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Etappenziel Europa-Liga

Christoph Mohr
HEC ist die beste Elite-Wirtschaftshochschule Frankreichs. Nun will die Grande École auch in die erste Riege der europäischen Business Schools vorstoßen. Eine Inspektion vor Ort.
HEC ist die beste Elite-Wirtschaftshochschule Frankreichs. Nun will die Grande École auch in die erste Riege der europäischen Business Schools vorstoßen. Eine Inspektion vor Ort.

HEC Paris. Das klingt nach Eiffelturm, und tatsächlich schmückt der stählern-schöne Hingucker auch die Broschüre der führenden französischen Business School. Aber Paris, geografisch nur 25 Kilometer entfernt, ist weit weg. Die Grande Ecole liegt nicht in der Hauptstadt der Kultur, sondern in Jouy-en-Josas, irgendwo in der Landschaft, und im Nahverkehr nur mit mehrmaligem Umsteigen zu erreichen. Der Taxifahrer verfährt sich und landet fast in einem Feldweg, der Tachometer steht bei 50 Euro

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Das Plateau de Saclay, südwestlich von Paris, auf dem HEC errichtet ist, sollte in den 60er Jahren einmal eine blühende Forschungs- und Wissenschaftslandschaft werden. Der Plan, ausgeheckt von der französischen Ministerialbürokratie, war nur mäßig erfolgreich; ein Silicon Valley ist es nicht geworden

"Am einfachsten ist es, Sie orientieren sich am Holiday Inn", sagt die Telefonistin am Empfang. Das 160-Zimmer-Hotel am Eingang des riesigen Campus-Geländes zeigt nicht nur die Richtung, sondern auch: So leicht kommt man hier nicht weg. Aber immerhin: Wenn ein Hotel von einer Wirtschaftshochschule leben kann, dann muss der Laden wohl laufen. Einmal angekommen, geht die Sucherei gleich weiter, denn die Groupe HEC ist eine der größten Campus-Universitäten Europas. Vorlesungs- und Seminarräume, Verwaltung, Mensa, VIP-Restaurant, Bibliothek, Studenten- und Dozentenwohnheime sind über ein riesiges Areal von 100 Hektar verstreut. Praktisch alle Studenten wohnen auf dem Campus, 1.400 Zimmer und 50 Apartments für Ehepaare stehen zur Verfügung. Mehr noch: HEC verfügt über einen eigenen Neun-Loch-Golfplatz, See und Wälder, Fußballplatz und Rugbyfeld, Tennisplätze, ein Martial-Arts-Center... Überhaupt Sport: Einmal im Jahr organisieren HEC-Studenten das European MBA-Tournament, mit 1.500 teilnehmenden MBA-Studenten das größte Sport-Event seiner Art in Europa

Wenn die 1964 von Charles de Gaulle eröffnete Universität hier und da auch etwas Patina angesetzt hat, ist doch klar: HEC ist für französische Verhältnisse sehr gut ausgestattet; hier soll eine angehende Elite gepampert werden

Die weit verstreuten Gebäude deuten bereits an, dass unter dem Dach-Label HEC Verschiedenes versammelt ist: die Elitehochschule (Grande École), 1881 von der Pariser Industrie- und Handelskammer begründet, ist mit ihrem grundständigen Wirtschaftsstudium und diversen MBA-Angeboten nicht zuletzt eine Fortbildungseinrichtung für mehrere Tausend Manager im Jahr. Doch nicht jedes Angebot ist für Deutsche gleichermaßen sinnvoll.

Als Ergänzung optimal: HEC Grande École

Seit Jahren unbestritten ist der Ruf der École des Hautes Études Commerciales als beste Wirtschaftshochschule Frankreichs; allenfalls Essec in Cergy-Pontoise bei Paris macht ihr noch Konkurrenz. Sie gehört zum Kreis der wenigen, hochselektiven französischen Elitehochschulen wie Sciences Po (IEP Paris), Ena oder Polytechnique, deren Absolventen die Führungspositionen in Frankreich, egal ob in Wirtschaft oder Politik, unter sich ausmachen.

3.000 Kandidaten bewerben sich alljährlich um die Aufnahme an HEC, 380 werden genommen; die meisten Franzosen haben dafür bereits zwei Jahre Vorbereitung (Prépa) hinter sich. Deutsche können mit einem Zwischendiplom in die letzten beiden Jahre des dreijährigen HEC-Studiums einsteigen

Für Franzosen eine Top-Adresse. Doch was bringt ein HEC-Abschluss für Deutsche - so angesehen das Diplom in Frankreich sein mag? Ein Auslandssemester an HEC lohnt sich allemal. Interessant ist die Option über das Cems-Programm (siehe Junge Karriere 1/2000) oder das neue Cems-Master-Programm, wofür man allerdings Student an der Uni Köln sein muss.

Für Internationalisten: HEC MBA

Das für Deutsche wohl interessanteste HEC-Angebot ist das 16-monatige MBA-Programm. Der Nachteil der HEC (zu französisch) kehrt sich hier zum Vorteil: Frankreich plus Internationalität. In keinem Bereich hat sich die französische Eliteschule so internationalisiert wie hier. Nicht ganz ohne äußeren Zwang: "Wir waren die Nummer eins in Frankreich", bekennt HEC-Chef Bernard Ramanantsoa, "dann fegte die Globalisierung über uns hinweg." Für den Strategieprofessor war klar: Sollte HEC nicht ein französisches Kuriosum werden, musste er internationalisieren. Und er brauchte ein Eins-A-MBA-Programm

Fast die Häfte der neuen Dozenten, die Ramanantsoa in den letzten fünf Jahren rekrutiert hat, sind Nicht-Franzosen. Drei Viertel der MBA-Teilnehmer sind Ausländer. Mit 38 Partneruniversitäten gibt es Austauschprogramme. Den Anspruch, international mitzuspielen, unterstreichen auch die Gütesiegel: Der HEC-MBA ist von allen wichtigen Akkreditierungsorganisationen anerkannt

"Mein Ziel ist es", sagt die neue MBA-Chefin Valérie Gauthier, Psychologin mit Promotion in Literaturwissenschaft, "dass HEC in den nächsten fünf Jahren zu den drei besten MBA-Programmen in Europa zählt." Da liegt noch ein gutes Stück Weg vor ihr: Im MBA-Ranking der Financial Times, auf das alle in Europa schauen, liegt die HEC in Europa lediglich auf Platz 13, weltweit sogar nur auf Platz 67

"Wir sind genauso gut wie Insead, aber die Schule vermarktet sich nicht genug", meint hingegen Kai Schumacher. Der HEC-MBA, findet der Student, sei "ein under-valued stock". Sonst zeigen sich die deutschen Teilnehmer mit dem Programm sehr zufrieden. "Im Vergleich zu den USA," sagt Regina Paetel, die in Amerika medizinische Mathematik studiert hat, "ist es hier viel teamorientierter." Für den Juristen David Meinertz, der zuletzt zweieinhalb Jahre in einer Private-Equity-Firma in München engagiert war, sticht vor allem "das Commitment" der Dozenten heraus: "Die sind jederzeit ansprechbar und wollen den Leuten wirklich etwas beibringen." Bei 30.000 Euro Programmkosten plus 20.000 Euro für Unterbringung, Verpflegung und Sonstiges kann man das auch erwarten.

Den großen Marktvorteil von HEC im Vergleich zu anderen MBA-Programmen in Europa sehen alle in der Zweisprachigkeit: Der HEC-MBA kann sowohl auf Englisch, als auch bilingual auf Englisch und Französisch gemacht werden. Einziges Manko: "Man braucht ein Auto", sagt Ex-Bayer-Mitarbeiterin Stephanie Kroesche. "Aber dann bilden sich auch so viele Fahrgemeinschaften, dass am Wochenende der Campus leer ist, weil alle nach Paris fahren."

Top, aber teuer: Trium-MBA

HEC's High-End-Produkt ist der so genannte Trium-MBA, den HEC zusammen mit der Stern School of Business der New York University und der London School of Economics (LSE) durchführt. Ein Programm, fünf Städte. Neben Paris, London und New York jetten die Teilnehmer während dieses Teilzeit-MBAs auch noch nach São Paulo und Hongkong.

Jede Schule bietet das, worin sie am stärksten ist: Die LSE hat die politische Ökonomie übernommen, Stern den Finance-Block und HEC den Strategie-Part. Während der 16 Monate sind zehn Wochen Präsenz nötig, verteilt auf ein- bis zweiwöchige Module; hinzu kommen mindestens 300 Stunden E-Learning. Doch der smarte Lehrplan täuscht: "Das Trium-Programm nimmt deutlich mehr Zeit in Anspruch als befürchtet", bekennt Maik Kuehnoff, Medizin-Berater für Siemens Health Services in Großbritannien.

Ob sich solche sündhaft teuren Jet-Set-MBA-Programme (92.000 Euro ohne Flüge) am Markt durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. HEC-Dean Ramanantsoa jedenfalls sieht sein Produkt im High-End-Markt gut platziert: Im Vergleich zur Konkurrenz von OneMBA oder Duke Cross- Continental sei Trium der erste wirklich integrierte globale Executive-Education-MBA für Top-Manager

Nur für Frankophile: HEC executive education

Durch die Fusion mit dem Centre de Perfectionnement aux Affaires (CPA) hat HEC seit neuestem auch einen klassischen Teilzeit-Executive-MBA im Programm. Das 1920 begründete CPA, im Hauptsitz der Industrie- und Handelskammer in Paris beheimatet, ist die traditionelle Fortbildungsinstitution für ambitionierte "cadres supérieurs" in Frankreich. Führungskräfte unterrichten hier Führungskräfte - ebenso wie in den Außenstellen Lyon, Lille, Toulouse und Nizza. CPA-Chef Jean-Marc De Leersnyder gibt allerdings zu, dass sein Programm bislang eine sehr französische Angelegenheit sei. "Mein Ziel ist es nun, mehr Nicht-Franzosen für das Programm zu interessieren." Zurzeit fragt man sich allerdings, ob HEC-CPA nicht mehr von den Ausländern profitiert als diese von dem Programm. Für Deutsche derzeit wohl nur etwas, wenn sie in französischen Unternehmen tätig sind oder sein wollen

International auch noch nicht durchsetzen konnten sich die HEC-Spezialisierungsprogramme. HEC bietet hier elf Vollzeit- und sechs Teilzeit-Masterprogramme mit insgesamt 800 Studenten an, doch nur zehn Prozent davon sind Ausländer.

Auch das gemeinsame Programm "Consulting and Coaching for Chance", das HEC zusammen mit Insead für so genannte "change leaders" in Unternehmen anbietet, ist nur mäßig erfolgreich, was auch daran liegen mag, dass die Mode des Change Managements schon wieder Vergangenheit ist

Fazit: Wer seine berufliche Zukunft in Frankreich, beispielsweise in einem französischen Unternehmen wie L'Oréal, oder im Kontakt mit dem französischen Markt sieht, für den ist HEC derzeit wohl die beste Option.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2003