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Expat und hopp

Von Jörg Lichter und Katrin Terpitz
Seine Karriere als Expat hatte sich der Ingenieur ganz anders vorgestellt. ?Drei Jahre sollte ich in Osteuropa ein neues Werk aufbauen. Mein ganzes Herzblut habe ich da reingesteckt.? Nach zwei Jahren platzte das Projekt ? ohne das Verschulden von Michael Neuber*. Samt Familie wurde er abgezogen. Doch im Stammhaus des Dax-Konzerns hatte niemand mit seiner Rückkehr gerechnet.
Seine Karriere als Expat hatte sich der Ingenieur ganz anders vorgestellt. ?Drei Jahre sollte ich in Osteuropa ein neues Werk aufbauen. Mein ganzes Herzblut habe ich da reingesteckt.? Nach zwei Jahren platzte das Projekt ? ohne das Verschulden von Michael Neuber*. Samt Familie wurde er abgezogen. Doch im Stammhaus des Dax-Konzerns hatte niemand mit seiner Rückkehr gerechnet. ?Auf die Entsendung hat mich meine Firma mit diversen kostspieligen Trainings vorbereitet. Aber für Rückkehrer gibt es keinerlei Plan zum Wiedereingliedern?, ärgert sich der 41-Jährige.Die Folge: Der hoch bezahlte promovierte Ingenieur durfte ein geschlagenes halbes Jahr das Layout der firmeneigenen Hauspostille aufpeppen. ?Ich war total frustriert und fühlte mich aufs Abstellgleis geschoben. Zumal mir ein Leitungsposten in Aussicht gestellt worden war. Wär ich nicht so gut fürs Nichtstun bezahlt worden - ich hätte sofort gekündigt.?

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Michael Neuber ist kein Einzelfall. Die meisten deutschen Unternehmen überlassen ihre Expatriates ? auf Zeit ins Ausland entsandte Mitarbeiter ? nach der Rückkehr mehr oder minder sich selbst. ?Systematische Programme, die die Reintegration regeln und das Wissen der Expats nutzen, sind die Ausnahme?, bestätigt Kirsten Nazarkiewicz, Deutschland-Chefin des europäischen Expatriate-Dienstleisters Net Expat.Konkret: Nur 28 Prozent der Firmen in Deutschland, die Mitarbeiter ins Ausland schicken, kümmern sich systematisch ums Wiedereingliedern ihrer Expats. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage des Handelsblatts unter 900 großen und mittelständischen Unternehmen. 125 Firmen berichteten über ihre Entsendepraktiken. Zusammen haben sie fast 11 000 Mitarbeiter entsandt.Die Folge: ?Die Rückkehr der Expats ist immer häufiger ein Problem?, berichtet Barbara Bittmann, auf Entsendungen spezialisierte Arbeitsrechtlerin bei CMS Hasche Sigle in Düsseldorf. Hinzu kommt: ?Viele Firmen haben Stellen abgebaut. So gibt?s für Auslandsheimkehrer oft gar keine passende Position?, weiß Alain Verstandig, Chef von Net Expat mit Hauptsitz in Brüssel.Diese Erfahrung musste auch Jens Lau* machen. Nach drei erfolgreichen Jahren in China bot ihm der Dax-Konzern nur inakzeptable Posten an. ?Um meine Rückkehr musste ich regelrecht kämpfen?, so der 37-Jährige. Letztlich blieb er fast zwei Jahre länger ? bis er eine adäquate Stelle bekam.?Zwei bis drei Jahre im Ausland sind oft karrierefördernd, aber nichts Besonderes mehr ? und somit kein Freifahrschein für die Karriere?, betont Bittmann. Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young belegt dies. ?Für 36 Prozent der Expats brachte der Auslandsaufenthalt keinen Aufstieg?, berichtet Partner Mark Smith. ?Viele der Frustrierten kündigen. Und die Unternehmen verlieren Wissen und hohe Investitionen.? Einen Verlust von Know-how, den sich der Autokonzern Volkswagen mit 1 500 Expats weltweit nicht leisten will. Eine systematische Betreuung der Expats ein halbes Jahr vor der Abreise ist daher Standard. ?Rückkehrer erhalten einen Posten, auf dem sie ihr teuer erworbenes Wissen auch anwenden können?, heißt es bei VW.Doch die Wiedereingliederung von Expats beschränkt sich längst nicht auf eine angemessene Neu-Positionierung. ?Viele Rückkehrer müssen erst mal den Kulturschock rückwärts bewältigen?, erzählt Kirsten Nazarkiewicz von Net Expat. Roswita Feineis, Personalleiterin bei Zeppelin Baumaschinen in Garching betont: ?Das Problem der Reintegration wird stark unterschätzt. Durch die Entfremdung ist es für die Mitarbeiter teilweise unmöglich, wieder in den deutschen Arbeitsprozess zu finden.?Reinhold Peters, Leiter Internationale Personal-Services bei Degussa in Frankfurt, bestätigt: ?Für Rückkehrer ist es oft schwieriger, sich im Heimatland wieder zurechtzufinden als im Gastland, wo die Leidensgenossen der Expat-Community den Einstieg tatkräftig erleichtert haben. Das Leben auf der Überholspur hat die Expat-Familie und deren Lebenseinstellungen zudem stark verändert.? Dem beugt Degussa vor ? durch externe psychologische Betreuung der Familie im Ausland und Interviews nach der Rückkehr. Ein Leitfaden wird lange vor der Abreise verteilt. ?Für Rückkehrer und Partner planen wir zudem Seminare und einen Expat-Stammtisch,? berichtet Peters. Volkswagen erprobt Ähnliches.Die Entwurzelung hat Folgen: Wer zu lange im Ausland arbeitet, riskiert seine Karriere daheim. Dies gestehen die Unternehmen in der Handelsblatt-Umfrage offen ein. 39 Prozent der befragten Firmen meinen: Drei Jahre Auslandsaufenthalt am Stück sind das Maximum, um karrieremäßig nicht abgehängt zu werden. Dabei: ?Die Entsendung sollte ein karrierefördernder Schritt sein und kein karrierehemmender?, so Patrik Fischer, Sprecher der Deutschen Bank mit 800 Expats weltweit.Knapp fünf Prozent der Firmen sehen schon nach einem Jahr eine Gefahr für die Karriere. 28 Prozent betrachten fünf Jahre im Ausland als kritische Grenze. ?Danach fällt es sehr schwer, im Mutterhaus wieder Fuß zu fassen?, so die Erfahrung von Anwältin Bittmann. Sie empfiehlt deshalb: Immer engen Kontakt zum Stammhaus halten und die Berichtspflichten sehr ernst nehmen. Außerdem: ?Wer nicht vor Ort ist, braucht zu Hause einen starken Mentor. Immer öfter aber machen Rückkehrer die bittere Erfahrung, dass ihre Mentoren nicht mehr da und gute Stellen an die Daheimgebliebenen gegangen sind.? Wen schicken die Unternehmen ins Ausland? ?Immer Jüngere?, beobachtet Nazarkiewicz. Jede zweite Firma entsendet überwiegend Singles. ?Die kosten am wenigsten?, so Alain Verstandig. Es folgen Familien mit kleinen Kindern. Nur jeder zehnte Expat ist eine Frau. Ein Viertel der Firmen entsendet gar keine, andere bis zur Hälfte Frauen.Überhaupt ist das Thema Partner und Familie der Knackpunkt für Expats. Lehnen Mitarbeiter eine Entsendung ab ? dies geschieht bei 65 Prozent der Firmen gelegentlich ? dann zu 85 Prozent aus persönlichen Gründen. ?Der Mitarbeiter muss gemeinsam mit seiner Familie die große berufliche und persönliche Herausforderung annehmen. Kein finanzieller Anreiz kann die fehlende innere Motivation kompensieren?, meint Thomas Seidel, Leiter Internationale Entsendungen bei der Münchener Rück.?Dass die Familie zu Hause blieb, ist ein Hauptgrund für den Abbruch eines Auslandsjobs?, weiß Kirsten Nazarkiewicz. Jede zweite Firma hört als Ablehnungsmotiv: Mein Partner kann im Ausland keinen Job finden. ?Wird diese Klippe genommen, geht der Partner gerne mit,? so Alain Verstandig, der sich auf die Jobvermittlung für Expat-Partner spezialisiert hat. Sonst droht dieses Dilemma: ?Der Auslandspendler ist bald ausgebrannt und isoliert. Denn er gehört nicht richtig zum Gastland ? aber auch nicht mehr zu seiner Familie.?(* Namen geändert).
Dieser Artikel ist erschienen am 07.11.2005