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Ex-Chef der NYSE droht Schadensersatzklage

Von Tobias Moerschen, Handelsblatt
Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer prüft, ob er Richard Grasso zur Rückzahlung eines Teils seines Gehalts zwingen kann. Die Suche nach einem neuem Chairman für die New Yorker Börse ist derweil noch in vollem Gange.
John Reed sucht noch nach seinem Nachfolger. Foto: dpa
NEW YORK. Unterdessen ist die Kandidatensuche nach einem dauerhaften Chairman für den weltgrößten Aktienmarkt offenbar noch nicht abgeschlossen. Diesen Eindruck vermittelte der Interimschef der NYSE, John Reed, in einem Gespräch mit der New York Times. Das Wall Street Journal hatte zuvor berichtet, dass Dennis Weatherstone, einst Leiter der Investmentbank JP Morgan, der Wunschkandidat der NYSE sei. Reed betonte jedoch, er favorisiere als Chairman (vergleichbar mit dem deutschen Aufsichtsratvorsitzenden) einen ehemaligen Manager aus Industriekreisen, ohne direkte Verbindung zur Wall Street.Reed, Ex-Chef des Finanzriesen Citigroup, übernahm die Ämter des Chief Executive Officer (CEO) und Chairman der NYSE nur übergangsweise. Ab Donnerstag nächster Woche tritt John Thain, bislang Vize-Chef der Investmentbank Goldman Sachs, als dauerhafter Nachfolger Grassos den Posten des NYSE-CEO an.

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Gegenüber der New York Times unterstrich Reed gestern, dass die Affäre um Grassos Gehalt das Ansehen des weltgrößten Aktienmarktes beschädigt habe. ?Wir sind fest der Ansicht, dass ein Schaden besteht?, sagte Reed. ?Jetzt stellt sich die Frage, was wir unternehmen: Sollen wir Herrn Grasso verklagen oder mit ihm verhandeln??, so Reed.Eine externe Analyse im Auftrag der NYSE kommt zu dem Schluss, dass Grasso in den Jahren 1999 bis 2003 ein überhöhtes Gehalt bezog. Reed deutete gegenüber der New York Times an, die NYSE könnte Grasso auffordern, 150 Mill. Dollar freiwillig zurückzuzahlen.Mögliche Schritte gegen Grasso diskutierte Reed auch mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt Spitzer. Er prüft laut der Agentur Bloomberg, ob er in den Konflikt eingreift. Spitzers Untersuchung gegen Investmentbanken wegen unsauberer Analysen endete mit einer Zahlung von insgesamt 1,4 Mrd. Dollar durch zehn Banken. Das Büro des Staatsanwaltes ist an der Aufsicht nicht kommerzieller Organisationen wie der NYSE beteiligt. Damals zeigte Spitzer ?eine Aggressivität und einen Schwung, die ihn zu einem guten Vertreter der Öffentlichkeit auch in diesem Fall machen?, sagte Harvey Goldschmid, Vorstandsmitglied der US-Börsenaufsicht SEC. Mit einer Klage, die Rückzahlung eines Teils der Vergütung beinhaltet, würde sich Spitzer erstmals in die Gehaltsdebatte einmischen.Der Skandal um die Bezüge des Ex-Börsenchefs begann im vergangenen Herbst. Damals strich Grasso eine einmalige Zahlung von knapp 140 Mill. Dollar ein. Die Summe enthielt Pensionsansprüche und angesparte Gehaltsbestandteile. Später verzichtete Grasso freiwillig auf weitere 48 Mill. Dollar, die ihm zustanden.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.01.2004