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Erst ausgebremst, dann aufgestiegen

Von Dirk Heilmann
Wolfhart Hauser ist einer der wenigen Deutschen, die es an die Spitze eines großen britischen Unternehmens geschafft haben. Er führt den internationalen Prüfkonzern Intertek. Und der Mann fühlt sich wohl, das sieht man. Breit lächelnd durchmisst Wolfhart Hauser die bescheidene Büroetage des Prüfkonzerns Intertek in der Savile Row, der legendären Straße der Herrenschneider zwischen Oxford Circus und Piccadilly Circus. Aus dem Besprechungszimmer geht der Blick über Hinterhöfe.
LONDON. Der Mann fühlt sich wohl, das sieht man. Breit lächelnd durchmisst Wolfhart Hauser die bescheidene Büroetage des Prüfkonzerns Intertek in der Savile Row, der legendären Straße der Herrenschneider zwischen Oxford Circus und Piccadilly Circus. Aus dem Besprechungszimmer geht der Blick über Hinterhöfe. Durch Dachfenster blickt man in Ateliers. Welch ein Kontrast zu der wuchtigen Zentrale des TÜV Süddeutschland, Hausers voriger Wirkungsstätte im Münchener Gewerbegebiet Sendling-Westpark.Und welch ein Kontrast bei den Strukturen. Nur 25 Menschen zählt die Londoner Konzernzentrale von Intertek, einem Unternehmen mit rund 840 Millionen Euro Umsatz und 15 000 Beschäftigten. Beim TÜV Süd verwalten hingegen Hundertschaften die 10 000 Mitarbeiter und gut eine Milliarde Euro Umsatz.

Die besten Jobs von allen

?Wir sind eine wirklich internationale und äußerst dezentrale Firma?, sagt Hauser. ?Wir folgen den Warenströmen und unterstützen mit unseren Serviceleistungen unsere Kunden, um die Qualität und Sicherheit ihrer Produkte zu optimieren?, beschreibt er das Geschäftsmodell.Intertek ist dort, wo für die Weltmärkte gefertigt wird, seien es Spielzeuge, Tabletten oder Autoersatzteile. Das Unternehmen prüft Produkte, sichert Qualität, vergibt Gütesiegel und zertifiziert alles Mögliche bis hin zu sozialer Verantwortung. Das macht Intertek zum echten Gewinner der Globalisierung ? und Hauser zum Vielflieger, der fast die Hälfte seiner Zeit mit Kunden und Mitarbeitern weltweit verbringt.Das gefällt dem drahtigen 56-Jährigen ? zumal er zu den wenigen deutschen Top-Managern in Großbritannien gehört. Begeistert erzählt er von seinen Begegnungen in dem multikulturellen Konzern, von Erfahrungen aus Besprechungen in Asien oder Amerika, begleitet Anekdoten mit fröhlichem Grinsen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ein lernendes Unternehmen?Ein ?lernendes Unternehmen? will er führen, in dem offen Fehler und Misserfolge analysiert, in dem kreativ über Geschäftschancen diskutiert wird und nicht die Strukturen im Vordergrund stehen. Auch die Diskussionen mit Investoren und Analysten empfindet er nicht als lästige Pflicht, sondern als intellektuelle Herausforderung. ?Es gibt eine Reihe Analysten, die unser Geschäft gut verstehen?, erzählt er, ?die stellen gute und schwierige Fragen.?Nur zwischen den Zeilen lässt Hauser so durchschimmern, was ihm während seiner Laufbahn beim TÜV Süddeutschland gefehlt hat. Doch ein früherer, enger Mitarbeiter schildert die Kämpfe, die Hauser dort in verknöcherten Strukturen auszufechten hatte. Hauser sei ein hochintelligenter Visionär. Man könne nur kritisieren, dass er manchmal den Mitarbeitern zu weit voraus gewesen sei.Hauser habe dem TÜV Süd als Vorstandschef in den Jahren von 1998 bis 2002 eine ganze Reihe neuer Geschäftsfelder wie Lebensmittel-Prüfung und Management-Zertifikate eröffnet. Doch die alte Riege im Haus um den damaligen Aufsichtsratschef Karl Eugen Becker habe ihn allzu oft gebremst. Als Hauser dann das Unternehmen verließ, mussten mehrere Gefolgsleute mit ihm gehen.Damit endete die mehr als zwei Jahrzehnte währende Karriere eines Quereinsteigers beim süddeutschen TÜV. Hauser ist studierter und promovierter Mediziner, wollte eigentlich in die Wissenschaft oder die Pharmaindustrie. Doch dann lockt ihn 1980 die Chance, beim damaligen TÜV Bayern ein Institut für Biomedizin, Ergonomie und Software aufzubauen. Später widmet er sich lange dem internationalen Geschäft.Während dieser Zeit lernt er Richard Nelson kennen. Das ist der Mann, der Intertek 1996 per Management-Buy-out von dem Mischkonzern Inchcape abnabelt. Nelson holt Hauser 2002 als Aufsichtsrat und Strategieberater zu seinem Unternehmen, als der Münchener beim TÜV Süd ausscheidet. Intertek geht im gleichen Jahr an die Londoner Börse, wo das Unternehmen heute zum FTSE-250-Index zählt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Spitzenjob bei Intertek reizt Als sich Nelson nach 22 Jahren an der Firmenspitze zurückziehen will, sucht er lange international nach einem Nachfolger ? und kürt dann den Deutschen. ?Eigentlich hatte ich gar nicht mehr vor, so stark ins operative Geschäft zu gehen?, sagt Hauser. Doch der Spitzenjob bei Intertek reizt ihn; er tritt im März 2005 an.Sein erstes Jahr ist gut gelaufen: Der Umsatz ist um 16 Prozent gestiegen, der Gewinn um elf Prozent. Heute gehört Intertek nach vielen Zukäufen zu den führenden internationalen Prüfkonzernen ? Hauptkonkurrenten sind die Schweizer SGS und die französische Bureau Veritas. ?Nur fünf Prozent unseres Geschäfts gehen auf Leistungen zurück, für die die Kunden unabhängige Gutachter einsetzen müssen?, erläutert Hauser. ?Den großen Rest könnten sie auch selbst erbringen.? Intertek muss also die Märkte kennen sowie günstiger und besser arbeiten als interne Abteilungen. Das führt zu einem anderen Druck als bei einem TÜV-Konzern, dessen Geschäft auf staatlich regulierten Märkten basiert und sich zu 80 Prozent im Inland abspielt. Nicht nur die Risiken, auch die Chancen sind größer. ?Unser Geschäft hat ein Riesenpotenzial?, schwärmt er.In London fühlt sich Hauser mit seiner Familie sehr wohl. Einer seiner Söhne beginnt hier bald ein Studium, der andere geht hier zur Schule. Mit seiner Frau genießt er das Kulturangebot in der Metropole und hält sich mit Tennis und Golf fit.Am Leben und Arbeiten in London gefällt ihm der zupackende Pragmatismus. ?Wenn man hier mit dem deutschen Blick herangeht, fällt einem die nicht perfekte Infrastruktur auf?, sagt er. ?Doch das hindert niemanden daran, motiviert viele Entwicklungen voranzutreiben.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Wolfhart Hauser Vita von Wolfhart Hauser 1949: Er wird in München geboren, geht hier zur Schule, studiert Medizin und promoviert.1980: Er geht zum TÜV Bayern und hat die Aufgabe, ein Institut für Biomedizin aufzubauen. Anschließend kümmert er sich um das Auslandsgeschäft.1997: Er steigt in den Vorstand des TÜV Süddeutschland auf, der aus dem TÜV Bayern und den Gesellschaften aus Baden-Württemberg, Hessen und Sachsen entstanden ist. Ein Jahr später wird er Vorstandschef.2002: Er scheidet aus und tritt ins Board des britischen Prüfkonzerns Intertek ein.2005: Er wird dort Chief Executive Officer (CEO).
Dieser Artikel ist erschienen am 01.08.2006