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Esser gewinnt Kampf um seine Ehre

Von Katharina Slodczyk
Das Düsseldorfer Oberlandesgericht hat dem ehemaligen Mannesmann-Chef Schadensersatz zugesprochen. Das Land Nordrhein-Westfalen muss ihm 10 000 Euro zahlen. ?Dies war ein erfreulicher Tag?, erklärt darauf Esser und unterstreicht dies mit einem breiten Lächeln.
Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser. Foto: dpa
HB DÜSSELDORF. Daher ist es für seine Verhältnisse fast ein Gefühlsausbruch gewesen, als Klaus Esser gestern nach der Urteilsverkündung am Düsseldorfer Oberlandesgericht sagte: ?Dies war ein erfreulicher Tag.? Auf die Nachfrage von Journalisten, ob er nun wirklich zufrieden sei, ergänzte er: ?Natürlich.? Und unterstrich dies mit einem breiten Lächeln.Zuvor hatte Richter Rudolf Schüßler sein Urteil im Zivilverfahren Esser gegen das Land Nordrhein-Westfalen gesprochen: Das Land muss 10 000 Euro Schmerzensgeld an den ehemaligen Mannesmann-Chef zahlen. Denn die Staatsanwaltschaft habe während der Ermittlungen in der Mannesmann-Affäre die Persönlichkeitsrechte Essers verletzt: Details aus den Ermittlungen seien an die Presse weitergegeben worden, bevor der Betroffene davon erfuhr. Die Staatsanwaltschaft habe Esser gar der ?Käuflichkeit? bezichtigt, obwohl Indizien dafür mehr als vage gewesen seien.

Die besten Jobs von allen

Das Oberlandesgericht hat damit ein Urteil des Landgerichts vom Frühjahr 2003 bestätigt ? und Esser auf diesem Wege eine weitere Schlacht gewonnen: den Kampf um seine volle Rehabilitierung.Seine Welt ist nach dieser Entscheidung wieder in Ordnung ? was auf den ersten Blick nicht so einfach zu verstehen ist. Schließlich wies das Oberlandesgericht seine Forderung nach einem Schadensersatz von 200 000 Euro zurück. Aber darum ging es Esser gar nicht. Er wollte nur, dass ein Richter mal klar und deutlich feststellt, die Staatsanwaltschaft habe Fehler gemacht, sie sei teilweise viel zu weit gegangen.Esser sieht die Welt differenzierter, spitzfindig und kompliziert sagen einige, und das gilt auch für das vorausgegangene Urteil im wohl spektakulärsten Strafprozess der deutschen Wirtschaftsgeschichte.Da entschied das Düsseldorfer Landgericht, dass einige ehemalige Mannesmann-Aufsichtsräte mit der Vergabe von Prämien und Abfindungen zwar gegen das Aktienrecht verstießen, sich aber nicht wegen Untreue strafbar machten. In Essers Betrachtungsweise bedeutet das: Wo keine Untreue vorliegt, kann er nicht ? wie die Staatsanwaltschaft behauptete ? Beihelfer gewesen sein. Und da er nicht selbst über die Prämien entschied, hat er auch nicht gegen das Aktienrecht verstoßen. Dieser Freispruch ist noch nicht rechtskräftig, eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes steht dazu aus.Lesen Sie weiter auf Seite 2: An Stammtischen ist Esser ein Symbol für ManagergierDeutschlands Stammtische haben schon lange vor dem Gericht ein ganz anderes Urteil über Esser gefällt: Er ist zum Symbol für Managergier geworden und andere Exzesse des Kapitalismus. Die ?Bild? hat ihn vor Jahren in einer Fotomontage rein präventiv vor eine Gefängniszelle gestellt, andere Medien haben ihn als Gangster in Nadelstreifen bezeichnet. Hat ihn das verletzt? ?Die machen nun mal ihren Job. In der Hinsicht bin ich gelassener geworden.?Kontrolliert und abgeklärt gibt er sich stets nach außen, redet vorzugsweise über Fakten ? der Mann ist durch und durch Kopfmensch, geht auf in strenger Logik und sauberer Analyse. Er ist Meister strukturierter, langer Sätze, die sich bei ihm irgendwie anhören wie die Ergebnisse mathematischer Gleichungen.?Das bessere Argument und die Wahrheit werden sich schon durchsetzen? ? das ist wohl immer sein Leitsatz gewesen. Er ist stolz darauf, als Finanzvorstand von Mannesmann ohne Seilschaften bis an die Spitze gekommen zu sein.Der nüchterne Zahlenmann Esser half entscheidend mit, den verstaubten Maschinenbauer zu verändern und eine Telekommunikationssparte zu formen. ?Esser hat sich nicht nur als Manager bewährt, sondern auch als Unternehmer?, erzählen alte Weggefährten: ?Der hatte Visionen, nicht nur Zahlen im Kopf.?Eine dieser Visionen feiert inzwischen Wiedergeburt: dass Telekommunikationsgesellschaften erfolgreicher sind, wenn sie Mobilfunk, Festnetz und Internetdienste aus einer Hand anbieten. Die Integration der börsennotierten Internetgesellschaft T-Online durch die Deutsche Telekom ist nur ein Beleg dafür, dass diese Sicht der Dinge wieder modern ist.Auch im Kampf gegen Vodafone vertraute Esser darauf, dass am Ende das bessere Konzept überzeugen würde. Er übersah die Fähigkeiten seines Gegenspielers Chris Gent. Der hatte ebenfalls gute Argumente, ein überzeugendes Konzept und obendrein die Fähigkeit, all das wirkungsvoll zu vermarkten.Gent heftete dem deutschen Manager das Image eines Schach spielenden Stubenhockers an, der ? und das stimmt ? Hölderlin und Rilke lese. Esser erklärt sein Scheitern natürlich differenzierter und sachlicher. ?Der Aktienmarkt für deutsche Unternehmen ist viel kleiner als der für britische Unternehmen. Bei sehr großen Unternehmen bedeutet das eine Präferenz großer Investoren für eine britische Übernahme.?Hinzu kam bei Gent: Er war kreativer bei der Wahl seiner Waffen und spielte nach Ansicht seiner Kritiker nicht immer nach den Regeln des Fairplay. Was Esser daraus gelernt habe? ?Ich bin ein bisschen vorsichtiger geworden durch die Erfahrungen der letzten Jahre im Umgang mit Menschen. Ich überlege wohl sorgfältiger, ob ich etwas für bare Münze nehmen kann.?Wenn Esser emotional wird, dann auf seine differenzierte und indirekte Art. So zitierte er im Schlusswort im Mannesmann-Prozess im Sommer 2004 einige Zeilen von Joseph von Eichendorff: ?Was ich wollte, liegt zerschlagen/Herr, ich lasse ja das Klagen/und das Herz ist still/nun aber gibt Kraft zu tragen/was ich nicht will.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Vita von Klaus EsserVita von Klaus Esser1947 wird er in Oberhausen geboren. Nach seinem Abitur studiert er Jura in Tübingen, Genf und München. Danach besucht er die Management-Schule am Massachusetts Institute of Technology (MIT).1977 kommt Esser zu Mannesmann nach Düsseldorf.1990 wird er Vorstandsmitglied der Mannesmann Demag, einer Tochtergesellschaft der Mannesmann AG.1994 wird er Finanzvorstand bei der Mannesmann AG und später stellvertretender Vorstandsvorsitzender.1999 übernimmt Esser den Vorstandsvorsitz, im Juni 2000 scheidet er aus.2001 wird Esser Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft General Atlantic Partners in Düsseldorf. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.04.2005