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Ex-WestLB-Chef wegen Kredit-Desasters vor Gericht

Als ehemaliger Handball-Nationaltorwart muss Jürgen Sengera harte Attacken einstecken können. Von diesem Mittwoch an kommt es für den einstigen Spitzensportler und späteren WestLB-Chef knüppeldick: Wegen des Verdachts der schweren Untreue muss der 64-Jährige auf der Anklagebank im Saal L 111 des Düsseldorfer Landgerichts Platz nehmen.
Ex-WestLB-Chef Jürgen Sengera zieht mit Josef Ackermanns ehemaligen Verteidiger Eberhard Kempf ins Rennen. Foto: ap
HB DÜSSELDORF. Dem früheren Spitzenbanker drohen bis zu zehn Jahre Haft. Er soll für das größte Kredit-Desaster der staatseigenen Landesbank verantwortlich sein, die damals das fünftgrößte deutsche Geldhaus war.1,35 Mrd. Euro Kredit nickte Sengera für die auf den ersten Blick kurios anmutende Geschäftsidee ab, in großem Stil in Großbritannien Elektrogeräte wie Fernseher zu vermieten - obwohl nahezu jeder Engländer Ende der 90er Jahre ein eigenes TV-Gerät besaß. Wie Prüfer der Bankenaufsicht später festgestellt hatten, sei der Mega-Kredit ohne echte Risikokontrolle durchgewunken worden - der Schaden für die WestLB beläuft sich nach letzten Angaben auf 427 Mill. Euro. Die Bankenaufseher schalteten die Staatsanwaltschaft ein.

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Der entsprechend geharnischte Prüfbericht, der die Kompetenz Sengeras grundsätzlich in Zweifel zog, und weitere schwere Verluste beim Investment-Banking hatten Sengera schließlich aus dem Chefsessel katapultiert, den er vom ?roten? Staatsbanker Friedel Neuber übernommen hatte.Für das Geschäft war bei der Londoner WestLB-Tochter Principle Finance die schillernde Investment-Bankerin Robin Saunders zuständig. Die ausgebildete Tänzerin hatte das Strafverfahren gegen sich beenden können, indem sie eine Million Euro zahlte. Nun ist sie für den 28. Februar als Zeugin geladen. Auch eine ganze Riege damaliger WestLB- Vorstände muss in den Zeugenstand.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Vorwurf: schwere UntreueWeil der Westfale vorsätzlich die Sorgfaltspflichten eines Bankkaufmanns verletzt haben soll, werfen ihm die Ankläger schwere Untreue vor. Der Diplom-Volkswirt hatte, damals Vorstand für Spezialfinanzierungen, Saunders anscheinend blind vertraut. Um persönliche Bereicherung ging es jedenfalls nicht, davon sind auch die Ankläger überzeugt.Als Sengera den Deal 1999 absegnete, war noch der inzwischen gestorbene Neuber Chef des Bankhauses. 2001 beerbte Sengera den ?roten? Banker Neuber und stolperte 2003 über die vier Jahre alte Kreditvergabe. Am 23. Juni 2003 trat Sengera zurück. Die WestLB hatte in den Jahren 2002 und 2003 insgesamt rund 3,6 Mrd. Euro Verlust verbuchen müssen und war in eine bedrohliche Schieflage geraten.Sengeras Verteidiger Christian Richter und Eberhard Kempf werfen den Anklägern vor, aus einem wirtschaftlichen Misserfolg ?einen strafrechtlichen Vorgang zu konstruieren?. Der Vorstand habe dem Kredit einstimmig zugestimmt - deswegen sei es willkürlich, nur Sengera strafrechtlich zu verfolgen.Den Prozess leitet Richterin Brigitte Koppenhöfer, die am Landgericht auch den Mannesmann-Prozess geführt hatte. Sengeras Kollege, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, war damals von ihr freigesprochen worden. Wohl auch deshalb setzt Sengera auf Ackermanns damaligen Verteidiger Eberhard Kempf. Koppenhöfer hat bis zum 19. Juni 39 Verhandlungstage geplant. 61 Zeugen sollen gehört werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.01.2008