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Europa muss sich sputen

Die Fragen stellte Liane Borghardt
EU-Bildungsminister Jan Figel will ein vereintes Europa der Exzellenz schaffen. Mit karriere sprach er über die Fortschritte im Bologna-Prozess und deutsche Bockigkeit.
Herr Figel, haben Sie sich als Student grenzenloses Studieren gewünscht?
Sicher. Als ich zu Zeiten des Kommunismus studierte, war Bildung allerdings fest in der Hand des politischen Regimes. Wegen meines familiären Hintergrunds durfte ich auch nicht jedes Fach wählen. Aber Ingenieurwesen hat mir Spaß gemacht. Rückblickend empfinde ich daher kein Bedauern. Hintergrundwissen für mein heutiges Amt - internationale Beziehungen und europäische Integration - habe ich später, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, im Studium in Washington und Antwerpen nachgeholt

Bildung zu internationalisieren, ist offenbar schwer, wie der Bologna-Prozess zeigt: hastig umgetaufte Studiengänge, Willkür beim Vergleich von Studienleistungen. Müssten Sie da nicht eingreifen?
Natürlich ist bei einer Reform die Qualität entscheidend. Seit dem letzten Treffen der EU-Bildungsminister in Bergen arbeiten wir vor allem an der Qualitätssicherung. Trotzdem finde ich es wichtig, vom Bologna-"Prozess" zu sprechen, der Entwicklungsstufen hat und bis 2010 zu einem europäischen Hochschulraum führen soll. Mittlerweile haben sich dem 45 Länder verschrieben - auch Nicht-EU-Länder, etwa die Schweiz, wollen dabei sein. Und die Amerikaner verfolgen den Prozess in Europa mit Spannung.

Die besten Jobs von allen


Und wie soll die Qualitätssicherung funktionieren?
Alle Unterzeichner-Staaten werden nach und nach standardisierte Bewertungssysteme für Studiengänge einführen. Dabei spielt das "European Network of Quality Insurance Agencies" eine wichtige Rolle

Ärgert es Sie, dass sich manche deutsche Professoren und Berufsverbände immer noch gegen die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse sträuben?
Man kann nicht vom Glanz der Vergangenheit leben. Moderne Bildungssysteme kombinieren traditionell Bewährtes mit dem Potenzial der Internationalisierung. Egal, ob wir uns Pisa, OECD-Berichte oder andere internationale Vergleichsstudien ansehen - die Botschaft ist klar: Europa muss sich sputen. Deutschland profitiert wie alle anderen Staaten vom europäischen Verbund: Internationales Renommee erwerben Hochschulen über Austauschbeziehungen und Partnerschaften. Und ein europäisches Image verhilft einer Hochschule schließlich dazu, weltweit an der Spitze zu sein

Gerade das deutsche Bildungssystem bekam jüngst wieder schlechte Noten. Steht Deutschland im europäischen Vergleich wirklich so schlecht da?
Die europäische Kommission ist nicht dazu da, zu rügen und zu tadeln. Aber Deutschland ist eine Top-Wirtschaftsnation mit der höchsten Arbeitslosigkeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Fünf Millionen Arbeitslose sind für eine Gesellschaft eine Bürde, die sich nur über bessere Ausbildung reduzieren lässt. Experten gehen davon aus, dass im nächsten Jahrzehnt 80 Prozent der neu geschaffenen Jobs an Hochqualifizierte gehen. Das erfordert einerseits eine modernere, stärker interdisziplinäre, marktgerechte - und keine seit 20 Jahren veraltete - Ausbildung. Andererseits lebenslanges Lernen. Das ist kein Hobby, sondern nötig für alle!

Fürchten Sie, dass die deutsche Föderalismus-Reform zu noch mehr Kleinstaaterei in der Bildungspolitik führt?
Bei politischen Streitereien sollte keiner das Ziel aus den Augen verlieren: Entscheider in einem föderalen System müssen Synergien anstreben. Fragmentiert und gespalten sind wir verloren. Heute schon und im wachsenden globalen Wettbewerb erst recht. Gemeinsam sind wir stärker, einflussreicher, attraktiver. Das gilt für Deutschland wie für Europa

Wollen Sie dieses Zeichen auch mit Gründung eines "European Institute of Technology" setzen, das Sie angeregt haben?
Sicher hat so ein Elite-Forschungsinstitut Symbolcharakter in Zeiten, in denen Europa mit USA oder Indien im Wettbewerb steht. Aber wichtiger als Symbole ist die Realität. Und die sieht so aus, dass wir in Europa zwar gute Forschungszentren und gute Universitäten haben. Aber zwischen Forschung und Wirtschaft klafft eine immer größere Lücke. Also brauchen wir eine Institution, mit der wir bestehende Ressourcen bündeln, neue dazu geben, und vor allem Unternehmen mit einladen können, gemeinsam auf europäische Exzellenz hinzuarbeiten

Sanft im Ton, hart in der Sache: EU-Bildungsminister Jan Figel, 46, Ingenieur und vierfacher Familienvater, ist seit dem Beitritt seines Heimatlandes Slowakei im Jahr 2004 Mitglied der Europäischen Kommission.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.08.2006