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Erst verspottet, jetzt bewundert

Von Katja Ridderbusch
Cynthia Good hat Erfolg mit ihrem Wirtschaftsmagazin für Frauen. Denn immer mehr Damen rücken an die Spitze von US-Unternehmen.
ATLANTA. Sie musste immer die Nachtschichten machen. Weil sie die einzige Frau im Team des lokalen TV-Senders in Atlanta war. Und weil die Jungs sofort die Tagschichten auf dem Dienstplan belegten. ?Aber vor allem, weil ich mich nicht gewehrt habe?, sagt Cynthia Good. Das ärgert sie ein bisschen, bis heute.Aber nur ein bisschen. Denn Cynthia Good ist längst an den Jungs vom Lokalfernsehen vorbeigezogen. Sie ist Gründerin und Chefredakteurin von ?Pink Magazine?, dem ersten überregionalen Wirtschaftsmagazin für Frauen in den USA. Seit sie ?Pink? vor drei Jahren startete, hat sich die Auflage verdoppelt auf knapp 500 000 Exemplare.

Die besten Jobs von allen

Das lockt Nachahmer an. Vor einigen Monaten reisten die Macher des Wirtschaftsblatts ?Forbes? aus New York nach Atlanta, luden ?Pink?-Chefredakteurin Good und Verlegerin Genevieve Bos diskret zum Lunch ein. Das Ergebnis des Gesprächs brachte Forbes vor kurzem auf den Markt: das Pilotmagazin von ?Executive Woman?, einer Mischung aus Lifestyle und Business. Das Heft für Karrierefrauen soll ab sofort viermal jährlich erscheinen. Herausgeberin ist niemand anderes als Moira Forbes, die Tochter des Verlegers Steve Forbes.?Die Forbes-Leute haben sich von uns inspirieren lassen, das ist doch großartig?, sagt Good, hebt energisch die Hände, die Armbänder rasseln fröhlich, und der Caffè Latte schwappt über den Rand des großen Starbucks-Bechers. Cynthia Good sitzt in einem Sessel in ihrem Büro, pink, versteht sich, die Beine übereinandergeschlagen, lacht und zeigt ihre blitzweißen Zähne. Sie gehört zu jenen Powerfrauen, deren Zahl und Einfluss in den US-Medien immer größer wird. Da sind zum Beispiel die Ikonen des US-Fernsehens, öffentlich verspottet und heimlich bewundert, Frauen wie Oprah Winfrey, Talkshow-Königin und angeblich reichste Frau der USA, oder Martha Stewart, Vorbild aller Hausfrauen und gefängnisgestählt nach einer Verurteilung wegen Insiderhandels. Und da sind immer mehr Frauen, die in den großen Medienhäusern an die Spitze rücken: Ann S. Moore ist Chefin von Time, dem weltweit größten Verlag für Nachrichtenmagazine. Cathy Black führt als Präsidentin das New Yorker Verlagshaus Hearst Magazines (?Cosmopolitan?, ?Harper?s Bazaar?). Und Janet L. Robinson ist Vorstandschefin der New York Times Company.Die wachsende Zahl von mächtigen Medienfrauen spiegelt den Einfluss weiblicher Führungskräfte in der US-Wirtschaft wider. Zwölf Fortune-500-Unternehmen werden mittlerweile von Frauen geleitet, darunter Pepsico, Xerox und das Auktionshaus Ebay. Rund 50 Prozent des mittleren Managements in US-Firmen ist mit Frauen besetzt. In Deutschland gibt es nur eine Frau im Vorstand eines Dax-Unternehmens: Margret Suckale bei der Deutschen Bahn.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dass Frauen an den Schalthebeln der großen Medienhäuser sitzen, hat in Amerika durchaus TraditionDass Frauen an den Schalthebeln der großen Medienhäuser sitzen, hat in Amerika durchaus Tradition. So lenkte Katherine Graham über zwei Jahrzehnte lang als Herausgeberin die Geschicke der ?Washington Post?. Sie starb 84-jährig im Jahr 2001. Anders als in Deutschland begünstigte in den USA die intensive Debatte über eine ?gläserne Decke?, die Frauen häufig vom Aufstieg ins höhere Management abhielt, seit den 80er-Jahren den kontinuierlichen Aufstieg von Frauen. Das hat auch dazu geführt, dass in den USA die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen längst Norm ist. Ferner gilt hier das Nebeneinander von Karriere und Familie als selbstverständlich, während sich in Deutschland Politik und Gesellschaft erst langsam daran herantasten.Vielleicht liegt der Erfolg der US-Karrierefrauen auch einfach darin, dass sie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, zumindest in der Arbeitswelt, etwas weniger ideologisch betrachten. So empfindet es zumindest Christie Hefner, Chefin von Playboy Enterprises und Tochter des legendären Playboy-Gründers Hugh Hefner: ?Ich sehe keinen Widerspruch darin, Boss von ,Playboy? zu sein und zugleich eine Verfechterin der Frauenrechte.? Die zierliche 55-Jährige gilt als robuste Pragmatikerin. Von einem typisch ?weiblichen Führungsstil? will sie nichts wissen. ?Ich bin kooperativ. Aber ich suche nicht den Konsens um jeden Preis. Das lähmt den Fortschritt.?Cynthia Good findet allerdings, dass es noch immer zu wenig Frauen in den Führungsetagen gibt. Und das, obwohl ?85 Prozent aller Kaufentscheidungen, privat wie geschäftlich, von Frauen getroffen werden?, wie sie sagt. ?Frauen sind eine reale Wirtschaftsmacht. Wer Frauen ignoriert, verspielt Gewinn.? Sie lächelt: ?Und am Ende geht es doch um Gewinn, oder?? ?Macht funktioniert, solange man sie nicht missbraucht?Der Name ihres Magazins ?Pink? ist ein augenzwinkerndes, selbstbewusstes Statement. Jene Farbe, die für das Weibliche überhaupt steht. Das ?Pink?-Team will mit dem Wort, mit der Farbe, künftig andere Werte assoziiert wissen: Kraft statt Schwäche, Spannung statt Weichheit, Dynamik statt Passivität, Freude an der Macht statt Selbstbescheidung. ?Macht ist gut?, sagt Cynthia Good. ?Macht funktioniert, solange man sie nicht missbraucht.?Macht ist auch ein Schlüsselwort für Joanne Lipman, ehemals Vize-Chefredakteurin des ?Wall Street Journal? und jetzt Chefredakteurin des Finanzmagazins ?Portfolio? aus dem Verlagshaus Condé Nast. ?Business ist Macht?, sagt Lipman. ?Und Mumm. Und Leidenschaft. Das Gleiche sollte auch Wirtschaftsberichterstattung bieten.? Egal ob von Männern gemacht oder von Frauen.Auch Cynthia Good hat kein Problem mit Männern. Bei der Namensfindung von ?Pink? half ihr Mann, US-Marketing-Guru Joey Reiman. Dessen Büro befindet sich im Erdgeschoss eines Lofts in Downtown Atlanta. Die Redaktion von ?Pink? residiert im ersten Stock: hohe Decken, roter Backstein, Glas und Holz und gelegentlich ein Accessoire in Pink; alles perfekt gestylt.An die alten Zeiten und ihre Nachtschichten beim Lokalfernsehen denkt Cynthia Good zwar nur noch selten. Aber von einer erzählt sie gerne: Als bei einer Gefängnisrevolte in Atlanta die Geiselnehmer nachts um zwei Uhr plötzlich mit den Medien sprechen wollten, war Cynthia Good zur Stelle ? und landete einen Coup. Danach wollten alle Männer nur noch Nachtschichten machen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.12.2007