Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Es wird knapp

Von Axel Granzow und Christoph Moss
Jochen Rölfs kennt sich mit schwierigen Fällen aus. Aber Kritiker zweifeln, ob der Unternehmenschef die marode Bergbausparte von Heitkamp Deilmann Haniel noch retten kann. Ohne Aufträge der Deutschen Steinkohle (DSK), des einzigen Auftraggebers, gehen bei der HDH-Bergbautochter bald die Grubenlichter aus. Mit kurzfristigen Bestellungen sei kaum zu rechnen, hat DSK-Chef Bernd Tönjes bereits klar gemacht.
HB DORTMUND/DÜSSELDORF. Vor dem Werkstor von Deilmann Haniel in Dortmund-Kurl stehen die Kumpel im Regen. Bewaffnet mit Trillerpfeifen lassen sie kein Auto die Auffahrt passieren, die von weiß-roten Fähnchen der Gewerkschaft IG BCE eingerahmt wird.Drinnen, in einem schmucklosen Raum, steht ein kleiner kräftiger Mann mit ergrautem Vollbart vor den Journalisten: Jochen Rölfs. Von ihm wollen sie wissen, wie es in Dortmund-Kurl weitergeht. Der als Sanierer bestellte Chef des Bau- und Bergbaukonzerns Heitkamp Deilmann Haniel (HDH) beantwortet am vergangenen Mittwoch alle Fragen.

Die besten Jobs von allen

Später kommen die Protestler mit Schutzhelm und vom Kohlenstaub geschwärzten Gesichtern in den Konferenzraum. Sie machen keinen Aufstand, sondern hören zu und fragen. ?Ich glaub dem Mann, wenn einer den Laden retten kann, dann er?, sagt einer der Bergleute über Rölfs.Doch auch der 57-jährige Steuerberater und Wirtschaftsprüfer aus Düsseldorf kann letztlich nicht mehr viel ausrichten. Ohne Aufträge der Deutschen Steinkohle (DSK), des einzigen Auftraggebers, gehen bei der HDH-Bergbautochter Deilmann Haniel bald die Grubenlichter aus. ?Ohne neue Aufträge enden wir Ende des Monats in der Insolvenzantragspflicht?, sagt Rölfs unverblümt. Mit kurzfristigen Bestellungen sei kaum zu rechnen, hat DSK-Chef Bernd Tönjes bereits klar gemacht. Nur noch die Politik könne Deilmann Haniel retten, sagt Rölfs. Doch die zieht sich aus dem Bergbau zurück. Das Aus für die Bergbausparte könnte den gesamten, fünftgrößten deutschen Baukonzern Heitkamp in die Tiefe reißen ? und Rölfs Sanierungsarbeit seit vergangenem Sommer zunichte machen.Rölfs Karriere begann nicht im Sanierungsgeschäft. Der ausgebildete Steuerberater und Wirtschaftsprüfer startete 1979 mit einer kleinen Steuerberatungspraxis in Erkrath bei Düsseldorf. Im Laufe der Jahre gelang es ihm, durch geschickte Fusionen zum Teil größerer Unternehmen zum Chef und Mitinhaber der heutigen Rölfs-Partner-Gruppe in Düsseldorf aufzusteigen. Die Gruppe gehört zu den größten unabhängigen Beratungs- und Prüfungsgesellschaften Deutschlands mit 450 Mitarbeitern und 60 Millionen Euro Umsatz.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Firmenchef kennt sich mit scheinbar schwierigen Fällen ausDer Firmenchef kennt sich mit scheinbar schwierigen Fällen aus. Vor einem Jahr sorgte er mit einem Sanierungsplan für den Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund für Aufsehen. Der börsennotierte Club stand vor der Pleite. Rölfs schaffte es, Gläubiger und Anteilseigner des Westfalenstadions (heute ?Signal-Iduna-Park?) zu besänftigen. Zweifelsohne beherrscht Rölfs das Spiel mit den Medien. Schonungslos weist er auf Fehler hin, die das Management des gescheiterten Unternehmens begangen hat. ?Der Ball muss ins Tor, sonst ist das Spiel verloren?, sagte er zur Situation beim BVB. Wo Rölfs auftaucht, ändert sich schlagartig der Kommunikationsstil. Plötzlich erfahren Journalisten, Mitarbeiter und Anteilseigner Dinge, die ihnen das Management jahrelang verschwiegen hatte. Auf diese Weise schafft der Mann, den Mitarbeiter als offen und uneitel beschreiben, Vertrauen und gewinnt Verbündete im Kampf gegen die Insolvenz.Auch als die Dortmunder Konsumgenossenschaft Coop Ende der neunziger Jahre in die Knie ging, verfuhr Rölfs nach diesem Muster. Damals verloren Tausende von Kleinanlegern ihr Geld, die in Anteile der Genossenschaft investiert hatten. ?Am Ende der Liquidation wird definitiv keine freie Vermögensmasse zur Verfügung stehen, um den Genossen ihre Einlagen zu vergüten.? Ende der Durchsage. Die Empörung war groß. Aber die Betroffenen unterschieden zwischen den Verantwortlichen für das Desaster und Rölfs, der den Karren aus dem Dreck zu ziehen hatte. Am Ende schaffte er es zumindest, die Totalpleite zu verhindern.Das ist auch sein Ziel bei Heitkamp. Denn die Herner Gruppe zählt insgesamt 6 500 Mitarbeiter, davon 1 500 in der vor dem Aus stehenden deutschen Bergbausparte. Engelbert Heitkamp, Hauptgesellschafter und Aufsichtsrat des Familienunternehmens, hatte Rölfs im Sommer 2005 als Sanierer geholt. Vom langjährigen HDH-Chef Gerhard Gördes trennte man sich. Rölfs will die ?weitgehend sanierte Bausparte? aus der Insolvenz heraushalten. Die Banken zögen mit, sagt der Sanierer.Doch Experten sind skeptisch: Sie rechnen damit, dass der Insolvenzverwalter eine Millionenforderung gegen den Restkonzern geltend macht, sollte der Bergbau Insolvenz anmelden. Es geht um Pensions- und Deputatgelder der Bergleute in Höhe von 110 Millionen Euro. Das Geld ist genutzt worden, um das Geschäft der Bausparte in der kriselnden Baubranche abzusichern ? lange bevor Rölfs zu Heitkamp kam.Außerdem macht Billigkonkurrenz Rölfs das Leben schwer. ?Gegen osteuropäische Billiganbieter sind wir chancenlos?, sagt er. So macht der einzige Kunde DSK heute sein Geschäft verstärkt mit Unternehmen aus Osteuropa. Die DSK kann so ihre Kosten deutlich senken.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Bergbau ist ein AuslaufgeschäftDer Bergbau ist außerdem ein Auslaufgeschäft: Zechen werden geschlossen, die Förderung wird zurückgefahren. Die Wahrheit klingt bitter: HDH hat diese Entwicklung offenbar verschlafen. Viele Gespräche über Kooperationen und Fusionen mit Konkurrenten blieben erfolglos. Rölfs ist als Sanierer der Bergbausparte zu spät gekommen.Doch er ist ein ?Fighter?. Er kämpft bis zum Schluss ? notfalls auch gegen Windmühlen. Er will nun vor Gericht feststellen lassen, dass die meisten der Beschäftigten von Deilmann-Haniel eigentlich Mitarbeiter der DSK sind. Die DSK müsste dann die Gehälter bezahlen. Rölfs hatte bereits gefordert, dass die RAG als Mutterkonzern der DSK die Sparte Deilmann Haniel in einer ?politischen Lösung? übernimmt. RAG lehnte dies ab. Die Klage bezeichnet der Konzern als abwegig.So wird Rölfs möglicherweise bald wieder die Presse nach Dortmund-Kurl einladen. Ob die Kumpel dann aber so friedlich bleiben werden wie vergangene Woche, ist zweifelhaft. Denn dann dürfte es vor allem um eines gehen: das Aus für die Bergbausparte.
Jochen Rölfs1948 Er wird am 22. Dezember in Wuppertal geboren. Später studiert er Betriebswirtschaft in Münster.1974 Er geht zur Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen in Düsseldorf.1979 Er startet als Steuerberater in Erkrath/Düsseldorf und gründet 1982 die Sozietät Rölfs Bühler & Partner.1997 Er fusioniert die Sozietät mit der Altenburg & Tewes AG und wird Vorstandsmitglied. 1999 steigt er zum Vorstandschef auf.2005 Die Rölfs WP Partner AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und die Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Allrevision fusionieren.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.03.2006