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Extrem ehrgeizig, extrem diszipliniert

Von R. Landgraf, M. Maisch
Alexander Dibelius hat es geschafft: Er wird Alleinchef der Investmentbank Goldman Sachs in Deutschland. Der Mann polarisiert. ?Entweder man hält ihn für den besten Typen, den man je kennen gelernt hat, oder man lehnt in komplett ab?, sagt ein ehemaliger Weggefährte.
FRANKFURT/M. Ab dem 1. Januar wird Dibelius alleine die Verantwortung tragen, sein Kollege Moore kehrt in die USA zurück. Dann ist einer der charismatischsten und erfolgreichsten deutschen Investmentbanker endgültig dort angekommen, wo er immer hin will: ganz vorne.Extrem ist das Wort, das am häufigsten fällt, wenn Kollegen und Konkurrenten den Banker beschreiben. Extrem ehrgeizig, extrem erfolgreich, extrem diszipliniert, extrem aggressiv. ?So tritt er auch bei Kunden auf?, erzählt ein Wettbewerber. Dibelius sei ein schlechter Verlierer, der lieber zweimal Erster und zweimal Letzter werde als viermal Zweiter. ?Aber das Ergebnis gibt ihm oft Recht.?

Die besten Jobs von allen

Dibelius liebt rasante Autos, und so lebt der Banker, der bereits zwei Karrieren hinter sich hat, auch. Nachdem er das Studium der Medizin und der Betriebswirtschaftslehre in München im Schnelldurchgang hinter sich gebracht hat, arbeitet er als Herzchirurg in der Freiburger Universitätsklinik. Doch die Ausbildung zum Facharzt bricht er ab und steigt bei der Unternehmensberatung McKinsey ein und bringt es in nicht einmal fünf Jahren zum Partner. Gefördert vom damaligen Chef Herbert Henzler, einem der mächtigsten Strippenzieher der heimischen Wirtschaft. 1993 folgt der Wechsel zu Goldman Sachs, schnell steigt er zum Spezialisten für heikle Fusionen und Übernahmen auf.Inzwischen zählt das ?Manager Magazin? Dibelius zu den 50 mächtigsten Männern der deutschen Wirtschaft. Lang und prominent ist die Liste seiner Klienten: EADS, Beiersdorf, Rheinmetall, Bayer, Henkel und immer wieder Daimler-Chrysler. ?Dibelius ist der beste Investmentbanker, den ich kenne?, sagt Eckhard Cordes, Vorstand des Stuttgarter Konzerns, der bei vielen Deals mit dem Banker zusammengearbeitet hat. Er sei immer zu 100 Prozent verfügbar, verlässlich und verfüge über einen scharfen Intellekt.Auch sein Meisterstück hat Dibelius im Auftrag von Daimler vollbracht ? bei der Fusion mit dem US-Konkurrenten Chrysler. Als der noch immer größte transatlantische Unternehmenszusammenschluss heimlich, still und leise hinter den Kulissen eingefädelt wurde, spielte Dibelius als Berater eine der Hauptrollen. Noch heute pflegen er und Konzern-Chef Jürgen Schrempp eine sehr enge Arbeitsbeziehung.Aber auch bei der weltweit größten feindlichen Übernahme war Dibelius mit dabei. Er leitete das deutsche Team, als es darum ging, im Auftrag des britischen Telekomkonzerns Vodafone den Widerstand des deutschen Konkurrenten Mannesmann zu brechen.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Dibelius, seit einigen Jahren verheiratet, lebt für seinen Job, das zeigt ein Blick in sein Büro, das manchmal auch zum Schlafzimmer wird. Zwischen den Regalen mit Akten hängen seine Anzüge und Krawatten, in den Schubladen seines Schreibtisches finden sich Hemden, Socken und Unterwäsche und am Boden stehen die Schuhe. Seine Mitarbeiter klingelt der strikte Antialkoholiker auch mal um drei Uhr nachts aus dem Bett. Ein Ex-Kollege beschreibt ihn mit einem Wort: ?Deal-Junkie?. Doch Daimler-Vorstand Cordes hat in den vergangenen Jahren eine Veränderung festgestellt: Aus dem einsamen Wolf, der jedem Auftrag hinterherjage, sei ein Teamspieler geworden, der auch integrieren könne. Ein Wegbegleiter bestätigt: ?Seit Mannesmann-Vodafone ist er viel gelassener geworden.?Dibelius selbst sind auch kritische Worte über seine Branche zu entlocken, über den ruinösen Wettbewerb, die enormen Ablösesummen für begabte Banker und den falschen Glamour. Von den Mythen, die das Investment-Banking umranken, halte er wenig, sagt der Banker, der selbst zum Gegenstand so vieler Mythen geworden ist. Am Ende sei er nur der Dienstleister der Unternehmen.Bereits unter der Führung von Dibelius? und Moores Vorgängern Paul Achleitner und Timothy Plaut entwickelte sich Goldman Sachs zu einer der wichtigsten Investmentbanken am Finanzplatz Frankfurt, die nicht nur beim Aufbrechen der Deutschland AG, sondern auch bei wichtigen Privatisierungen wie dem Börsengang der Deutschen Telekom eine führende Rolle spielte.Intern sagt man dem neuen Chef einen sehr guten Draht zur mächtigen Goldman-Zentrale nach New York nach. Immerhin habe er die Selbstständigkeit der Frankfurter Niederlassung gegenüber den Kollegen in der Finanzmetropole London behauptet. Außerdem habe er es verstanden, im Krisenjahr 2002, als viele Investmentbanken massiv Personal abbauten, tiefe Einschnitte zu verhindern.An seine Karriere als Chirurg erinnert heute kaum noch etwas, doch zumindest einmal konnte er seine Doppelbegabung noch nutzen. Eines Tages erlitt John Thornton, der das Investment-Banking von Goldman in Europa und Asien aufgebaut hat, eine Platzwunde am Kopf. Gemeinsam mit Dibelius ging es ins Hospital. Aber dort hatten in der Notaufnahme erst einmal die ernsteren Fälle Priorität. Also ließ sich Dibelius Nadel und Faden geben und nähte die Wunde von Thornton selbst zusammen.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.12.2004