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Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Iradj El-Qalqili, Berliner mit palästinensischem Vater, absolviert ein MBA-Studium an der renommierten Wharton School der University of Pennsylvania in Philadelphia und berichtet über seine Erfahrungen.
Auf der Handelsblatt-Website www.karriere.de/mba berichtet er über seine Erfahrungen. Wir fragten ihn, ob an der Top-Business School wirklich alles Gold ist, was glänzt.Handelsblatt: Sie wollten eigentlich Latein- und Geschichtslehrer werden, dann hat Sie McKinsey vom Pfad der Tugend abgebracht. Was ist so spannend am Berater-Job?

Die besten Jobs von allen

Iradj El-Qalqili: Über Consulting-Unternehmen als solche kann ich nicht abschließend urteilen. Ich kenne nur McKinsey und Booz Allen Hamilton etwas besser. Spannend ist, dass man auch als relativ junger und unerfahrener Mensch oft mit wichtigen Fragen konfrontiert wird, die auch in die Realität umgesetzt werden.Sie haben trotz Ihres untypischen Studienprofils den Einstieg in die Consulting-Branche geschafft. Warum musste es jetzt noch ein MBA sein?McKinsey und Booz Allen Hamilton haben gesehen, da kommt einer, der ist mal in der Nationalmannschaft gerudert, hat gleichzeitig exotische Sachen mit guten Noten studiert und schreibt komische Bewerbungen. Inhalte und Prozesse wie professionelles Benehmen könnte man mir wohl beibringen, Selbstvertrauen, Arbeitseifer und gedankliche Beweglichkeit schienen ja da zu sein. Der MBA gibt mir jetzt die Möglichkeit, alles, was ich in den letzten Jahren gelernt habe, auf eine akademisch gesunde Grundlage zu stellen, zu vertiefen und mir ein Netzwerk zu bauen, das ich hoffentlich lange genießen werde.Wie sind Sie bei der Auswahl des MBA-Programms/der Schule vorgegangen?Recht einfach: Ich habe mir Rankings angeguckt und mit einigen Alumni gesprochen. Ich wollte in ein Top-Programm, einfach um ganz klar zu signalisieren, dass ich nicht nur in Römischer Militärgeschichte top sein kann, sondern dass ich mit meinen zukünftigen Klienten auch alle Business-Fragen sinnvoll diskutieren kann.Sie sind jetzt fast fünf Monate an der Wharton School. Erste Überraschungen oder Enttäuschungen?Eine positive Überraschung ist, dass ich, wenn ich negativ überrascht bin, nicht enttäuschst sein muss. Warum? Die Uni ist extrem flexibel, fragt die Studenten oft nach Feedback und verbessert dann Dinge in enger Zusammenarbeit. Schon in der zweiten Woche saß ich mit Vice Dean Anjani Jain zusammen, um einen Punkt im Pre-Term-Programm zu verbessern. Also: Es ist nicht alles Gold was glänzt, aber bevor man meckert, kann man hier viel polieren und schmieden, um den MBA sinnvoll und angenehm zu gestalten.Wenn Sie das Lernen an einer Business School mit dem Lernen an einer deutschen Uni vergleichen, was sind die größten Unterschiede?Von der Flexibilität habe ich schon gesprochen. Ein Unterschied ist, dass die Professoren einerseits dauernd evaluiert werden und andererseits den Anspruch haben, nicht immer ihr jeweiliges Steckenpferd zu lehren, sondern das, was sinnvoll für die Zukunft der Studenten ist. Auf der anderen Seite hat das Grenzen: Es gibt Professoren mit ?tenure?, die werden auch nach der soundsovielten schlechten Studentenbewertung noch da sein. Zudem wird großer Wert auf Forschung gelegt. Der Accountingprofessor, der zwar keine ?tenure? hat, dessen Klassen aber leer bleiben, hält sich trotz miserabelster Bewertungen eine ganze Weile - weil er ein guter Forscher ist.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Wie ?amerikanisch? ist Wharton?Jede US-Business School, die auf sich hält, behauptet heute, sie sei ?international?. Wieviel Wahrheit ist daran? Oder anders gefragt: Wie ?amerikanisch? ist Wharton?Wharton ist ein Zwitter: Die Schule ist im Kontext zu sehen, der sich so schnell nicht ändern wird - Philadelphia, Ivy League, getrieben von viel US-Business-Forschung, größter Frischfleisch-MBA-Lieferant für Wall Street etc. Auf der anderen Seite sind gut 40% der Studenten international.Dies ist nicht gerade der beste Augenblick, in den USA einen arabisch klingenden Namen zu tragen. Gab es da Probleme für Sie?Nein. Ich bewege mich ja hier in einer Gesellschaft, in der kaum pauschale Vorurteile auftreten. Außerhalb der Uni, sei es in der Schlange bei Aldi, sei es im Mittleren Westen, können die meisten Leute den Namen nicht mal entfernt zuordnen. Ich vermute, dass es aber interessante Reaktionen geben würde, wenn ich einen Kaftan und ein Kopftuch tragen würde.Das US-amerikanische Hochschulsystem setzt auf Wettbewerb unter den Studenten. Wie kommen Sie damit zurecht?Ach, herrje, bisher habe ich keinen so großen Wettbewerb gesehen, wenn ich es mit meiner Sport- oder Unternehmensberater-Vergangenheit vergleiche. Am Anfang gibt es ein paar Schaukämpfe, wo sich viele vor dem Professor auf die Brust trommeln, das legt sich aber bald.Das Klischee ist, dass alle MBA-Studenten überambitionierte Halb-Genies sind. wie viel ist dran?Kaum etwas. Es ist eher eine Mischung aus tatsächlichen Halbierens, Möchtegerns und wirklich soliden Typen. Halbgenies sind fast zu zurückhaltend, z.B. eine 21-Jährige MBA-Studentin, die Mandarin, Deutsch und Englisch fließend spricht, Top-Noten und außeruniversitäres Engagement zeigt, sich aber Sorgen um ein Praktikum bei einer Unternehmensberatung macht. Die überambitionierten Möchtegerns sind diejenigen, die sich für Halb-Genies halten (mindestens) - aber dann nichts auf die Reihe bekommen. Ich hatte so einen Fall in unserer Lerngruppe - die Leute fallen tief; ich hoffe, sie lernen was draus, bevor sie im nächsten Job damit auf die Nase fallen.Wenn Sie zurückblicken, hat Ihnen Ihr Lateinstudium doch irgendetwas gebracht - das Sie auch in Philadelphia anwenden können?Im Studium haben wir uns mit vielen grundlegenden Fragen beschäftigt und gelernt selbstständig zu arbeiten, aber auch in der Gruppe zu diskutieren. Wenn ich nur 50% der Noblesse aufbringen kann, mit der meine Professoren meine manchmal etwas verqueren Ideen und Spleens ertragen haben und so kanalisiert haben, dass doch etwas halbwegs Anständiges rauskam, habe ich schon viel erreicht.Die Fragen stellte Christoph Mohr.>> Weitere Berichte von Studenten an internationalen Top-Universitäten: www.karriere.de/mba-tagebuch
Dieser Artikel ist erschienen am 21.12.2004