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Ernst Welteke: Zäher Hund auf Schleichwegen

Von Michael Maisch
Die ?Adlon-Affäre" hat Deutschlands bestverdiendenen Beamten mächtig unter Druck gebracht. Doch der Bundesbankpräsident kämpft um seinen Job. Rechtlich und moralisch habe er sich nichts vorzuwerfen, sagt er.
Ernst Welteke Foto: dpa
FRANKFURT. ?Hätte ich nicht teilgenommen, wäre ich genauso verurteilt worden?, betont der Notenbanker. Es ist Weltekes Reaktion auf eine Geschichte des Nachrichtenmagazins ?Der Spiegel?. Darin wird ihm vorgeworfen, dass er sich von der Dresdner Bank mehrere Übernachtungen in einem Berliner Luxushotel bezahlen ließ ? Rücktrittsforderungen waren die Folge.Doch trotz aller Kampfeslust, die Affäre hat bereits ihre Wunden hinterlassen: ?Ich muss eine schmerzhafte Reform in der Bundesbank umsetzen, da helfen Presseartikel, die die moralische Integrität untergraben, nicht gerade.? Das gilt speziell für Welteke, der als bescheiden und bodenständig eingeschätzt wird. In Frankfurt lebt er in einem Reihenhaus, hin und wieder sieht man ihn ohne Leibwächter beim Einkaufsbummel. Und in seiner Zeit als Präsident der Landeszentralbank nutzte er einen Urlaub, um einen Hilfskonvoi nach Russland zu begleiten.

Die besten Jobs von allen

?Ich bin der einzige wirkliche Sponti in der hessischen Landesregierung?, hat Welteke einmal über sich gesagt. Das war vor rund 15 Jahren, als er als Finanzminister zusammen mit Joschka Fischer im Wiesbadener Kabinett saß. Heute hat ihn diese Spontanität in Bedrängnis gebracht. Selbst Parteifreunde und Weggefährten wundern sich über die Unbekümmertheit, mit der Welteke sich mit Kind und Kegel damals zu Silvester auf Kosten der Dresdner Bank vier Tage im Berliner Hotel Adlon einquartierte.Das Image des geselligen, unkonventionellen, offenen Notenbankers, der die Ärmel hochkrempelt und im Gegensatz zu den kryptischen Aussagen seines amerikanischen Amtskollegen Alan Greenspan oder zum stoischen Schweigen seines Vorgängers Hans Tietmeyer am liebsten Tacheles redet, hat Welteke schon immer gepflegt. Auch dabei zeigte er manchmal mehr Offenheit, als seinen Kollegen im Vorstand lieb war. Mit seinen Aussagen zu möglichen Goldverkäufen der Bundesbank in einem Fernsehinterview hat er vor zwei Jahren schon einmal den Preis des Edelmetalls auf Talfahrt geschickt.Lesen Sie weiter auf Seite :Doch wer den 61-Jährigen als unkomplizierte Frohnatur, als Biedermann aus der nordhessischen Provinz abtut, der unterschätzt ihn. Der gelernte Landmaschinenmechaniker und studierte Volkswirt gilt ehemaligen Gewerkschaftern, Kommunal- und Landespolitikern als pragmatischer Politprofi, angstfrei und stressresistent, wie es in seiner Umgebung heißt. Selbst Gegner gestehen ihm Hartnäckigkeit und Durchsetzungsfähigkeit zu. Er sei ein ?zäher Hund?, der seine Ziele oft auf Schleichwegen, aber mit großer Ausdauer erreiche, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter aus der hessischen Landeszentralbank.Mit diesen Tugenden hat er sein wichtigstes Projekt, den Umbau der Führungs- und Organisationsstruktur der Bundesbank, durch Bundestag und Bundesrat gebracht. Das war kein Spaziergang, schließlich galt es, die mächtigen Regionalfürsten in den Landeszentralbanken zu entmachten.Viele halten den Sozialdemokraten Welteke für den politischsten Präsidenten, den die Bundesbank je hatte. Umso mehr muss die Distanz schmerzen, die Bundesfinanzminister Hans Eichel in den vergangenen Tagen zu Welteke aufgebaut hat. Die beiden verbindet eine 40-jährige politische Freundschaft. ?Was die Bundesregierung betrifft, so sind nach den Verhaltensregeln, die wir haben, solche Vorgänge nicht möglich?, gab Eichel gestern öffentlich zu Protokoll. Nach voller Rückendeckung klingt das nicht gerade. Welteke gibt sich cool: ?Ich mache das, was ich für richtig halte, damit bin ich bisher immer gut gefahren.?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.04.2004