielleicht eher um Desinteresse oder falsche Schwerpunkte. Die Menschen nutzen Technik, aber sie sind offensichtlich nicht ausreichend bereit, sie mitzugestalten. Und selbst Interesse allein reicht nicht, wir müssen sie zum Mitmachen gewinnen, klar machen, dass es das spannendste Thema und die größte Herausforderung überhaupt ist, die diese Gesellschaft hat. Wenn wir diesen mentalen Turnaround nicht schaffen, tun das andere für uns.Können wir nicht ausländische Ingenieure anheuern? China und Indien produzieren jährlich hunderttausende. Wenn wir die Lücke selbst nicht schließen können, müssen wir das tun. Dafür sind aber die Grenzen im Zuwanderungsgesetz für deren Mindesteinkommen zu hoch. Denn es geht hier um Nachwuchs, der noch nicht so viel verdient. Solange das so bleibt, besteht das Risiko, dass die Arbeit zu den Menschen geht.Also Unternehmen weit mehr als bisher Forschung und Entwicklung im Ausland betreiben ... Das könnte eine Konsequenz sein. Solche Verlagerung gibt es aus vielen Gründen, wegen der Marktnähe etc. Aber wenn wir die Ingenieurlücke, die sich da auftut, mittelfristig nicht schließen, kann das zu einem zusätzlichen Schub führen. Das wird ein mehrdimensionales Problem ? mit allen Folgen für Nachwuchssicherung, bis hin zu Steuereinnahmen.Die Wirtschaft könnte mehr Studenten direkt fördern... Im Bereich der Technikwissenschaften gibt es hier deutlich mehr gemeinsame Aktivitäten, als vielleicht bekannt ist - auch wenn sei bisher noch niemand systematisch erfasst sind. Wir müssen uns jedoch noch wesentlich mehr um die Lehre kümmern und dort vor allem die Anreizsysteme verbessern. Bisher kann man mit guter Lehre kaum große Reputation erwerben. Hier sehe ich auch noch ein großes Potenzial für die Kooperation von Hochschule und Industrie.Nutzen wir das Potenzial der Facharbeiter zu wenig, um diese in ein Ingenieurstudium hochzuziehen?Ich persönlich kann das aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Im Prinzip existiert die Durchlässigkeit.Aber der Anteil derer, die es von einer dualen Berufsausbildung in die Uni schaffen, ist minimal.Ja, aber die Frage ist doch, liegt das am System oder an der Einstellung? Es kann durchaus sein, dass wir mental diese Bereiche immer noch zu stark voneinander abgrenzen, und das führt dazu, dass viele diese Schranken nicht überwinden. Man muss also alle anhalten, ihre Chancen wahrzunehmen ? auch wenn sie ihre Begabungen und Potenziale erst später erkennen. Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Das hätte sicher Charme.?Diskutiert wird derzeit heftig darüber, wie Wirtschaft und Wissenschaft enger kooperieren können.Dazu gibt es eine neue Studie des Stifterverbandes, die Acatech voll unterstützt. In den Technikwissenschaften existiert traditionell eine relativ gute Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Das hängt auch damit zusammen, dass die meisten Hochschullehrer in diesen Bereichen aus der Praxis berufen werden. Zur Verstärkung der Kooperation müssten aber viel mehr Menschen öfter wechseln und nicht nur einmal. Ein Problem sind die unterschiedlichen Systeme. Es gibt neben formalen auch mentale Hürden - und zwar auf beiden Seiten. Nicht nur Hochschullehrer, sondern auch PersonenLeute aus der Wirtschaft müssen um ihre Stelle fürchten wenn sie für fünf bis sechs Jahre - und nur solche Zeiträume machen Sinn - die Seite wechseln.Mentalitäten ändern sich langsam - wäre es hilfreich, die Hürde Beamtenrecht abzuschaffen, wie das Finanzminister Steinbrück vorgeschlagen hat?Das hätte sicher Charme. Dann müsste man aber den Arbeitsplatz Hochschule als gesamtes System dem Wettbewerb aussetzen ? und das kann für Fächer wie Ingenieur- und Naturwissenschaften teuer werden. Wenn Professoren nur noch etwa für fünf Jahre angestellt werden, wird der Wettbewerb mit der Wirtschaft sowohl bei den Arbeitsmöglichkeiten als auch beim Einkommen noch schärfer als er es heute schon ist. Außerdem müssen das Thema Nebentätigkeit neu geordnet werden; in wie weit darf ein Professor sein Salär z.B. durch Industrieaufträge oder Beteiligungen an Firmengründungen aufbessern?Die Wissenschaft leidet an der Trennung zwischen Hochschulen hier und Forschungseinrichtungen wie Max-Planck-Gesellschaft dort. .. Auch hier gibt es gute Ansätze, die Vernetzung zu verbessern, vor allem die Exzellenzinitiative. Unterm Strich sind die Universitäten jedoch nach wie vor die Verlierer, weil sie finanziell viel schlechter gestellt sind als die Forschungseinrichtungen. Hier hilft die Exzellenzinitiative den Besten. Aber Spitze geht nur mit Breite. Nötig ist deshalb auch eine ausreichende Basisfinanzierung durch die Länder - und die ist zur Zeit nicht ausreichend. Das zeigt ein simples Beispiel: Die TU München, eine unserer ersten drei Elite-Unis, hat für gut 20 000 Studenten ein Budget von 340 Mill. Euro. Die renommierte ETH Zürich hingegen hat jährlich fast 866 Mill. Euro zur Verfügung und nur knapp 13 000 Studenten. Und das ist nur ein europäischer Vergleich. Deutschland will die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis 2010 auf drei Prozent des BIP steigern - und so fit werden für die Zukunft. Ist das zu schaffen? Daran habe ich erhebliche Zweifel. Alle Spieler ? die Wirtschaft und der Staat ? sind derzeit weit davon entfernt.Das heißt nicht, dass das Ziel nicht richtig ist.Die absolute Lücke beträgt projiziert auf das Jahr 2005 rund zehn Milliarden Euro pro Jahr. Geht man davon aus, dass ein Drittel der Staat übernimmt, hat der Bund mit seinem 6-Mrd.-Programm die Hälfte des Staatsanteils beigetragen ? den Rest müssten dann die Länder liefern. Das ist aber noch nicht erkennbar. Die Wirtschaft müsste rund 15 Prozent mehr für F+E ausgeben - auch das sehe ich so bisher nicht.Wie kann man den Anreiz für die Unternehmen erhöhen?Im Grundsatz müssen wir alle stärker auf langfristige, nachhaltige Wertsteigerungen setzen und dafür u.U. auch bereit sein, den kurzfristigen Gewinn bzw. Konsum zu begrenzen. Bei der direkten Forschungsförderung weist das Exzellenzprogramm und die Hightech-Strategie des Bundes in die richtige Richtung. Massiven Handlungsbedarf gibt es für die Gründerszene - auch wenn der High-Tech-Gründerfonds ein gutes Signal ist. Hier wären steuerliche Hilfen für Start-ups - nach dem Vorbild Frankreichs - unter dem Gesichtspunkt der langfristigen Wertsteigerung durchaus sinnvoll. Anfänglichen Steuerverluste würden sich langfristig auszahlen. Daneben sollte man die Bedingungen für die Geldgeber solcher Existenzgründer verbessern. Schließlich wäre es gut, wenn der Staat innovative Technologien als Erstanwender und Beschaffer neuer Produkte viel stärker unterstützt. Das ist vor allem bei komplexen, teuren Technologien entscheidend ? z.B. beim Transrapid.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.05.2007