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Erst grübeln, dann handeln

Von Katharina Slodczyk und Dietrich Creutzburg
Für Detlef Wetzel entscheidet die neue Metalltarifrunde auch über seine Karriere. Der IG-Metall-Chef in NRW könnte Berthold Huber als zweitobersten Metaller beerben. Aber manchem Kollegen ist das zu viel frischer Wind. ?Wo ist Detlef?? Der Mann, der die Frage stellt, überragt seine Kollegen um fast einen Kopf. Ein Zweimetertyp im Blaumann, mit Stoppelbart und ölverschmierten Pranken.
?Wo ist Detlef?? Der Mann, der die Frage stellt, überragt seine Kollegen um fast einen Kopf. Ein Zweimetertyp im Blaumann, mit Stoppelbart und ölverschmierten Pranken. Er hat freien Blick auf die Bühne 15 Meter vor ihm ? über zig Köpfe hinweg.Detlef kann er dennoch nicht entdecken, genauso wenig wie die anderen, die um ihn herum stehen und sich zu einem Lied der Kölner Karnevals-Combo De Höhner ?Jetzt geht es los, Vorhang auf und Bühne frei? warm schunkeln.

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Dabei steht der Gesuchte schon seit gut zehn Minuten dort vorne. Ein großer, schlanker Mann in schwarzer Lederjacke, graue, schüttere Haare, Bart ? die schlichte, randlose Brille ist so unauffällig wie er selbst: Detlef Wetzel, seit drei Jahren Chef der IG Metall Nordrhein-Westfalen.Doch immer noch gibt es viele, die ihn nicht erkennen. So auch an diesem kalten Dienstagmorgen Ende Januar. Atem formt sich vor den Mündern zu kleinen Wölkchen, vermischt sich mit dem Rauch der Zigaretten und steigt auf in den bedeckten Himmel. Einige hundert Männer stehen in der Nähe von Tor sechs auf dem Gelände der Ford-Werke im Kölner Norden. Rechts und links ruhen Gebäude aus verwittertem Backstein, vor ihnen steht ein zur Bühne umfunktionierter LKW-Anhänger. Alle warten sie darauf, dass es losgeht ? dass Detlef zu ihnen spricht.Wetzel arbeitet lieber im Hintergrund?Wir wissen, dass er die IG Metall in Nordrhein-Westfalen ein ganzes Stück attraktiver gemacht hat?, erzählt einer der Ford-Mitarbeiter und die Umstehenden nicken, ?aber viele von uns wissen nichts von ihm, noch nicht mal, wie er aussieht.?Denn Detlef Wetzel ist keiner, der das Rampenlicht sucht, der zu allen Jubilarfeiern erscheint und bei jedem Konflikt zwischen Gewerkschaft, Betriebsrat und Unternehmen Protestkommuniqués verfasst und Machtworte spricht. Wetzel arbeitet lieber im Hintergrund, entwickelt ungewohnte Ideen und moderne Ansätze. Dabei ist er äußerst erfolgreich, aber für die meisten unbekannt. Zumindest Letzteres könnte sich bald ändern. Der 54-jährige Wetzel gilt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für einen Chef-Posten bei der IG Metall auf Bundesebene. Er könnte Zweiter Vorsitzender werden, wenn Gewerkschaftschef Jürgen Peters wie verabredet sein Amt auf dem Gewerkschaftstag im November räumt, sein Vize Berthold Huber vorrückt und Wetzel sich bei der anstehenden Tarifrunde in der Metallbranche so gut schlägt wie in der Vergangenheit. Heute rammt die IG Metall mit einer konkreten Zahl ihren Pflock ein ? der Startschuss für die neue Tarifrunde.In Köln, auf dem Gelände der Ford-Werke, hat sich Detlef Wetzel schon mal warm geredet ? über ein Thema, mit dem sich bei den Metallern ohne Mühe punkten lässt: der Kampf gegen die Rente mit 67. ?Wer das fordert, der hat doch den Bezug zur betrieblichen Realität verloren. Rente mit 67, das heißt doch nur, die Menschen sollen krank in Rente gehen?, ruft Wetzel in die Menge. Und weiter: ?Rente mit 67, das heißt doch nur, arbeitslos sein und Hartz IV bis 67.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Traditionell an Wetzel war bislang nur sein Aufstieg.Der Applaus kommt, aber etwas flau. Pflichtschuldig. Wetzel ist kein großer Redner, hin und wieder hebt er die Hand und die Stimme, das rollende R, das seine Herkunft aus dem Sauerland verrät, wird dann lauter. Mit solch sparsamer Gestik erreicht er nur das Allernotwendigste: dass ihm die Ford-Arbeiter zuhören.Mitreißen kann er sie nicht. Die Rolle des kernigen Arbeiter-Agitators, die füllt Wetzel nicht aus. Es sind andere Situationen, die ihm besser liegen. Wenn er in kleiner Runde seine Ideen und Ziele erklärt. Wenn er Antworten sucht auf Fragen zur Zukunft der Gewerkschaften oder zu Globalisierung und sozialer Verantwortung. Dann denkt er lange nach und schweigt. Setzt dann ein, zwei Mal an, um erst stockend, dann immer flüssiger zu formulieren, weil ihm ein guter Gedanke, ein passender Vergleich für einen komplizierten Sachverhalt einfällt.Wenn er Sätze sagt wie: ?Es gibt Dinge, die wir als Gewerkschaft hinnehmen müssen, weil sie nicht verhinderbar sind. Diese Dinge müssen wir aber zu gestalten versuchen, so dass die Betroffenen damit umgehen können.? Oder: ?Die Zeiten, in denen die Gewerkschaftszentralen allmächtig als Stellvertreter für alles stehen, sind vorbei. Wir müssen einen Teil der Verantwortung an unsere Mitglieder in den Betrieben abgeben, um langfristig erfolgreich zu sein.?1972 fing sein Engagement bei der Gewerkschaft Solche Sätze vermitteln einen Eindruck davon, wofür Wetzel steht: für einen unkonventionellen Ansatz in seinem Gewerbe, für individuelle Lösungen, für Pragmatismus, für eine Abkehr von einem zentral organisierten Konfrontationskurs der Gewerkschaften gegen das Kapital.Traditionell an Wetzel war bislang nur sein Aufstieg: erst Jugendvertreter, dann Vertrauensmann und ehrenamtlicher Bildungsreferent, später Gewerkschaftssekretär, zweiter Bevollmächtigter, erster Bevollmächtigter und Mitglied der Bezirkskommission in Nordrhein-Westfalen. Seit Juli 2004 ist Wetzel Leiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen ? des größten Bezirks der Gewerkschaft mit gut 600 000 Mitgliedern.Mit dem Betriebsverfassungsgesetz 1972 fing sein Engagement bei der Gewerkschaft an. ?Das hat Belegschaften erstmalig große Gestaltungsmöglichkeiten gegeben?, erzählt der gelernte Werkzeugmacher, der später Sozialarbeit studierte. ?Ich bin Gewerkschaftler geworden, um die Dinge zu gestalten.?
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In seiner Heimat, der Verwaltungsstelle Siegen, hat er vorgemacht, was er darunter versteht. Er impfte den Belegschaften ein: Wenn ihr Pläne der Chefs verhindern wollt, müsst ihr euch selbst organisieren und zur Wehr setzen. Darüber hinaus führte er einen Bonus ein, den Gewerkschaftsmitglieder bei Abschlüssen extra erhalten. Die Strategie zahlte sich aus: Die Siegener Verwaltungsstelle zählte lange zu den wenigen mit steigenden Mitgliederzahlen.?Wetzel ist stets durch enormen Einsatz und Fleiß aufgefallen?, erzählt Harald Schartau, der ehemalige Leiter des IG-Metall-Bezirks Nordrhein-Westfalen und Ex-NRW-Wirtschaftsminister: ?Er zeichnet sich durch eine klare Fokussierung aus und großen Ideenreichtum.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie die Arbeitgeber Wetzel beschreiben.Die andere Seite, die Arbeitgeber, beschreiben ihren Verhandlungspartner so: ?Wetzel hat die IG Metall offen für Argumente gemacht?, sagt ein Mittelständler aus Westfalen. ?Wir konnten die Gewerkschaft nach langem Kampf sogar von der Notwendigkeit überzeugen, dass wir eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich brauchen.? Auch andere nordrhein-westfälische Metall-Unternehmen berichten hinter vorgehaltener Hand von solchen Deals mit Wetzel.Offen sein für gute Argumente ? das fordert Wetzel aber auch von den Arbeitgebern. Eines seiner liebsten Argumente lautet: ?Nicht die Tatsache, dass ein Unternehmen nach Tarif zahlt, verursacht wirtschaftliche Schieflagen, sondern fehlende Innovation, fehlende Kundenorientierung, fehlende Investitionen in die Zukunft.? Soll heißen: Auch Manager machen Fehler.Daher hat Wetzel die Kampagne ?Besser statt billiger? gestartet. Gemeinsam mit den Unternehmen entwickeln Betriebsräte Strategien, um ihre Firmen wieder wettbewerbsfähig zu machen. Die IG-Metall-Zentrale in Düsseldorf liefert Know-how, hält sich ansonsten aber zurück.Pilotabschluss 2006 als tarifpolitische ReifezeugnisMehr als 1 000 Unternehmen beteiligen sich inzwischen an der Aktion. ?Sie hat den Charme, dass eigentlich alle Seiten dabei nur gewinnen können?, erzählt der Chef eines Unternehmens aus dem Sauerland, ?denn unter dem Begriff ,besser? lässt sich vieles subsumieren, auch günstigere Produktionsmethoden.?Slogans, die sich gut verkaufen lassen, und dezentrale Lösungen ? mit dieser Mischung reagiert der Metaller Wetzel auf die komplexer werdenden Probleme der Unternehmen in Zeiten der Globalisierung, denen Gewerkschaften lange machtlos gegenüberstanden. Folge: In den vergangenen fünf Jahren hat die IG Metall bundesweit fast 400 000 Mitglieder verloren. In Nordrhein-Westfalen ist es dem Mann an der Spitze dagegen gelungen, die Verluste zu stoppen.Sein tarifpolitisches Reifezeugnis hat Wetzel im vergangenen Jahr mit dem Pilotabschluss für die bundesweit 3,5 Millionen Metaller erbracht: drei Prozent Lohnerhöhung plus Einstieg in eine gewinnabhängige Sonderzahlung. Kurz darauf setzte er mit einem etwas höheren Abschluss für die Stahlkocher noch eins drauf.
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Ob das für den Aufstieg, für eine Karriere in der Frankfurter Gewerkschaftszentrale reicht? ?Wahrscheinlich nicht?, mutmaßt ein Arbeitgeber, ?sonst würde Wetzel nicht in letzter Zeit den traditionellen Gewerkschafter mimen und uns auf völlig überhöhte Forderungen einstimmen.? Von 6,5 Prozent ist bislang die Rede ? angesichts eines Wachstums von fünf Prozent, das die Metallbranche für dieses Jahr erwartet.Von dem Modernisierer bleibt in der Tat nicht viel übrig, wenn Wetzel bei großen Kundgebungen wie in Köln auftritt und Sprechblasen wie ?Hört auf, die Menschen zu bekämpfen, bekämpft die Arbeitslosigkeit? in die kalte Luft ruft.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Was Wetzels nächsten Karriersprung verhindern könnte.Auch 70 Kilometer weiter nördlich bei Thyssen-Krupp Stahl in Duisburg gibt der Modernisierer Wetzel den Traditionalisten. Vor der Bühne machen Stahlarbeiter in Rollstühlen und mit grauen Perücken schon mal vor, wie es aussehen wird, wenn sie bis 67 werden arbeiten müssen. Junge Kollegen halten ein Transparent hoch: ?Ich hab? keinen Job, weil mein Opa noch arbeitet.? Wie passt solche plumpen Parolen zum Reformer Wetzel, zu einem, der sich sonst gegen alte Rituale wehrt, gegen das Image der Gewerkschaften als Vereine von Betonköpfen? Er gibt eine diplomatische Antwort: ?Wir sind bereit, über Demografie und die Folgen wie möglicherweise ein späteres Renteneintrittsalter zu reden. Aber es ist moralisch nicht zumutbar, einen Hochofenarbeiter mit 67 im Schichtbetrieb arbeiten zu lassen.? Rente mit 67 könne daher nicht für jeden gelten.Dem kann man schwerlich widersprechen. Kein Wunder, wenn Weggefährten über Wetzel sagen: ?Er hat Prinzipien, dazu gehört aber auch eine gewisse Beweglichkeit.?Wetzel gilt als Gefolgsmann HubersEindeutig festlegen mag sich Detlef Wetzel daher eher selten ? zuletzt während des großen Flügelkampfes in der IG Metall Mitte 2003. ?Peters muss weg?, forderte er damals. Der Richtungsstreit endete mit der Vereinbarung, dass IG-Metall-Chef Peters 2007 nicht mehr kandidiert und Berthold Huber das Amt übernimmt.Detlef Wetzel gilt als Gefolgsmann Hubers. Genau dies könnte seinen nächsten Karrieresprung noch verhindern: Unter einem Führungsduo Huber/Wetzel würden sich die als Traditionalisten bekannten Peters-Gefolgsleute womöglich zu sehr an den Rand gedrängt sehen.
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Offiziell herrscht noch Schweigen. Der Vorstand will den Führungswechsel frühestens im Sommer angehen. Erst die Tarifrunde, dann die Personalfrage ? so lautet die Strategie.Auch Wetzel will zu dem heiklen Thema nur soviel sagen: ?Wir sind hier in NRW noch lange nicht fertig mit unserer Arbeit. Wir sind gerade erst ein Drittel des Wegs gegangen, den wir uns vorgenommen haben.?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.02.2007