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"Es geht nicht gegen die kranken Greise"

Anfang August veröffentlichte Patrick W. Klöckner, 37, im Eichborn-Verlag sein neues Buch "Die gierige Generation". Im Junge-Karriere-Interview spricht der Autor und Trainer für Finanzplanung über rüstige Rentner, rebellische Junge und den Verfassungsbruch durch das gesetzliche Rentensystem.
Bernd W. Klöckner: "Die gierige Generation", 2003, Eichborn, Frankfurt am Main, 17,90 Euro.
Anfang August veröffentlichte Patrick W. Klöckner, 37, im Eichborn-Verlag sein neues Buch "Die gierige Generation". Im Junge-Karriere-Interview spricht der Autor und Trainer für Finanzplanung über rüstige Rentner, rebellische Junge und den Verfassungsbruch durch das gesetzliche Rentensystem.

Herr Klöckner, im Titel Ihres neuen Buches bezeichnen Sie die Alten als "gierige Generation", die auf Kosten der Jungen abkassiert. Was werfen Sie den Rentnern vor?

Die heutigen Rentner genießen Beitragsrenditen von fünf oder sechs Prozent, während die heute Jungen später nicht einmal das rauskriegen werden, was sie eingezahlt haben. Das ist Enteignung. Gäbe es einen privaten Versicherer, der das gesetzliche System verkaufen wollte, würde er von der Staatsanwaltschaft eingesperrt. Mein Vorwurf richtet sich also in erster Linie gegen das gesetzliche Rentensystem.
Denn natürlich gibt es auch junge Gierige, wie die Politiker, die ich in meinem Buch beschreibe. Im Grund genommen spreche ich über den Egoismus der Gesellschaft, bei nötigen Einsparungen ständig auf andere Gruppen zu zeigen.

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Gab es einen konkreten Anlass für das Buch?

Ja. Als die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte Ende letzten Jahres damit begann, die jährlichen Rentenübersichten zu verschicken, habe ich mir die Rechnung eines Freundes genauer angeschaut. Mehrere tausend Euro, die ihm darin vorhergesagt wurden, schrumpften nach Berücksichtigung der Inflation auf ein paar mickrige hundert Euro. Da wurde mir klar: Alle heutigen Rentner kriegen gigantisch mehr als die künftigen. Generationengerechtigkeit wäre ein Beitragsrendite von beispielsweise vier Prozent für alle Rentner - die heutigen und die künftigen.

Als das Buch Anfang August erschien, war das Thema Generationengerechtigkeit in aller Munde, ausgelöst durch die Äußerungen des Junge-Union-Vorsitzenden Philipp Mißfelder, 85-Jährige brauchten kein neues Hüftgelenk mehr. Sind Sie ihm dankbar?

Ich begrüße jeden, der die Diskussion anfacht. Aber sie sollte klug geführt werden und auf Fakten basieren. Es geht nicht gegen die kranken Greise, sondern die rüstigen Rentner, denen völlig egal ist, was die Jungen eines Tages kriegen.
Schon vor Herrn Mißfelders Äußerungen war mir bei meinen Seminaren aufgefallen, dass die Leute sich häufiger fragen: Kriege ich noch genug Rente? Sie werden erst wach und danach rebellisch.

Im Internet-Forum, dass der Eichborn-Verlag für Ihr Buch eingerichtet hat, ernten Sie aber durchgehend Widerspruch, auch von Jüngeren.

Ja, weil die Leute nicht informiert sind und nicht rechnen können. Deshalb wehrt sich der ein oder andere Jüngere gegen die Erkenntnis.

Und die Älteren?

Die Vernünftigen, mit denen ich über das Buch diskutiert habe, haben mir ausnahmslos gesagt: Uns wäre lieber, die Politik würde jetzt schnell reagieren und möglicherweise die Renten fünf Jahre kürzen, und dafür hätten wir die nächsten dreißig Jahre ein sicheres System. Die weniger Vernünftigen sagen: Wir haben für unsere Rente gearbeitet. Da kann ich nur sagen: Die Jüngeren arbeiten auch.

Viele alte Menschen sagen auch: Wir haben früher härter gearbeitet und weniger verdient.

Wer hat es denn leichter gehabt, zu arbeiten? Der, der wusste, dass er 40 Jahre beschäftigt ist und mit 65 in Rente gehen kann, oder die Jungen, für die jetzt ein Renteneintrittsalter von 67 angedacht wird? Und die Leute haben gar nicht mehr die Garantie eines Arbeitsplatzes.

Sie sprechen die Vorschläge der Rürup-Kommission an. Was halten Sie davon?

Alles, was sich tut, ist zu begrüßen. Aber ich verstehe bis heute nicht, warum immer gesagt wird: Ab dem Jahre 2010, 2015 oder 2011. Ich fühle mich schlichtweg auf den Arm genommen. Warum nicht ab 2004? Der Bundeskanzler ist dem Wohle des deutschen Volkes verpflichtet, nicht dem der deutschen Rentner.

Aber es wird doch schon gespart. Sie weisen in Ihrem Buch darauf hin, das die Rentenerhöhungen in den vergangenen Jahren magerer als früher ausgefallen sind.

Tatsache ist aber: So lange absehbar ist, dass die Beitragsrenditen der Älteren und Jüngeren derart krass voneinander abweichen, müssen die Renten runter, und zwar sofort. Eine Nullrunde ist fast noch zu wenig, es müsste sogar mal gesenkt werden.

Aber die Alten haben sich auf die Rente verlassen und können nicht mehr privat vorsorgen.

Die Jungen auch nicht, denn für viele ist die Belastung mit Steuern und Sozialabgaben gigantisch. Und die Alten sollen auch nicht weiter vorsorgen. Mir geht es ja nicht um 100, 200 Euro weniger Rente im Monat. 10 Euro wären zwar zu wenig, aber schon ein Signal. Und manche Oma hat viel Geld gebunkert.

Von denen sie einiges an ihre Nachkommen vererbt.

Aber die Rente kann doch nicht davon abhängen, ob Du eine Oma hast, die was zu vererben hat. Das ist doch der Oberunsinn.

Was sollen die Jungen tun? Einen Krieg der Generationen anzetteln?

Zuerst mal privat vorsorgen. Auch wenn das schwer fällt im Kreislauf von Gier und der Angst, sich seinen Lebensstandard mit dem vorhanden Einkommen nicht mehr leisten zu können. Manchmal müssen Konsum und Spaß eben ein bisschen reduziert werden. Freunde von mir wollen auch die von mir im Buch angeregte Verfassungsbeschwerde gegen die Enteignung durch das gesetzliche Rentensystem angehen.
Einen Krieg der Generationen sehe ich nicht. Noch ist die Behäbigkeit bei der jungen Generation größer als das Bedürfnis auf die Barrikaden zu gehen. Aber ein Krieg der Generationen ist auch nicht in meinem Sinn. Wer das Buch bis zum Ende liest, versteht, dass es ohne Alt für Jung nicht geht und umgekehrt.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.09.2003