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"Es bewegt sich einiges"

Sie ist Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Aber nicht für Männer. Komisch eigentlich. Dabei spricht Ursula von der Leyen im Moment besonders gerne über Väter. Wenn es nach ihr geht, hat der Feierabendpapi bald ausgedient. "Aktive Väter haben eine gesunde Distanz zum Beruf, die ihnen Kraftressourcen eröffnet und den Blick für die wichtigen Dinge im Beruf schärft."
Frau Ministerin, Sie werden immer wieder gefragt: "Wie schaffen Sie es, Beruf und sieben Kinder unter einen Hut zu kriegen?" Fragt man Ihren Mann das auch so oft?
Ursula von der Leyen: In den ersten 15 Jahren unserer Ehe, als wir beide als Ärzte gearbeitet haben, kein einziges Mal. Das hat sich schlagartig geändert, als ich Sozialministerin in Niedersachsen wurde. Da hat mein Mann plötzlich Bemerkungen gehört wie: "Sie haben jetzt sicher keine Zeit mehr, weil Sie abends die Kinder ins Bett bringen müssen. Ihre Frau ist ja Ministerin." Oder wenn ein neues Projekt anstand: "Wie wollen Sie das schaffen? Sie müssen sich doch um die Kinder kümmern.

Wie ist er mit diesem plötzlichen Misstrauen umgegangen?
Die Verächtlichkeit, die ihm da entgegengeschlagen ist, hat anfangs sehr geschmerzt. Er hat klar machen müssen, dass Vatersein nicht bedeutet, plötzlich alle beruflichen Kompetenzen zu verlieren. Väter entwickeln sogar Fähigkeiten, die dem Unternehmen zugute kommen: Belastbarkeit, Flexibilität, Kommunikations- und Organisationstalent, Konfliktlösungsfähigkeiten, Pragmatismus. Aktive Väter haben eine gesunde Distanz zum Beruf, die ihnen Kraftressourcen eröffnet und den Blick für die wichtigen Dinge im Beruf schärft. Die soziologische Forschung zeigt übrigens, dass Führungsqualitäten zu 70 Prozent nicht im Betrieb gelernt werden, sondern in der Familie oder in Ehrenämtern

Die besten Jobs von allen


Etwa die Hälfte aller jungen Männer würde gerne Elternzeit nehmen. Aber wenn es konkret wird, zucken die meisten zurück. Wie wollen Sie das ändern?
Die Bereitschaft ist wirklich groß. 90 Prozent aller Männer sagen, sie möchten mehr Zeit für ihre Kinder haben - nur ein Prozent hätte gerne mehr Zeit für den Beruf. Aber die Väter stellen sich die Frage nach dem Einkommen, und die ist berechtigt. Da soll das Elterngeld, das wir 2007 einführen werden, ganz konkret helfen. Es stärkt den jungen Männern auch in der Arbeitswelt den Rücken, denn bisher ist es noch wenig akzeptiert, die Rolle des aktiven Vaters einzunehmen.

In Skandinavien beträgt das Elterngeld 80 Prozent des Nettoeinkommens, bei uns sollen es nur 67 Prozent sein. Ist das nicht zu wenig, um Anreize zu schaffen?
Im Vergleich zu heute sind 67 Prozent ein richtig starkes Wort. Mehr geht im Augenblick nicht. Gerade für Menschen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn sind 1 800 Euro viel Geld. Es geht ja auch um einen Wechsel in der Grundhaltung: Die Gesellschaft ersetzt im ersten Lebensjahr das Einkommen, das bislang einfach verschwindet. Damit setzen wir ein deutliches Signal, dass es uns nicht gleichgültig ist, wenn sich junge Menschen für ein Kind entscheiden

Mit Geld allein ist es aber nicht getan. Männer, die sich um ihre Familie kümmern wollen, brauchen Vorbilder. Wo sind die zu finden?
Wir haben eine Gesellschaft, die eigentlich nur den fernen Vater kennt. Eine andere Vaterrolle ist bei uns noch kaum definiert, und das erzeugt Unsicherheit. Zwei Drittel der jungen Väter sagt heute, dass sie kein Vorbild für die Vaterrolle haben; nur 17 Prozent sehen ihren eigenen Vater als Vorbild. Deshalb habe ich enorme Hochachtung vor Männern wie dem DIHK-Vorsitzenden Ludwig Georg Braun, der familienbewusste Personalpolitik in den Vordergrund seiner Unternehmenstätigkeit stellt und dies als Topmanagement-Thema platziert hat. Das ist ein Top-Down-Thema, das von der Unternehmensleitung vorgelebt werden muss. Im globalen Wettbewerb ist es wichtig, tradierte, veraltete Strukturen in Frage zu stellen, wenn sie nicht mehr weiterführen. Wir pflegen zum Beispiel immer noch die Vorstellung, dass Erfolg gleichbedeutend mit Dauerpräsenz ist. Doch nicht die Anwesenheit zählt, sondern die Ergebnisse der Arbeit

Was haben Unternehmen denn davon, wenn sie Väter und Familien unterstützen?
Wir gehen auf einen Fachkräftemangel zu. Und wenn qualifizierte junge Menschen mehrere Jobangebote haben, dann entscheiden sie danach, wo sie am besten mit ihren Kindern leben können. In den USA haben die großen Universitäten wie Stanford oder die IT-Unternehmen im Silicon Valley längst verstanden, dass sie Top-Leute nur bekommen, wenn sie sich auch um die Familien kümmern, etwa mit Kinderbetreuung, Schulsuche, Jobs für die Ehepartner. Dadurch halten sie die jungen Leute im Betrieb, machen sie motivierter und leistungsfähiger - das ist die Rendite des Unternehmens

Warum fühlen sich Männer - auch aus Ihrer eigenen Partei - durch die geplanten Vätermonate eigentlich so provoziert?
Vielleicht, weil es für sie so ungewohnt ist. Interessant finde ich, wie schroff manche reagieren, nach dem Motto: Wie kann man einem Mann zumuten, für ein Kind die Arbeitszeit zu reduzieren? Das zeigt das Grunddilemma in Deutschland: Frauen werden mit völliger Selbstverständlichkeit einer Situation ausgesetzt, in der sie sich zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen. Das Dilemma lösen wir nur, indem wir das Thema Erziehung in die Arbeitswelt integrieren und dort auch Raum und Zeit für Kinder schaffen, damit sie nicht als Hindernis, sondern als positiv für die Karriere gesehen werden

Damit kommen wir zum Kernproblem der Kinderbetreuung. Ganztagsplätze für Unter-Dreijährige sind bekanntlich rar. Wie sollen Eltern die Zeit bis zum Kindergarten überbrücken?
Es ist richtig, dass wir hier noch Nachholbedarf haben, aber es bewegt sich auch einiges. Wir haben seit 2005 ein Gesetz, das den Ausbau der Kinderbetreuung festlegt. Die Bundesregierung fördert dies mit 1,5 Milliarden Euro. Der Ausbau der Kinderbetreuung liegt allerdings in der Verantwortung von Ländern und Kommunen, aber auch da tut sich etwas. Die Kommunen realisieren, dass junge Familien nur zu ihnen ziehen, wenn sie dort mit ihren Kindern leben und ihren Lebensunterhalt verdienen können. Sollte sich 2008 zeigen, dass der Ausbau der Kinderbetreuung nicht wie vereinbart voranschreitet, werden wir 2010 einen Rechtsanspruch für einen Kindergartenplatz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einführen. So steht es im Koalitionsvertrag

Ein Drittel aller Männer zwischen 35 und 39 ist kinderlos, aber nur jede fünfte Frau. Warum treten so viele Männer in den Zeugungsstreik?
Junge Männer fühlen sich manchmal einfach überfordert. Einerseits sollen sie im Beruf Dauerpräsenz zeigen, andererseits eine Vaterrolle ausfüllen. Dann kommt oft das Gefühl: Wenn ich kein guter Vater sein kann, dann will ich lieber gar kein Vater sein. Eine Rolle spielen auch die langen Ausbildungsgänge in Deutschland. Wenn jemand im Hotel Mama sitzt und erst mit 29 Jahren mit einer qualifizierten Ausbildung fertig ist, wächst bei ihm nicht gerade der Mut, eine eigene Familie zu gründen

Wenn Sie sich den idealen Vater backen könnten - wie gestaltet der sein Leben?
Der ideale Vater und Mann versucht nicht, eine zweitklassige Mutter zu werden, sondern ein erstklassiger Vater zu sein. Dazu muss er couragiert und durchsetzungsfähig sein. Aber weil er ein leidenschaftlicher Vater ist, wird er das schaffen

Die Fragen stellte Britta Domke
Dieser Artikel ist erschienen am 11.05.2006